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ENGEL IN SICHTWEITE

„Quatuor pour la fin du temps“ – Konzert und Tanz in der Hebelhalle in Heidelberg



„Quatuor pour la fin du temps“ ist ein Quartett, das Oliver Messiaen während seiner Kriegsgefangenschaft komponiert hat, inspiriert von einem biblischen Text aus der Offenbarung des Johannes, der das Erscheinen eines gewaltigen Engels verkündet.


  • "Quatuor pour la fin du temps", Choreographie von Jai Gonzales, UnterwegsTheater Heidelberg. Foto © Günter Krämmer
  • "Quatuor pour la fin du temps", Choreographie von Jai Gonzales, UnterwegsTheater Heidelberg. Foto © Günter Krämmer
  • "Quatuor pour la fin du temps", Choreographie von Jai Gonzales, UnterwegsTheater Heidelberg. Foto © Günter Krämmer
  • "Quatuor pour la fin du temps", Choreographie von Jai Gonzales, UnterwegsTheater Heidelberg. Foto © Günter Krämmer

Was Worte nicht ausdrücken können, das kann die Musik sagen. Oder der Tanz. In diesem besonderen Fall sogar beide Künste zusammen: „Quatuor pour la fin du temps“ ist ein Quartett, das Oliver Messiaen während seiner Kriegsgefangenschaft komponiert hat, inspiriert von einem biblischen Text aus der Offenbarung des Johannes, der das Erscheinen eines gewaltigen Engels verkündet. Messiaen hat alle Hoffnung, all seinen sehr katholisch geprägten Glauben in diese Musik hineingelegt, und dennoch atmet sie auch die Not, die Verzweiflung, den Krieg. Die außerordentliche Instrumentierung (Klavier, Violine, Klarinette, Cello) war dem Zufall geschuldet: Musiker, die sich 1941 im Straflager für eine Uraufführung zusammenfanden.

Auch in Heidelberg hat dieses Stück für ein ganz besonderes Zusammenfinden gesorgt: Claudia Pérez Inesta, Pianistin der Heidelberger Tanzcompany, hat sich an Jai Gonzales, Choreografin des UnterwegsTheaters gewandt mit dem Vorschlag, das ungewöhnliche Stück aufzuführen, und die stellte sich der Herausforderung. (Auf solche Weise werden, nebenbei bemerkt, Synergien zwischen institutionalisierter und freier Szene gewonnen). Die Pianistin und ihre MitstreiterInnen sind ein eingeschworenes Team: zwei Familienmitglieder, ein langjähriger Vertrauter. Und so hatte die Aufführung dieses so besonderen Musikstücks durchaus Konzertqualität – tatsächlich geht das Quartett im Anschluss an die Aufführungsserie auf internationale Tournee.

Eigentlich pflegt Jai Gonzales ein eher distanziertes Verhältnis zur Musik: Sie versteht Tanz nicht als Interpretation, sondern als eigenständige Stimme, die auch mal Widerpart sein darf. Aber bei der Begegnung mit „Quatuor pour la fin du temps“ war sofort klar: Auf diese Endzeitvision, auf die hoffnungsvolle, zutiefst gläubige Sphärenmusik, diese manchmal entrückt scheinenden Töne, die von (Kriegs-)rasen gebrochen werden, muss man sich einlassen. Und so tritt ihre sechsköpfige, ganz in Schwarz agierende Tänzerriege zu Anfang kunstvoll verfremdet im artifiziellen Beugegang auf Zehenspitzen und rutschenden Unterarmen auf: kopfüber stürzende, geometrische Fabelwesen auf einer Straße aus Licht (Norbert Mohr). Ein schräges Tuchsegel begrenzt die Bühne von oben und dient zugleich als Projektionsfläche für die Videoinstallation von Lillevan – auch sie im Dienst der kompromisslosen Musik.

Darunter agieren die vier Tänzer und zwei Tänzerinnen, ein eingespieltes Team, denen man die lange Verbundenheit und intensive gemeinsame Erfahrung anmerkt (Stavros Apostulatos, Pim Boonprakob, Florian Bücking, Ini Dill, Shota Inoue und Hausherr Bernhard Fauser). Die reine, schiere, pure Liebe – hier findet sie bewegende Bilder, auch wenn Jai Gonzales zum Glück den einen oder anderen kleinen Widerhaken eingebaut hat.

Im sechsten von acht Sätzen des Quartetts, dem „Tanz der Raserei“, herrscht Krieg – mit Tarnfarben-Flimmern per Video, einem starken Unisono-Klang aller Instrumente und Highspeed der Tänzer. Gestapelte Drahtkäfige im Hintergrund bilden als Gefängniszelle und Grenzzaun einen starken Kontrast zur jenseitsseligen Hoffnungsstimmung. Am Ende darf Bernhard Fauser als veritabler Engel an den Traversen hoch im Bühnenhimmel entlang gleiten – wenn das kein würdiger Abschluss seiner Tänzerkarriere ist…

Und weil das UnterwegsTheater ein ausgefeiltes künstlerisches Netzwerk pflegt, gibt es im Foyer als Dreingabe noch eine Videoinstallation von Simraysir alias Nils Herbstrieth – die Spezialität des Heidelberger Architekten ist es, ganze Räume zum Tanzen zu bringen.

Nächste Aufführung am 22.10. in Freiburg, Theater im Marienbad

Veröffentlicht am 21.10.2014, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Kritiken 2014/2015

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Kommentare zu "Engel in Sichtweite"



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