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Leipzig

GEHT AN DIE NIEREN UND BEWEGT DAS HERZ

Mario Schröders „Othello“ mit dem Leipziger Ballett



Ein übliches Handlungsballett hat Schröder nicht geschaffen. Er konzentriert sich auf den Grundkonflikt zwischen Othello und Jago. Es ist ein Abend großer Bilder, auf beklemmende Weise getragen von der stillen Kunst des Tanzes.


  • Mario Schröders "Othello" am Ballett Leipzig Foto © Ida Zenna
  • Mario Schröders "Othello" am Ballett Leipzig Foto © Ida Zenna
  • Mario Schröders "Othello" am Ballett Leipzig Foto © Ida Zenna

Shakespeares Drama "Othello" bietet dem Theater jenen Stoff, aus dem die dunklen Träume gemacht sind. Von den Balletten sind die bislang erfolgreichsten Choreografien José Limóns „The Moor´s Pavane“ zu Musik von Henry Purcell aus dem Jahre 1949 als Kammerspiel für zwei Paare und John Neumeiers „Othello“ zu Musik von Naná Vasconcelos, Arvo Pärt und Alfred Schnittke aus dem Jahre 1985.

Jetzt hat Leipzigs Ballettchef Mario Schröder mit seiner Kompanie eine neue Choreografie mit ungewöhnlicher Sicht auf die Tragödie zu genial kombinierter Musik von Henry Purcell, Georg Friedrich Händel, Arvo Pärt und Dmitri Schostakowitsch herausgebracht. Mit dieser Auswahl wird die zeitliche Zuordnung des Geschehens von der Zeit Shakespeares bis nahe an die Gegenwart geführt. Die Möglichkeit direkter Vergegenwärtigungen in der Auseinandersetzung mit aktuellen Situationen bleiben dem Zuschauer überlassen.

Schröder und sein Dramaturg Thilo Reinhardt interpretieren das Drama kraft der stillen Kunst des Tanzes auf beklemmende Weise. Der knapp zweistündige Abend von hoher Konzentration ist getragen von der suggestiven Kraft eindringlicher Bilder. Diese schaffen den Raum für Assoziationen und Bezüge auf der Bühne von Andreas Auerbach und Paul Zoller. Ein großer, geschlossener Raum, bei dem nach und nach die Wände durchscheinend werden und von Menschen bewegt werden. In choreografischer Genauigkeit entsteht beklemmende Enge, und auch die Weite mag beängstigend sein für das einsame Individuum, wenn sich der Raum verflüchtigt. Bewegen sich die Segmente seiner Begrenzung, wird die optische Variante der Fremdheit und der Verunsicherung noch einmal gesteigert.

Und auch der Dichter selbst tritt auf, eine grandiose Idee, der polnische Countertenor Jakub Józef Orlinski als „Schwan von Stratford on Avon“ - mit wunderbar gesungenen Liedern der Renaissance und von Henry Purcell, begleitet vom Lautenisten Stefan Maass - führt seine Figuren vor und entlässt sie in die Welt des Theaters, als Abbild tödlicher Verunsicherungen. Er spielt dem Jago das berühmte Taschentuch zu als todbringendes Unterpfand der erfundenen Eifersuchtsgeschichte.

Ein übliches Handlungsballett hat Schröder nicht geschaffen. Er konzentriert sich auf den Grundkonflikt zwischen Othello und Jago, dazwischen in schuldloser Tragik Desdemona. Es mag zunächst verwundern und ganz im Sinne dieser Inszenierung auch verunsichern, wenn Othello in fünffacher Gestalt dargestellt wird:
Tyler Galster als der Empfindsame und Ronan dos Santos Clemente als der Liebende, Nikolaus Tudorin ist der Politiker, der Krieger ist Mark Gellings und Piran Scott der Fremde. Das sind fünf großartige Tänzer mit je eigenen, typischen Bewegungen, synchron im Zusammenspiel der Persönlichkeit und dann um so angreifbarer, verletzlicher und letztlich manipulierbarer, wenn Jago sie in seinem tödliches Netz der Intrige verstrickt.
Oliver Preiß als Jago ist ein Tänzerdarsteller von einsamer Größe als tragische Gestalt in krankhaft, wahnhafter Verunsicherung dem unbegreifbaren Othello gegenüber und dazu in bislang so kaum wahrgenommener ambivalenter Beziehung zu Desdemona - Laura Costa Chaud in verstörender Brillanz bei tänzerischer Höchstleistung, etwa in einer Spitzenvariation als zutiefst berührendes Abbild schutzloser Einsamkeit.

Keine Frage, wir sind im Ballett und Mario Schröder reizt immer wieder neoklassische Varianten aus. Da sind atemberaubende Facetten des Pas de deux mit irren Hebefiguren, das Liebesduett, die Eifersucht, der Mord, das hat man so ja noch nicht gesehen, fünf Facetten eines Mannes im Gegenüber mit einer Partnerin.
Und immer wieder Sequenzen der tänzerischen Moderne, expressiv, auch sehr emotional, etwa in der 14. Szene, „Verstörung und Depression“ zu Purcells „Cold Song“ aus „King Arthur“, eine Szene, die „Ausgrenzung“ heißt, dann zu eher gegenwärtigen Klangassoziationen von Arvo Pärt und zum Schluss der Tod als „Zärtliche Hinrichtung“ zur Klage der Dido aus „Dido und Aeneas“ von Purcell.

Es ist ein Abend großer Bilder, etwa wenn rot glühende Balken sich bedrohlich herabsenken, so weit, dass wir die fünf Tänzer des Othello nur noch als kopflose Wesen wahrnehmen. Es ist ein Abend so großer wie erschreckender Gefühle, wenn zu rasender Musik aus Schostakowitschs Kammersymphonie die Eifersucht wie ein Monster um sich greift. Dass auch die Klänge und Mittel der Musik unterschiedlicher Epochen und Stile sich durchdringen, wodurch sich weitere Räume der Assoziationen eröffnen, verdankt sich dem Spiel der Musiker des Gewandhausorchesters unter der Leitung von Jeremy Carnall.

Veröffentlicht am 15.02.2015, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Kritiken 2014/2015, Tanz im Text

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