HOMEPAGE



Ludwigshafen

ALLE SIND SO HAPPY

„Made in Bangladesh“ von Helena Waldmann in Ludwigshafen uraufgeführt



Gesellschaftskritik und Tanz sind weit auseinander liegende Pole. Wer beide zusammenbiegen will, braucht entweder Vertrauen in schrille, provozierende Bilder oder genug gescheite Empathie und poetisches Querdenken.


  • Helena Waldmanns "Made in Bangladesh" Foto © Wonge Bergmann
  • Helena Waldmanns "Made in Bangladesh" Foto © Wonge Bergmann

Gesellschaftskritik und Tanz sind weit auseinander liegende Pole. Wer beide zusammenbiegen will, braucht entweder Vertrauen in schrille, provozierende Bilder – wie der Altmeister des „politischen“ Tanztheaters Johann Kresnik – oder genug gescheite Empathie und poetisches Querdenken wie neuerdings Helena Waldmann. Gegen den Strom zu schwimmen ist sie schon ihrer künstlerischen Herkunft schuldig, als Quereinsteigerin aus dem Regiefach ohne tänzerische Erfahrung oder choreografische Ausbildung. Dass sie diese vordergründige Not in überregional beachtete Tugend ummünzen kann, hat sie schon mehrfach bewiesen: In „Letters of Tentland“ umging sie das Auftrittsverbot für weibliche Tänzerinnen im Iran, indem sie die Darstellerinnen in Kuppelzelte steckte. Für ihre ganz persönliche Auseinandersetzung mit dem Thema „Demenz“ erforschte sie zusammen mit der ehemaligen Ballerina Brit Rotermund die anarchische Kraft des Vergessens – „Revolver besorgen“ ist in jeder Hinsicht ein Ausnahmestück.

Entsprechend hoch wurde ihr jüngstes Projekt bereits im Vorfeld gehandelt. Helena Waldmann konnte die Unterstützung eines Produzenten-Netzwerks gewinnen – mit von der Partie auch der Ludwigshafener Pfalzbau, der sich so die Uraufführung sicherte. „Made in Bangladesh“ entstand unter dem Eindruck der verheerenden Katastrophe in der Textilfabrik Rana Plaza, die weit über 1000 Opfer forderte. Seitdem stehen die Arbeits- und Lebensbedingungen der Beschäftigten in der Textilindustrie von Bangladesch im Fokus internationaler Aufmerksamkeit – freilich ohne grundsätzliche Änderungen auf dem Textilmarkt: Auftraggeber und Endkunden aus den Industrienationen profitieren weiterhin an der systematischen Ausbeutung einheimischer Näherinnen.

Helena Waldmann steuert in ihrem Stück in systematischer Steigerung auf die bekannte Katastrophe zu, die per Video (Michael Saup) eingespielt wird. Entsprechend engmaschig ist das Geschehen auf der Bühne konzipiert: Zwölf Tänzer aus Dakha (darunter drei Männer), vor Ort gecastet, führen das Prinzip der nach oben offenen Steigerung von Tempo und Effizienz mit dem eigenen Körper vor. Vom indischen Tanzstil Kathak blieb die schnelle rhythmische Fußarbeit übrig, gesteigert durch abgezirkelte Hand und Kopf-Bewegungen und am Ende durch ein Stakkato von Stimmen. Keine Energieverschwendung; Die Tänzer stehen in einer Reihe - längs oder quer – zur Abwechslung mal im Geviert, unablässig surrende Nähmaschinen mischen sich unter den tranceverdächtigen Soundtrack (Daniel Dorsch / Horst Narva).

Nach 35 Minuten war das Stück beinahe vorbei und das künstlerische Dilemma offensichtlich: Gerade das Prinzip der sich unablässig steigernden repetitiven Bewegungsmuster ist bestens dafür geeignet, das Publikum in einen Begeisterungstaumel zu versetzen (und wird von Choreografen weltweit intensiv genutzt). So gerät auch hier die künstlerische Selbstausbeutung der Darsteller zum genüsslich goutierbaren ästhetischen Ereignis.

Genau darum lässt Helena Waldmann das Experiment zur Bewegungsoptimierung ein zweites Mal anheben: Dieses Mal sind die Tänzer statt in bunte Landestracht in smarten europäischen Design-Lagenlook (Hanif Kaiser/ Judith Adam) gekleidet, aber das Bewegungsvokabular bleibt gleich. Als Markt, der unablässige Effizienzsteigerung erfordert, wird nun der Kulturbetrieb kenntlich gemacht. Auch hier, so Helena Waldmanns Credo, sind die Ansprüche des Marktes und die Ausbeutung der Darsteller perfekt verzahnt. Tänzer arbeiten oft für einen Hungerlohn, ohne soziale Absicherung und mit der beständigen Herausforderung, immer mehr aus dem eigenen Körper herauszuholen.

