HOMEPAGE



Gelsenkirchen

KUNST IM ANGESICHT DES TODES

Bridget Breiners Ballett "Charlotte Salomon" am Ballett im Revier



Nach Ausstellungen und Marc-André Dalbavies Oper "Charlotte Salomon" bei den Salzburger Festspielen erlebte nun Breiners Ballett "Charlotte Salomon - Der Tod und die Malerin" über das Leben der deutsch-jüdischen Malerin seine Uraufführung.


  • Bridget Breiners Ballett "Charlotte Salomon" Foto © Ursula Kaufmann
  • Bridget Breiners Ballett "Charlotte Salomon" Foto © Ursula Kaufmann
  • Bridget Breiners Ballett "Charlotte Salomon" Foto © Ursula Kaufmann
  • Bridget Breiners Ballett "Charlotte Salomon" Foto © Ursula Kaufmann
  • Bridget Breiners Ballett "Charlotte Salomon" Foto © Ursula Kaufmann
  • Bridget Breiners Ballett "Charlotte Salomon" Foto © Ursula Kaufmann
  • Bridget Breiners Ballett "Charlotte Salomon" Foto © Ursula Kaufmann
  • Bridget Breiners Ballett "Charlotte Salomon" Foto © Ursula Kaufmann
  • Bridget Breiners Ballett "Charlotte Salomon" Foto © Ursula Kaufmann
  • Bridget Breiners Ballett "Charlotte Salomon" Foto © Ursula Kaufmann
  • Bridget Breiners Ballett "Charlotte Salomon" Foto © Ursula Kaufmann
  • Bridget Breiners Ballett "Charlotte Salomon" Foto © Ursula Kaufmann

Es war eines jener grauenvollen deutschen Schicksale. Die Eckdaten sagen schon viel: geboren 1917 in Berlin, gestorben 1943 in Auschwitz. Dazwischen liegt die Odyssee der deutsch-jüdischen Malerin Charlotte Salomon auf der Suche nach Sicherheit und Geborgenheit. Ihr ständiger Begleiter: der Tod.

Nach dem Selbstmord der Mutter flieht sie vor den Nazis zu den Großeltern nach Frankreich, muss den Selbstmord der Großmutter erleben und die eiskalte Analyse des übergroßen Großvaters, auch sie werde so enden. In einem Aufbäumen gegen das todesschwangere Leben um sie herum entstehen innerhalb von nur zwei Jahren weit über 1 000 kleinformatige Gouachen. Blutrot, sonnengelb und ein tiefes Himmelblau waren Salomons bevorzugte Farben. Düstere Töne beherrschen oftmals Hintergrund und Seitenpartien ihrer Bilder. Expressionistisch ist der Stil, die Nähe zu van Goghs gestrichelten Feldern und Wiesen unübersehbar. Das Herzstück der Sammlung bildet das autobiografische Singspiel "Leben? oder Theater?" aus 769 Bildern mit Texten und kurzen musikalischen Zitaten, vorwiegend aus so bekannten Werken wir Glucks "Orpheus und Eurydike" (Ach ich habe sie verloren), Carmens "Habanera" - und natürlich Schuberts Lied "Der Tod und das Mädchen". Bridget Breiner und die amerikanische Komponistin Michelle DiBucci wählten in enger Zusammenarbeit einige Schlüsselszenen aus diesem Singspiel aus und schufen ein eindrückliches Szenario, das im zweiten Teil an Dichte und Intensität gewinnt.

