HOMEPAGE



Hamburg

WEITER AUF DEM WEG NACH OBEN

„Im Aufschwung VI“ mit dem Bundesjugendballett



Die Zusage, dass die finanziellen Mittel für das BJB für weitere vier Jahre gesichert sind, kam zum richtigen Augenblick: pünktlich zur Spielzeit-Auftaktveranstaltung „Im Aufschwung“. Die Freude darüber sprang dem gesamten Ensemble aus allen Poren!


  • Das Bundesjugendballett präsentierte mit der Spielzeit-Auftaktveranstaltung "The Swirl of Snow Remains" von Natalia Horecna Foto © Silvano Ballone

Die Zusage, dass die finanziellen Mittel für das BJB für weitere vier Jahre gesichert sind, kam zum richtigen Augenblick: pünktlich zur Spielzeit-Auftaktveranstaltung „Im Aufschwung“. Die Freude darüber sprang dem gesamten Ensemble aus allen Poren! Schon zum sechsten Mal präsentierte sich das Bundesjugendballett mit einem gemischten Abend im Hamburger Ernst-Deutsch-Theater. Auf dem Programm standen „Französische Chansons“ in einer Choreografie von Masa Kolar (die schon im Rahmen von „Loss of Innocence“ im Sommer 2014 auf Kampnagel gezeigt wurden), Beethovens Streichquartett in B-Dur op. 130 in einer Choreografie von John Neumeier, sowie zwei Uraufführungen: „MSG“, ein Stück des BJB-Mitglieds Pascal Schmidt, sowie – zweifellos der Höhepunkt des Abends – „The Swirl of Snow Remains“ von Natalia Horecna. Von 1994-2003 tanzte sie selbst beim Hamburg Ballett, wechselte dann zum Scapino Ballet Rotterdam und war von 2006-2012 beim NDT engagiert. Seither legt sie als freie Choreografin eine fulminante Karriere hin und arbeitete u.a. für das Ballett der Wiener Staatsoper, für das Finnish National Ballet Helsinki und das Ballett Kiel. Für das BJB hatte sie 2012 schon „Dressed up in Tissue Paper“ kreiert. 2014 erhielt Natalia Horecna den „Taglioni European Ballet Award“ und wurde von der Vladimir Malakhov Foundation als „Best Young Choreographer“ ausgezeichnet.

„Im Aufschwung VI“ – das ist ein Abend der starken Kontraste. Eher schmissig und pfiffig die französischen Chansons, dann nachdenklich und ruhig „MSG“ des 22-jährigen Patrick Schmidt, „in Nepal geboren, in Deutschland adoptiert“, wie er sich selbst vorstellte. Ausgebildet u.a. an der Akademie des Tanzes von Birgit Keil in Mannheim tanzt er seit 2014 im BJB. „MSG“ setzt sich mit dem Einfluss der elektronischen Medien auf unser Verhalten auseinander. Wenn Bildschirme den Blick fesseln und einfrieren, muss er sich zwangsläufig auch nach innen richten. Diese Ambivalenz bringt der junge Tänzer einfallsreich auf die Bühne. Man darf gespannt sein auf seine nächsten Arbeiten.

Nahtlos der Übergang zu Beethovens Streichquartett, das John Neumeier selbst als „work in progress“ bezeichnet. Denn mit jeder neuen Tänzerin, mit jedem neuen Tänzer verändert sich das Stück, jede/r fügt ihm eine andere Nuance hinzu. Wo bei den Chansons und auch bei „MSG“ eher noch das Spielerische dominierte, hält jetzt das Nachdenkliche Einzug, das Schwierige, Getragene, Tiefgründige, Verschachtelte. Dem sind noch nicht alle Tänzerinnen und Tänzer des BJB gewachsen. Und es ist ja auch nicht einfach, all das, was Neumeier hier an Vielschichtigkeiten in die ebenfalls vielschichtige Musik hineinlegt, in sich zu finden und freizusetzen. Aber es sind eben auch genau solche Herausforderungen, an denen junge Tänzer wachsen.