Freilich greift diese Analogie ein entscheidendes Stückchen zu kurz: Während das Motto „We are happy“ über der Textilfabrik perfekten Zynismus beweist, sind die Tänzer aus Bangladesch tatsächlich sichtbar glücklich darüber, ihre Kunst unter professionellen Bedingungen darbieten zu können. Um sie zu applauswürdigen Höchstleistungen anzufeuern, braucht es keinen Einpeitscher…

Veröffentlicht am 27.11.2014, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Kritiken 2014/2015, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 1468 mal angesehen.



Kommentare zu "Alle sind so happy"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    MAUERN GIBT ES VIELE

    „Gute Pässe Schlechte Pässe“ – das neue Tanztheater von Helena Waldmann in Ludwigshafen

    Hier verläuft die deutliche weiße Trennungslinie in der Mitte der Bühne nicht zwischen Einheimischen und Immigranten, sondern zwischen Tänzern und Akrobaten.

    Veröffentlicht am 05.03.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    WAS KOSTET EIN KLEID, WAS EIN LEBEN?

    Die Choreografin Helena Waldmann über ihre aktuelle Premiere "Made in Bangladesh"

    „Made in Bangladesh“ trifft ins Mark unserer Gesellschaft, die von Konsum und Kontrolle geprägt ist. Im Land der Näherinnen wird Arbeit, auch bis zur völligen Erschöpfung, mit Glück gleichgesetzt.

    Veröffentlicht am 25.11.2014, von Nora Abdel Rahman


     

    LEUTE AKTUELL


    KINSUN CHAN WIRD TANZCHEF IN ST. GALLEN

    Der Schweiz-Kanadier übernimmt auf die Spielzeit 2019/2020 die Nachfolge von Beate Vollack
    Veröffentlicht am 24.05.2018, von Pressetext


    SPRECHENDE SCHULTERN, SCHREIENDE ELLBOGEN UND FLÜSTERNDE KNIE

    Interview mit Wayne McGregor: Neuer Ballettabend am Bayerischen Staatsballett
    Veröffentlicht am 15.04.2018, von Vesna Mlakar


    STAKEHOLDER IN STRUMPFHOSE ODER BETRIEBSJUBILÄUM AUF DER BÜHNE

    Jason Reilly – ein Interviewportrait von Alexandra Karabelas
    Veröffentlicht am 13.03.2018, von Alexandra Karabelas



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    TRUE ROMANCE

    Tanztheaterabend von Hans Henning Paar und Daniel Soulié

    Am Freitag, 18. Mai feiert um 19.30 Uhr im Kleinen Haus des Theaters Münster der Tanztheaterabend »True Romance« von Hans Henning Paar und Daniel Soulié seine Premiere.

    Veröffentlicht am 16.05.2018, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

    „Onegin“ beim Bayerischen Staatballett
    Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


    MOSAIK DER BEWEGUNG

    Richard Siegals Ballet of Difference mit "On Body" in der Münchner Muffathalle
    Veröffentlicht am 05.03.2018, von Miriam Althammer


    POLITIK KÖNNTE (MAN) TANZEN

    Reflektionen über die diesjährige Tanzplattform im PACT Zollverein in Essen
    Veröffentlicht am 18.03.2018, von Anna Wieczorek

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    KREATIVE ERFAHRUNGEN FÜR DEN NACHWUCHS

    Matinee der Heinz-Bosl-Stiftung im Münchner Nationaltheater

    Veröffentlicht am 24.04.2018, von Karl-Peter Fürst


    STADTTHEATER MEETS FREIE SZENE

    Ben J. Riepe choreografiert für das Ballett am Rhein

    Veröffentlicht am 29.04.2018, von Marieluise Jeitschko


    ZUM DRITTEN MAL: DIE WELT ZU GAST IN MÜNCHEN

    Munich International Ballet School Gala

    Veröffentlicht am 01.05.2018, von Karl-Peter Fürst


    DIE STIMME DER NATUR

    Jörg Weinöhls letzte Produktion in Graz: „Sommernacht, geträumt“

    Veröffentlicht am 07.05.2018, von Gastbeitrag


    ZIRZENSISCHE HOMMAGE AN PINA BAUSCH

    Adolphe Binder beweist in Wuppertal mit Dimitris Papaioannou einen guten Griff

    Veröffentlicht am 13.05.2018, von Marieluise Jeitschko



    BEI UNS IM SHOP