LEUTE



Zürich

„BEWEGUNGEN, DIE NICHT VON MEINEM EIGENEN KÖRPER KOMMEN, FASZINIEREN MICH“

Interview mit dem Choreografen Pablo Ventura



Pablo Ventura verbindet in "Heliopolis" Tanz, Video und Tonfragmente aus der Stadt Zürich zu einem bildgewaltigen Stück.


  • Pablo Ventura mit "Heliopolis" Foto © Christian Glaus

Ihr Stück „Heliopolis“ bedeutet „Sonnenstadt“ und spielt in einer fiktiven Metropole. Die Bewohner sind gefangen in einer Art Konsumtempel, einer Welt voller Sinnesreize. Wie hat Sie die Geschichte der Stadt „Heliopolis“ inspiriert?
Den Namen habe ich durch James Joyce' Finnegans Wake entdeckt und hat mich augenblicklich begeistert. Noch mehr als ich herausgefunden habe, dass es die antike ägyptische Stadt heute noch gibt. Allerdings ist diese nur noch an ihren versunkenen Überresten zu erkennen. Für mich ist Heliopolis ein Symbol für das Erblühen und Verblassen von Städten der Menschheit.

Vor zwei Jahren waren Sie in Shanghai, eine Stadt die Sie nicht mehr losgelassen hat. Inwiefern ist Shanghai auch ein Stück „Heliopolis“?
Für mich ist Shanghai die Zukunft: die immensen Wolkenkratzer, diese Energie und Lebendigkeit, die dieser Ort ausstrahlt. Das hat mich an meinen Lieblingsfilm „Blade Runner“ von 1982 erinnert – ein Science-Fiction-Film, in dem sich Harrison Ford im Jahr 2019 als sogenannter Blade Runner auf die Suche nach Replilkanten begibt. Ich begann mich mit der Zukunft unserer Mega-Städte zu beschäftigen, aber auch mit der Vergangenheit. Die antike Stadt Heliopolis ist ein Stück Vergangenheit. Zürich mit seinen Lichtskulpturen – eine davon ragt auf der Bühne wie ein Obelisk in die Höhe – ist für mich die Gegenwart. Die Rollen, welche die Tänzer formen, sind wie im Film „Blade Runner“ und zeichnen die Zukunft.

Ein paralleler Plot wird filmisch erzählt. Die Live-Interaktion zwischen Video, Audio und Tanz ist zudem hörbar als Soundtrack. Inwiefern haben Sie durch die Vermischung unterschiedlicher Medien mit dem Tanz Ihre Arbeiten in die heutige multimediale Zeit eingepasst?
Wir alle stehen heute ständig mit Medien in Verbindung und sind von Kameras geblendet. Im Stück verbinde ich den Tanz live mit Licht und Kameras, welche überall auf der Bühne verteilt sind. Die Kameras zeichnen die Bewegungen der Tänzer auf und schicken die Daten an einen Computer. Dieser schickt Daten in Form einer Geräuschkulisse zurück in den Raum. Die Choreografie ist dadurch sehr komplex – nicht nur von den Tanzbewegungen her, sondern auch von dem Einsatz der Medien. Wir nutzen die moderne Technologie für unsere Performance, welche gleichzeitig unseren Bezug zur Technologie reflektiert.

Ihre Arbeiten zeichnen sich durch ein Spannungsfeld von traditionellem und computergestütztem Tanz aus. Stiehlt Ihnen und Ihren Tänzern das High-Tech nie die Show?
Mein Ziel ist eine Tanz-Media-Performance. Das bedeutet, dass ich nicht nur den Tanz choreografiere, sondern auch die Medien. Ich setze Choreografie mit Bewegtbildern und der Klanginstallation in Bezug. In der Zukunft zu leben heißt auch, dass wir all diese Medien gemeinsam nutzen zu können. Heutzutage hat jeder einen Computer oder ein Smartphone in seiner Tasche. In jedem Augenblick werden weltweit Bilder und Videos verschickt. Das Stück reflektiert diese neuen Medien, die für uns immer mehr zur Selbstverständlichkeit werden.