Sowohl tänzerisch wie auch menschlich wachsen konnten sie ebenso an der neuen Choreografie von Natalia Horecna. Denn sie verlangte den acht jungen Tänzerinnen und Tänzern nicht nur körperlich einiges ab, sondern auch seelisch-geistig. „The Swirl of Snow Remains“ – das ist ein getanzter Essay über den Krieg und das, was er mit den Menschen macht. „Es geht um Erinnerungen von Opfern und Überlebenden, die die Tragödien des Krieges miterleben mussten“, zitiert der Programmzettel die 38-jährige slowakische Choreografin. „Mein Mitgefühl für diese Menschen lässt mich glauben, sie würden ihre Trauer unter einer dicken Schicht Schnee einfrieren. Aber ist es wirklich nur der Schnee, und wird er jemals schmelzen? Können die tiefen seelischen Wunden jemals geheilt werden? Das sind die Fragen, die mich dazu bewegt haben, dieses Werk zu kreieren.“
Horecna schafft es, dass diese jungen Menschen, die wohl noch nie etwas mit den Schrecken des Krieges unmittelbar zu tun hatten, sich tief mit diesem schwierigen Thema verbinden und eine Intensität und Glaubwürdigkeit auf die Bühne bringen, die einem den Atem stocken lässt. Ganz zu schweigen von der expressiven Bewegungssprache Horecnas, die hier ganz eigene Wege geht und doch auch – gezielt und gewollt – immer wieder Anklänge an den bodennahen Tanzstil des NDT spüren lässt. Menschen-Vögeln werden brutal die Flügel ausgerissen, auch ein großer weißer Vogel verliert seine Schwingen, ein junger Mann wird gehängt, seine Mutter verzweifelt schier darüber. Bei aller Wucht des Geschehens ist dieses Stück aber doch auch beseelt von einer stillen, leisen Poesie, von einer verstörenden Zartheit und Verletzlichkeit. Horecna führt uns nicht nur den Schrecken vor Augen, wenn sie das kriegerische Geschehen mit eisigem Schnee bedeckt, sondern sie lässt auch Raum für Hoffnung. Sie lässt ahnen, dass es Wärme und Liebe gibt, die Eis und Schnee zum Schmelzen bringen können. Und so wird gerade dieses knapp halbstündige Werk zu der gekonnt ausgewählten Musik von u.a. Maks Richter und Arvo Pärt zu einem Fanal für mehr Menschlichkeit, zu einer nonverbalen Kommunikation zwischen Tänzern und Publikum, von Herz zu Herz. Was könnte Tanz noch mehr erreichen wollen?

Veröffentlicht am 25.11.2014, von Annette Bopp in Homepage, Kritiken 2014/2015, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 3968 mal angesehen.



Kommentare zu "Weiter auf dem Weg nach oben"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    "IMMER FÜR ÜBERRASCHUNGEN GUT"

    Das Bundesjugendballett wird ausgezeichnet

    Jedes Jahr vergibt die Stiftung zur Förderung der Hamburgischen Staatsoper die Dr. Wilhelm Oberdörffer-Preise und den Eduard Söring-Preis für herausragende Künstlerinnen und Künstler.

    Veröffentlicht am 28.06.2020, von Pressetext


    EHER HINTERHER ALS VORNEWEG

    „Bundesjugendballett trifft Shakespeare“ im Hamburger Ernst-Deutsch-Theater

    Ist Shakespeare tatsächlich das, was junge TänzerInnen in diesem Alter bewegt? Eine nicht gerade gelungene Koproduktion zwischen dem BJB und dem Ernst-Deutsch-Theater zu Live-Musik unter der Regie von Kevin Haigen.

    Veröffentlicht am 02.06.2019, von Annette Bopp


    STIMMUNGSVOLLER STREIFZUG

    Unter dem Motto „Klangräume“ erkundete das Bundesjugendballett gemeinsam mit dem Kammerchor „vigilia“ Hamburgs St. Petri-Kirche

    Acht TänzerInnen, ein kleiner Chor, ein Streichquartett, ein Sänger – ein gelungener Mix für eine besinnliche Stunde im Kirchenschiff.

    Veröffentlicht am 28.02.2019, von Annette Bopp


    WENIGER WÄRE MEHR GEWESEN

    Das Bundesjugendballett präsentiert "Im Aufschwung X"

    Die zehnte Ausgabe ist ein Medley von Stücken aus den sechs Jahren des Bestehens des Bundesjugendballetts.

    Veröffentlicht am 25.11.2018, von Annette Bopp


    STANDING OVATIONS

    Pick bloggt über die Gastspielreise des Bundesjugendballetts und -orchesters

    Nach einer ausverkauften Premiere in Hamburg hatte das Bundesjugendballett den Auftakt seiner Gastspielreise in Essen. Voller Hingabe widmeten sie sich in einem choreografierten Konzert der Reformation Luthers.

    Veröffentlicht am 16.01.2017, von Günter Pick


    WIE TANZT MAN REFORMATION?

