HOMEPAGE



Lüneburg

HERZERWÄRMEND UND BERÜHREND

Einmalig: „Tanzabend vor dem Eisernen Vorhang – Olaf Schmidt hautnah“



Der Lüneburger Ballettdirektor wollte damit an eine Tradition aus den 1920er Jahren anknüpfen, in denen Solo-Abende gang und gäbe waren. Eine schöne Tradition – wie geschaffen gerade für die kleineren Bühnen, zu denen jenes Theater gehört.


  • Der Lüneburger Ballettdirektor Olaf Schmidt Foto © Dan Hannen

Als „Tanzmonopol“ war dieser Abend am 14. Februar im Lüneburger Theater angekündigt, als „Tanzabend vor dem Eisernen Vorhang – Olaf Schmidt hautnah“. Er habe einfach einige Stücke noch einmal tanzen wollen, erklärte Olaf Schmidt, als er vor Beginn der eigentlichen Vorstellung kurz vor den Vorhang trat, um zu erklären, was es mit diesem einmaligen Abend auf sich hatte. Er wolle damit an eine Tradition aus den 1920er Jahren anknüpfen, in denen solche Solo-Abende gang und gäbe waren. Eine schöne Tradition – wie geschaffen gerade für die kleineren Bühnen, zu denen auch das Lüneburger Theater gehört. Es wurde ein Abend, der das Herz erwärmte und die Seele berührte.

Zwischen die drei ersten Stücke bis zur Pause hatte Olaf Schmidt eine Filmdokumentation gesetzt – zur Information des Publikums, aber auch um selbst zwischen den Stücken Gelegenheit zum Verschnaufen und Umziehen zu bekommen. Der Film zeigt die Arbeit an Schmidts „I am not“ bei den IMPERFECT Dancers in Italien, einem Stück nach dem Roman „Alles, was wir geben mussten“ („Never let me go“) von Kazuo Ishiguro. Schwarz-Weiß-Film und Live-Aufführungen verweben sich so zu einem Gesamtkunstwerk, das einen tiefen Einblick in das Schaffen und die Persönlichkeit des Lüneburger Ballettdirektors erlaubt.

Olaf Schmidt beginnt mit „Pavane“ aus 2009 zu Musik von Maurice Ravel für Klavier und Bratsche. Es ist ein ebenso sanftes wie kraftvolles Solo voller fließender, weicher Bewegungen, die eine liebevolle Innigkeit ausstrahlen. Das hat so gar nichts Selbstverliebtes, dafür umso mehr Selbst-Verständliches und Selbst-Bewusstes und berührt mit seiner Innigkeit. Mindestens ebenso zwingend dann „Between Fear and Sex“ in der Choreografie von Scott Philips aus 1992 nach „Ne me quitte pas“ von Jacques Brel. Mara Sauskat ist hier die Frau, anfangs an den Stuhl gefesselt, später sich befreiend und selbst die dominante Rolle einnehmend. Sie und Olaf Schmidt stehen sich hier an Intensität in nichts nach – und zeigen höchst expressiv das ewige Wechselspiel um Liebe und Hass, um Macht und Ohnmacht, um Anziehung und Abstoßung.

Vor der Pause dann noch ein hinreißender „Schwanengesang“, ein Solo von Olaf Schmidt von 2011 zu Franz Schuberts „Ständchen“ in der Interpretation der Diseuse Georgette Dee und des Pianisten Terry Truck. Musik und Tanz verschmelzen hier auf heiter-melancholische Weise. Man wünscht sich dieses Stück auch einmal auf einer größeren Bühne zu sehen, um dem ganzen noch mehr Raum zur Entfaltung zu geben. Das gilt auch für „Die Blaue Brille“, Olaf Schmidts Pas de deux aus dem Jahr 1991 zu Richard Wagners „Siegfried-Idyll“ in der Interpretation von Glenn Gould. Zusammen mit Kerstin Kessel und einer Parkbank bietet Schmidt hier ein Paradestückchen über die Unmöglichkeit zweier Menschen, zueinander zu kommen – ebenso hintergründig wie humorvoll und melancholisch. Das trifft mitten ins Herz.

Mit diesem intimen Abend zeigte Olaf Schmidt einmal mehr, welch ein Glücksfall er für den Tanz gerade im Umfeld Hamburgs ist, der allzu leicht hinter der Strahlkraft des Hamburg Ballett in Vergessenheit gerät. Das Publikum belohnte Schmidt und die beiden Tänzerinnen mit begeistertem Beifall.

Veröffentlicht am 16.02.2015, von Annette Bopp in Homepage, Kritiken 2014/2015, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 3871 mal angesehen.