Kritiker monieren, dass moderne Medien dem Tanz und dem Theater eine Konkurrenz seien. Als Zuschauer sind wir mittlerweile an schnelle Wechsel, rasche Videoschnitte und geraffte Echtzeit gewohnt. Wie gehen Sie mit diesen Sehgewohnheiten um?
Meine Filmschnitte sind eher langsamer. Weil ich selbst drehe und schneide, schlage ich eine andere Richtung ein als wir vom Spielfilm gewohnt sind. Langsamkeit finde ich faszinierend, so dass eine der Szenen 18 Minuten dauert. Sie zeigt Aufnahmen von Tai-Chi, das chinesische Schattenboxen, in einem Park in Shanghai. Der Langsamkeit auf dem Bildschirm setzen wir mit der Choreografie einen Kontrapunkt gegenüber. Ich bin weit entfernt von der Geschwindigkeit, die wir überall erfahren. Ich versuche dem Zuschauer Ruhe zu schenken, nicht einen Stimulus. Meine Erfahrung zeigt, dass es rund 20 Minuten braucht, bis der Zuschauer zur Ruhe kommt, und damit zu einer Art Stillstand. Wir spielen auf der Bühne mit Geräuschen und Gefühlen. Aber ich muss zugeben, es besteht durchaus Gefahr, dass der visuelle Reiz des Videos stärker ist. Meine größte Herausforderung ist, all diese verschiedenen Reize auszubalancieren.

Sie arbeiten im Vorfeld mit Computersoftware, die Tanzsequenzen entstehen auf einer virtuellen Timeline. Was unterscheidet Tanzbewegungen, die erst virtuell entstanden sind zu solchen, die physisch in einer Probe entwickelt werden?
Viele Jahre habe ich recherchiert, wie ich neue Bewegungen entwickeln kann, welche nicht meine eigenen Körperbewegungen sind. Als Choreograf zeigst du normalerweise den Tänzern die Bewegungen, die von einem selbst kommen. Die Tänzer imitieren deine eigene Körpersprache. Nach 20 Jahren choreografieren, war mir das zu langweilig. Mich faszinieren Bewegungen, die nicht von meinem eigenen Körper kommen. Die Computersoftware ermöglicht mir, Animationen des menschlichen Körpers zu kreieren, so dass ich den Körper drehen und positionieren kann, wie ich will. Ich habe ausprobiert, was geschieht, wenn ich das System „Copy and Paste“ benütze. So habe ich die Bewegungen des Torsos kopiert, die der Computer entworfen hat. Diese habe ich mit Bewegungen einer anderen Sequenz kombiniert, auf den lebendigen Körper übertragen und daraus eine ganze Tanzsequenz choreografiert. Das Resultat ist eine verworrene Art des Bewegens, die ich sonst nirgends gesehen habe.

Das tönt nach großer Herausforderung für die Tänzer. Wie schwierig ist es für Tänzer, Ihre Choreografie zu lernen?
Es ist extrem schwierig für die Tänzer. Für mich sind Tänzer hochentwickelte Wesen, die jahrelang ihre Körper und ihr Gehirn trainieren, um Bewegungen auf einer Timeline zu koordinieren. In „Heliopolis“ erhalten sie einen Kopfhörer mit einem Takt – das heisst 69 Schläge pro Minute. Wie ein Metronom läuft der Takt von der ersten Sekunde an eine Stunde lang in absoluter Präzision. Deshalb brauche ich sehr erfahrene Tänzer. Meine längjährigen Tänzer haben fast zehn Jahre lang mit mir zusammengearbeitet, um diese Technik mit mir zu entwickeln. Für neue Tänzer sind die Hürden hoch. Doch beobachte ich, dass Tänzer, die bisher klassisch getanzt haben, diese Herausforderung schätzen. Im Durchschnitt dauert es zwei Wochen, bis sie die Technik verinnerlicht haben.

Glauben Sie, dass man in Zukunft auf diese Weise mit Tänzern arbeiten wird?
Ich glaube es nicht, denn die meisten Choreografen sind sehr vereinnahmt von ihrem Körper und ihrer eigenen Ästhetik. Sie wollen ihre persönliche Bewegungssprache gar nicht loslassen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es sehr schwierig ist, dies zu opfern. Ich selbst habe meine eigene Bewegungssprache geopfert, weil ich mich nach 20 Jahren des Choreografierens wiederholt habe. Ich habe zwar ein neues Stück kreiert, aber die Bewegungen sind dieselben geblieben.


„Heliopolis“. Ventura-Dance-Company mit einer Tanz-Media Performance im ewz-Unterwerk Selnau, Zürich, 26.- 29. November 2014, http://www.ventura-dance.com

Veröffentlicht am 26.11.2014, von Sulamith Ehrensperger in Leute, Tanz im Text

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Kommentare zu "„Bewegungen, die nicht von meinem eigenen Kör ..."



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