    Das Bundesjugendballett wagt mit "Gipfeltreffen - Reformation" einen Versuch

    Die gute Idee dieses 'Gipfeltreffens' war von gemischtem Niveau. Die Tänzer aber zeigten sich wandelbar, engagiert und kraftvoll-ausdauernd.

    Veröffentlicht am 15.01.2017, von Andreas Berger


    REALITÄT UND VIRTUALITÄT

    Das Bundesjugendballett und Gäste des „Just Us Dance Theatre“ mit „Infinite Identities“ in der Kampnagelfabrik

    Zum ersten Mal als Hamburg-Premiere in der Kampnagelfabrik gezeigt, hat das Bundesjugendballett ein abendfüllendes Stück im Gepäck.

    Veröffentlicht am 02.07.2015, von Annette Bopp


    WEITERFINANZIERUNG AUF VIER JAHRE GESICHERT

    Das Bundesjugendballett in Hamburg

    Der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages hat in seiner Sitzung erneut insgesamt 2,8 Millionen Euro für vier Spielzeiten aus dem Etat der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) zur Verfügung gestellt.

    Veröffentlicht am 17.11.2014, von Pressetext


    TANZ WIDER DEN KRIEG

    Neumeiers Bundesjugendballett im Admiralspalast Berlin

    Das Festival Young Euro Classic tut gut daran, auch den Tanz in sein Programm aufzunehmen. Bereits zum vierten Mal war das aus Bundesmitteln geförderte Bundesjugendballett Teil des musikalischen Sommer-Reigens.

    Veröffentlicht am 12.08.2014, von Volkmar Draeger


     

    AKTUELLE NEWS


    EINE MILLIARDE EURO FÜR "NEUSTART KULTUR"

    Die Bunderegierung legt im Zuge der Corona-Krise ein Förderprogramm für die Kultur vor
    Veröffentlicht am 02.07.2020, von Pressetext


    MIT DEM RÜCKEN ERZÄHLEN

    Michael Molnár ist gestorben
    Veröffentlicht am 23.06.2020, von Hartmut Regitz


    ANZEIGE ERSTATTET

    Die nächste Runde in der Causa Staatliche Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 17.06.2020, von tanznetz.de Redaktion



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    SAISONSTART IM AUGUST UND SEPTEMBER

    Zwei Gala-Abende und eine Neuproduktion des Staatsballett Berlin auf den Berliner Opernbühnen

    Das Staatsballett Berlin eröffnet die Saison 2020/21 zurück auf den Opernbühnen der Stadt mit den Gala-Abenden FROM BERLIN WITH LOVE (I + II) im August in der Deutschen Oper Berlin und im September in der Staatsoper Unter den Linden sowie der Neuproduktion LAB_WORKS COVID_19 in der Komischen Oper Berlin zu Anfang September 2020.

    Veröffentlicht am 19.06.2020, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    VORWÜRFE GEGEN TANZAUSBILDUNG

    Verdacht auf Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 25.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STAATLICHE BALLETTSCHULE BERLIN– KEIN ENDE IN SICHT

    Seyffert geht gegen Freistellung und Hausverbot vor. Bisher ohne Erfolg.
    Veröffentlicht am 19.05.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STABEL WILL SCHULLEITER AN DER STAATLICHEN BALLETTSCHULE BERLIN BLEIBEN

    Der Gütetermin um freigestellten Ballettschuldirektor scheitert. Der Zwischenbericht der Untersuchungskommission sorgte vorab für kontroverse mediale Resonanz.
    Veröffentlicht am 12.05.2020, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    EINE MILLIARDE EURO FÜR "NEUSTART KULTUR"

    Die Bunderegierung legt im Zuge der Corona-Krise ein Förderprogramm für die Kultur vor

    Veröffentlicht am 02.07.2020, von Pressetext


    SCHRITT FÜR SCHRITT

    Buchneuerscheinung: „Entwicklungsförderung durch Bewegung und Tanz"

    Veröffentlicht am 02.03.2020, von Sabine Kippenberg


    ROLAND VOGEL TRITT AB

    Verletzung beendet Karriere des Stuttgarter Solisten

    Veröffentlicht am 16.05.2003, von tanznetz.de Redaktion


    IMPROVISATION IN ZEITEN DES IMPROVISIERENS

    "Our Daily Post" von Katja Wachter im schwere reiter München

    Veröffentlicht am 01.07.2020, von Peter Sampel


    DIE PREISTRÄGER*INNEN STEHEN FEST

    Preisvergabe beim 24. Internationalen Solo-Tanz-Theater Festival Stuttgart 2020

    Veröffentlicht am 29.06.2020, von Pressetext



    BEI UNS IM SHOP