Kommentare zu "Herzerwärmend und berührend"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    EIN GROßER WURF

    Olaf Schmidts Version von "Orpheus und Eurydike" als getanzte Oper am Theater Lüneburg setzt neue Maßstäbe

    Eine der schlüssigsten und pfiffigsten Adaptationen von Glucks zeitlosem Meisterwerk ist jetzt in Lüneburg zu sehen - als Mischung aus Oper und Ballett in einer von A bis Z überzeugenden Inszenierung

    Veröffentlicht am 25.09.2019, von Annette Bopp


    VOM FLIEHEN UND VERTRIEBENWERDEN

    „StadtRaumKlang“ am Theater Lüneburg

    Es war gewagt – und ein Gewinn auf ganzer Linie: Für das Projekt erarbeitete Ballettdirektor Olaf Schmidt eine bemerkenswerte Version von Strawinskys „Sacre du Printemps“ mit seinem Ensemble und acht freiwillig auftanzenden LüneburgerInnen.

    Veröffentlicht am 27.11.2018, von Annette Bopp


    MOZARTS SEELENTIEFEN EINFÜHLSAM ERGRÜNDET

    Olaf Schmidts „Amadé“ am Theater Lüneburg

    Ein spannendes und sensibel ausgelotetes Seelen-Portrait des großen Komponisten und ein Stück, dem eine ganz große Bühne gebührt.

    Veröffentlicht am 21.01.2018, von Annette Bopp


    „MEIN BLICK IST KLARER GEWORDEN“

    Olaf Schmidt, Ballettdirektor am Theater Lüneburg, im Gespräch mit Annette Bopp

    Nachdem er in Kaiserslautern, Karlsruhe und Regensburg die Ballettsparten leitete, ist Olaf Schmid nun in Lüneburg angekommen und spricht über seine Erfahrungen und Pläne.

    Veröffentlicht am 12.01.2016, von Annette Bopp


    GROSSER WURF AUF KLEINER BÜHNE

    Olaf Schmidt choreografiert in Lüneburg „Kaspar Hauser“

    Er findet dafür eine Bewegungssprache, die traditionelle Gestik mit völlig neuen Elementen vermischt – das wird nie langweilig, und es trifft immer das Wesentliche.

    Veröffentlicht am 25.01.2014, von Annette Bopp


     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    4. INTERNATIONALE BALLETTGALA

    Eine Veranstaltung des Fördervereins „Ballettfreunde Staatstheater Nürnberg e.V.“ und des Staatstheater Nürnberg Ballett
    Veröffentlicht am 09.12.2019, von Pressetext


    PINA BAUSCH LEBT

    Die Semperoper Dresden zeigt mit einer grandiosen "Iphigenie auf Tauris", dass Qualität nicht altert
    Veröffentlicht am 06.12.2019, von Rico Stehfest


    DES GUTEN NICHT ZUVIEL

    Rudolf Nurejews "Raymonda" zurück an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 05.12.2019, von Julia Bührle



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    RED.FOREST

    Premiere des Ensembles PLAN MEE in Nürnberg

    In dieser Adventszeit wird in der Tafelhalle die zweite Produktion der Saison gefeiert. Das Ensemble PLAN MEE unter der choreografischen Leitung von Eva Borrmann präsentiert am 19. Dezember seine Premiere „Red.Forest“.

    Veröffentlicht am 18.11.2019, von Pressetext

    LETZTE KOMMENTARE


    ADOLPHE BINDER BEKOMMT AUCH IM BERUFUNGSVERFAHREN RECHT

    Neues in der Causa Tanztheater Wuppertal
    Veröffentlicht am 19.08.2019, von tanznetz.de Redaktion


    „NICHT EIN X-BELIEBIGES MODERNES ENSEMBLE“

    Die Intendantin des Tanztheater Wuppertal Bettina Wagner-Bergelt im Interview
    Veröffentlicht am 27.09.2019, von Miriam Althammer


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    HELLMUTH MATIASEK FEIERT HEUTE SEINEN 85.GEBURTSTAG

    Pick bloggt über seinen langjährigen Intendanten Hellmuth Matiasek und reist in Gedanken von Rosenheim bis nach Japan

    Veröffentlicht am 15.05.2016, von Günter Pick


    NEUES IM FALL BINDER

    Tanztheater Wuppertal legt Beschwerde gegen das Urteil ein

    Veröffentlicht am 29.11.2019, von tanznetz.de Redaktion


    EIN SEELENGEMÄLDE

    „Die Glasmenagerie“ von John Neumeier beim Hamburg Ballett uraufgeführt

    Veröffentlicht am 02.12.2019, von Annette Bopp


    FRÜHLINGSOPFER UNTER STRÖMENDEM REGEN

    Ballett Zürich zeigt Marco Goeckes „Petruschka“ und Edward Clugs „Le Sacre du Printemps“

    Veröffentlicht am 09.10.2016, von Marlies Strech


    ZUCKERSÜß

    Theater Chemnitz zeigt das "Nussknacker"-Ballett

    Veröffentlicht am 03.12.2019, von Gastbeitrag



    BEI UNS IM SHOP