Es ist ein schmaler Grat, auf dem die junge Künstlerin sich bewegt. Weit reicht ein Laufsteg ins Zuschauerparkett. Die grandiose Kusha Alexi - nach dem offiziellen Ende ihres Engagements gastiert sie als Charlotte - reckt und streckt sich, blickt auf den dünnen Papiervorhang, der heitere Ferientage verspricht: Weit reicht das Meer, kleine weiße Schaumkronen hie und da. Allmählich wogt das Wasser, Buchstaben und Worte tauchen aus der Tiefe auf. Plötzlich ist da Bedrohung. Hakenkreuzfahnen, Aufmärsche am 30. Januar 1933, Beginn der Naziherrschaft. Angstvoll durchbricht die junge Frau das Bild, gelangt durch den leicht schräg hängenden Holzrahmen in ihre Bilderwelt, durch die der Tod majestätisch geistert (Jonathan Ollivier) - Bilder ihres Lebens mit Eltern und Kameraden hinter grotesken Masken inmitten dieses Wahnsinns. Zu Valentin Juteaus Solo erklingt der zackige Militärmarsch "Die Fahne hoch..." Wenig später wabern schwarze Rauchschwaden und ätzender Gestank durch den Raum: Kristallnacht (infernalisches Solo von Franscesca Berruto). Eine schöne, aber eher sanfte Carmen in gelber Robe mit langer Schleppe (Mezzosopranistin Anke Sieloff) schreitet über die Bühne, begleitet von einem Pas de deux (Nora Brown, José Urrutia): die Sängerin Paula Lindberg (sehr charmant und elegant geschmeidig tanzend: Ayako Kikuchi) erobert als Charlottes Stiefmutter ihr Herz. In den Gesangslehrer Daberlohn (Junior Demitre) verliebt sie sich Hals über Kopf. Er attestiert ihr eine große Karriere dank ihres "überdurchschnittlichen Talents" - und sie ahnt: "Ich hab' schrecklich wenig Zeit".

Die will sie, geflohen zu den Großeltern, nutzen. Nicht wirklich aus Fleisch und Blut, sondern wie hohle Pappkameraden - zierlich und riesig - treten sie ihr gegenüber. Von fern erklingen Fetzen von "Freude schöner Götterfunken". Eine Illusion. Bestürzend schnell und grausam folgt der Selbstmord der Großmutter (Rita Duclos) auf einem gusseisernen Doppelbett. Kalt lässt der Großvater Charlotte sich selbst überlassen.
Lange schwebt ein weißes Blatt über der Szene. Schließlich aber beginnt Charlotte ihr Leben in Bildern zu erzählen. Hastig, gehetzt blättert eine Geisterhand durch das dicke Buch, das nun entsteht. Dann bricht das Leben zusammen. In einem wilden Paukentanz mischen sich Flüchtende und Henker. Auf Koffern sitzend, ein Leichentuch straff als Tischplatte haltend und gestikulierend sitzen Maskierte zusammen - eher eine beklemmende denn sarkastisch satirische Reverenz an Kurt Jooss' "Grünen Tisch". Noch wehrt sich Charlotte gegen die Attacken des Todes (brillanter Pas de deux!). Sie verschließt die Augen, rettet sich auf ihre kleine Insel. Vielleicht kann sie die Balance halten auf dem schmalen Grat.

Michelle DiBucci hat eine packend theatrale Partitur für Breiners (etwas textlastiges, akustisch unbefriedigendes) Ballett in der fulminanten Ausstattung von Jürgen Kirner komponiert. Die Neue Philharmonie Westfalen musiziert unter Valtteri Rauhalammi leidenschaftlich. Das Ballett im Revier gewinnt immer mehr Profil. Jubel und Respekt des Premierenpublikums waren einhellig für alle Beteiligten.


Ergänzt wird der Ballettabend ab 28. Februar von einer großen Bilderschau im Museum Bochum.

Veröffentlicht am 16.02.2015, von Marieluise Jeitschko in Homepage, Kritiken 2014/2015, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 3071 mal angesehen.



Kommentare zu "Kunst im Angesicht des Todes"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    EISHOCKEY MEETS NEOKLASSIK

    Wieder Shakespeare beim Ballett Im Revier in Gelsenkirchen: Bridget Breiners „Romeo und Julia“

    In „Romeo und Julia“ pendelt Breiner zwischen Science Fiction, Antike und Renaissance. Ihre Choreografie ist eine Liebeserklärung an das neoklassische Ballett.

