„KeimZeit“ von Silvana Schröder

„KeimZeit“ von Silvana Schröder 

Lechzen nach dem Bad im Glück

In Gera lässt Silvana Schröder Keimzeit zu „KeimZeit“ singen

Die Ballettchefin hat sich einen Jugendtraum erfüllt: einen gemeinsamen Abend mit der Band Keimzeit zu inszenieren. Sein Titel „KeimZeit“ bleibt nah am Bandnamen und demonstriert doch zwei volle Stunden lang choreografischen Eigenwert.

Gera, 18/11/2014

Umhäkelt respektive umstrickt mit bunten Wollblumen sind nicht nur die Säulen im Portikus des Geraer Theaters. Auch anderswo in der Stadt windet sich Kunstflora liebevoll um Plastiken und Straßenlaternen. Mitten im Spätherbst scheint der Frühling zu keimen. All das fröhliche Gewucher ist Fortsetzung dessen mit anderen Mitteln, was derzeit die Bühne des Jugendstiltheaters erobert. Dort hat sich Ballettchefin Silvana Schröder einen langgehegten Jugendtraum erfüllt: einen gemeinsamen Abend mit der Band Keimzeit zu inszenieren. Sein Titel „KeimZeit“ bleibt nah am Bandnamen und demonstriert doch zwei volle pausenfreie Stunden lang choreografischen Eigenwert. Denn Schröder tat gut daran, sich nicht auf eine gekrampfte Handlung einzulassen, sondern eher den Stimmungswerten der Texte nachzufahnden und ansonsten ganz dem persönlichen Lebensgefühl zu vertrauen. Das scheint bei ihr und Songwriter Norbert Leisegangs poetischen Ausstülpungen nicht so weit entfernt zu liegen.

Als Keimzeit 1980 in einem Dorf nahe Potsdam gegründet wurde, bestand die Band aus vier Mitgliedern der Familie Leisegang. Seither hat sie diverse Personalwechsel erlebt, zählt heute vier Musiker um Sänger Norbert und Bruder Hartmut und kann auf knapp 20 Alben mit rund 150 Titeln verweisen. Feinsinnige, oft verletzliche, auch düstere Beobachtungen und Betrachtungen des Ich-Erzählers sind das, ein heterogenes Spektrum an Zeitgeist und Kommentaren dazu. Verständlicherweise muss sich der Tanz auf das beschränken, was ihm hiervon leicht entgegenkommt. Die Choreografin setzt daher auf eine Summe aus Einzelszenen, die am Ende einen prallen Bilderbogen ergeben, aus dem aufkeimt, was wir alle suchen: das ganz „normale“ Leben.

Das ereignet sich auf Andreas Auerbachs Bühne in den Zimmern der drei Etagen eines Plattenbaus. Unten rechts hat die Band ihren Sitz; um Sänger Norbert als Stichwortgeber in der Mitte der Szene toben sich die Emotionen der Bewohner aus. Tief ins Orchester führt eine Schräge, über die die jungen Leute nackt bis auf Slips erscheinen und zum Schluss wieder entschwinden. Nur der Grenzgänger, Norberts tänzerisches Alter Ego, und die unerreichbare Traumfrau bleiben in gebührendem Abstand zurück. Wohl tragen auch andere Figuren Namen, Der Er-Trinkende, Der Anti-Pazifist, Das Kleinod, Der Einsame, Der Gezeichnete, Die Sich-Einstrickende, wie sie aus den Songtexten resultieren. Dass Silvana Schröder sie jedoch nur als Trampolin nutzt, um ins Eigene, Assoziative zu gelangen, verleiht dem Tanz seine Souveränität gegen die Übermacht der Textpoesie. So ist es das „Blut der ersten Sonnenstrahlen“, das die Menschenscharen ins Leben führt und sich wie „Schmetterlinge“ bunt verkleiden lässt. Dann rollt es ab, das große Panoptikum des Alltags, vom Rückzug ins Tulpenfeld oder den Alkohol über den Partnertest bis zum vermeintlichen Glück, das in einem tödlichen Projektil liegt.

Auf allen Ebenen lässt Schröder agieren, vieles sogar parallel passieren, was die choreografische Dichte immens steigert, rückt oft Solisten mit ihrem Aufbegehren ins Zentrum. Dass sie individuellen Ausbruch und gelöste Gruppengemeinsamkeit im Wechsel einsetzt, beugt einseitiger Gewichtung vor. Manchmal muten die Textthemen wie Reaktionen auf Sehnsüchte zu DDR-Zeiten an: unbedingte Liebe und Aufbrechenwollen ins Fremde, Abtauchen in die Nachtvorstellung der Verrückten und Seiltanz über dem Abgrund, die Auffordrung, sich zu bewegen, Gier nach Leben, Ängste, Verlassenwerden, geplatzte, verpatzte Träume, Fragen an die Zukunft. Der im Song verkündete Umzug findet nicht statt, Kasper wird verkauft, der rostige Nagel stachelt weiter im Herzen. Doch wir müssen weiter – was soll's!

Silvana Schröder schüttet ihr choreografisches Füllhorn aus und wartet mit ins Akrobatische gehenden Soli auf, die dennoch nicht die Themenhaftung verlieren und um die herum sich viele inszenatorische Episoden ereignen. Nicht jede muss sich jedem erschließen. Wieviel Freude die Tänzer an diesem Abend haben und an ihre Zuschauer weiterreichen, wie sehr Tanz und Musik, ob rockig oder soft, zur künstlerischen Einheit verschmelzen, macht „KeimZeit“ zum Publikumsrenner: Alle geplanten acht Vorstellungen sind bereits ausverkauft. Lohnt dies auch für eine ungemein homogene Gruppe und wunderbare Solisten wie Filip Kvačák und Alina Dogodina, Hudson Oliveira und Stefania Mancini.

Wieder 30.11., 25.1., 13., 14.3.
 

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