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Altenburg

KINDER BRAUCHEN MÄRCHEN, ERWACHSENE ERST RECHT

Silvana Schröders „Der Joker“ als schrilles Märchen in Altenburg



Im November 2013 in Gera uraufgeführt, feierte das Stück mit dem Thüringer Staatsballett in Zusammenarbeit mit dem Puppentheater am Landestheater in Altenburg seine Premiere.


  • "Der Joker" von Silvana Schröder Foto © Stephan Walzl
  • "Der Joker" von Silvana Schröder Foto © Stephan Walzl
  • "Der Joker" von Silvana Schröder Foto © Stephan Walzl
  • "Der Joker" von Silvana Schröder Foto © Stephan Walzl
  • "Der Joker" von Silvana Schröder Foto © Stephan Walzl

Das Kartenspiel als Anregung für den Tanz reizte schon den Komponisten Igor Stravinsky und den Choreografen George Balanchine. Gemeinsam schufen sie das Ballett „Jeu de cartes“, 1937 uraufgeführt in New York und als europäische Erstaufführung in Dresden zu sehen, ist seit 1965 in John Crankos Fassung bis heute ein Renner im Repertoire des Stuttgarter Balletts. In diesem vorwiegend heiteren Kartenspiel gibt es natürlich einen Joker, der sich in jede gewünschte Karte verwandeln kann.

Der „Joker“ ist auch die Hauptfigur in Silvana Schröders Ballett. Hier werden aber nicht nur die Karten gemischt, hier wird auch kräftig aufgemischt - in einer Auseinandersetzung um uneingeschränkte Machtausübung zwischen den Rivalen Pinguin und Joker. Dabei geht es nicht nur um Macht und Einfluss, sondern zudem um eine Frau, eine so schmiegsame wie verführerische „Red Cat“. Im November 2013 in Gera uraufgeführt, feierte das Stück mit dem Thüringer Staatsballett in Zusammenarbeit mit dem Puppentheater am Landestheater in Altenburg seine Premiere.

Silvana Schröder erzählt ein Märchen für Erwachsene: Der Despot Pinguin hat einen Menschen getötet. Der kommt aber zurück ins Leben, eben als Joker, den ewig grinsenden Charmeur. Er mischt die Karten neu und mischt sich ein in die von Pinguin beherrschte Stadt und gewinnt so gut wie alle, auch dessen Geliebte, die rote Katze, grandios und auf Spitze von Alina Dogodina.
Pinguin setzt Macht, Geld und Gemeinheit ein um seine Stellung zu behaupten, die Frau richtet er zu Grunde, der Joker rächt sich und steht am Ende doch einsam da und muss einsehen: Das Leben ist kein Kartenspiel, und so schminkt er sich zumindest schon mal das Grinsen ab.

Für dieses getanzte Märchen bedient sich die Choreografin, von der auch das Konzept stammt, ganz bewusst der Ästhetik des Fantasy-Genres in der Opulenz des Kinos, woher auch die Auswahl der Musik kommt. So gibt es regelrechte apokalyptische Szenen, man kann auch an die Kämpfe von Animationsfiguren in Computerspielen denken und Batman lässt immer wieder kräftig grüßen. Die Glitzerwelt des Musicals wird beschworen, Zirkus, Revue, viele Anlässe für eindrucksvolle Szenen der Tänzerinnen und Tänzer.

Wenn Joker aufersteht, wird er an einem Bungee-Seil hoch und somit eindrücklich ins Leben zurück geschleudert, dabei vollführt er so kräftige wie exakte Tanzbewegungen. Filip Kovacák als Titelheld setzt dann auch im weiteren Verlauf seines Kartenspiels tänzerische Höhepunkte. Das gilt ebenso für ebenso für Viktor Koldamov als Gegenspieler Pinguin oder Hudson Oliviera in der Rolle des Mr. Face und für das ganze Ensemble, alle haben die Chance ihre Tanzkarten gewinnbringend auszuspielen.

Eine Besonderheit dieser Choreografie ist die Zusammenarbeit mit Sylvia Wanke von der die von den Mitgliedern des Puppentheaters geführten Figuren, die Masken und die Objekte stammen. Dies macht den besonderen optischen Reiz zwischen Andreas Auerbachs beweglichen Wolkenkratzerfassaden aus. Projektionen zitieren die Filmwelt und somit das das phantastische Element. Das Absurde und das Groteske aber bringen die Masken, die Figuren, die Objekte, diese modernen Fabelwesen ein. Und da ist der Fantasie kaum eine Grenze gesetzt, ein dreigesichtiges Wesen eröffnet den Abend, eine Maske mit raumgreifenden Spinnenbeinen beherrscht die Stadt, oder Tänzer mit zwei Masken werden zu Abbildern der Zwielichtigkeit und Doppelgesichtigkeit dieses getanzten Kartenspiels um Leben und Tod, das vom Publikum in Altenburg zur Premiere mit viel Applaus bedacht wird.

Veröffentlicht am 25.01.2015, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Kritiken 2014/2015

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Kommentare zu "Kinder brauchen Märchen, Erwachsene erst recht"



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