    Veröffentlicht am 18.02.2018, von Marieluise Jeitschko


    TRAGISCHE LIEBE UND TRAUER

    Bei David Dawsons "Giselle" machen Essens "Aalto Ballett" und Gelsenkirchens "Ballett im Revier" gemeinsame Sache.

    Bridget Breiner tanzte in der Essener Premiere eine faszinierende Bathilde und alterniert in der Titelpartie mit der zauberhaft natürlichen Anna Kamzhina.

    Veröffentlicht am 30.03.2014, von Marieluise Jeitschko


    MÄRCHEN AUF DREI EBENEN ERZÄHLT

    Eine Geschichte von Aschenputtel erzählt Bridget Breiner mit "Ruß"

    " "Ruß - eine Geschichte von Aschenputtel", so nennt Bridget Breiner, die neue Direktorin des "Ballett im Revier", ihr erstes Handlungsballett, das im Kleinen Haus des Gelsenkirchener Musiktheaters seine mit Spannung erwartete und begeistert aufgenommene Uraufführung erlebte...

    Artikel aus Emsdettener Volkszeitung vom 21.01.2013


     

    AKTUELLE KRITIKEN


    DAS WAR’S

    Rückblick auf die Tanzwerkstatt Europa 2019 in München
    Veröffentlicht am 15.08.2019, von Vesna Mlakar


    SPEKTAKULÄR UND POLITISCH

    (La)Horde mit „Marry Me In Bassiani“ in der Kampnagelfabrik
    Veröffentlicht am 10.08.2019, von Annette Bopp


    GRENZEN DES MENSCHLICHEN KÖRPERS

    Die Eröffnung der Tanzwerkstatt Europa 2019 in München
    Veröffentlicht am 03.08.2019, von Gastbeitrag



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    CREATING DANCE IN ART AND EDUCATION – TANZPÄDAGOGIK UND CHOREOGRAFIE

    Berufsbegleitende Weiterbildung der TanzTangente Berlin in Kooperation mit dem Berlin Career College der Universität der Künste Berlin startet mit neuen Partnern die neue Bewerbungsrunde. Anmeldefrist ist der 1. November 2019

    In dieser Weiterbildung können TänzerInnen und Menschen mit fundierter Bewegungserfahrung Methoden erlernen, um tanzpädagogische Projekte in unterschiedlichsten Kontexten zu leiten und den Tanz in all seiner Vielfalt an Laien jeden Alters zu vermitteln.

    Veröffentlicht am 11.06.2019, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ADOLPHE BINDER BEKOMMT AUCH IM BERUFUNGSVERFAHREN RECHT

    Neues in der Causa Tanztheater Wuppertal
    Veröffentlicht am 19.08.2019, von tanznetz.de Redaktion


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion


    HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

    Der Primaballerina Lynn Seymour zum 80. Geburtstag
    Veröffentlicht am 06.03.2019, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    ADOLPHE BINDER BEKOMMT AUCH IM BERUFUNGSVERFAHREN RECHT

    Neues in der Causa Tanztheater Wuppertal

    Veröffentlicht am 19.08.2019, von tanznetz.de Redaktion


    ZU EHREN TERPSICHORES

    "Terpsichore-Gala I" im Nationaltheater zum 10jährigen Bestehen des Bayerischen Staatsballetts

    Veröffentlicht am 09.10.1999, von Katja Schneider


    DAS WAR’S

    Rückblick auf die Tanzwerkstatt Europa 2019 in München

    Veröffentlicht am 15.08.2019, von Vesna Mlakar


    RAUM, KLANG, TANZ

    Initiation der Elbphilharmonie-Foyers mit Sasha Waltz & Guests' „Figure Humaine“

    Veröffentlicht am 02.01.2017, von Annette Bopp


    JOHANN KRESNIK IST TOT

    Das deutsche Tanztheater hat einen seiner Pioniere verloren

    Veröffentlicht am 28.07.2019, von tanznetz.de Redaktion



    BEI UNS IM SHOP