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Salzburg

DIE FREUDEN DES NICHTS

Das tanzhouse Festival in Salzburg



„Out of nothing“ – so lautet das Motto des diesjährigen tanzhouse-Festivals in Salzburg, das mit einem etwas anderen „Prolog“ eröffnete.


  • cielaroque/Helene Weinzierls "Playtime" Foto © Peter Huber
  • Ceren Oran bei der Eröffnung des tanzhouse Festivals Salzburg Foto © Harald Gaukel

„Out of nothing“ – so lautet das Motto des diesjährigen tanzhouse-Festivals in Salzburg, das mit einem etwas anderen „Prolog“ eröffnete. Gehalten oder viel mehr performt wurde dieser von der am SEAD ausgebildeten Choreografin Ceren Oran, die angelehnt an das Soundpainting Walter Thomsons sozusagen aus dem Nichts heraus choreografiert. Sie kommentiert mit ihren Gesten die existenzialistisch anklingenden Texteinschübe der Kuratorin Anna Maria Müller, die sich um Produktionsbedingungen und das Künstler-Sein in der freien Szene drehen.

Dieses mit Vogelgezwitscher unterlegte Ruhe des denkenden Tänzerkörpers weilt jedoch nicht lange. Mit partizipativen Formaten bringt das 1999 als Experimentierfeld für zeitgenössischen Tanz gegründete Festival gleich zu Beginn das Publikum mächtig ins Schwitzen. Barbis Ruder lässt weitläufig das Gelände rund um die zwei Spielstätten des Abends – die ARGEkultur und das republic – von zehn Zuschauern vermessen, um deren Maße und damit deren Werte für die Umwandlung der Kulturstätten in Großraumdisko und Einkaufszentrum zu bestimmen. Im Rahmen eines Assessment-Centers, das mit fester Hand von der Wiener Performerin Ruder und ihrem schlaksigen Gehilfen in Leggins und weißem Hemd mit Trillerpfeifen und Schweißband geführt wird, beweisen sich die Zuschauer zunächst auf der Bühne im Umgang mit dem Maßband, einer nicht zu unterschätzenden Fähigkeit des Vermessers. Diese Mischung aus Fitnessprogramm - der Körper bewegt sich natürlich erschöpfend mit dem Maßband mit - und Wirtschaftsunternehmen soll den Ausverkauf öffentlicher Kulturgüter, der in den letzten Jahren weite Teile Europas erwischte, anprangern.

Während sich bei Ruders „Vermessen“ die Partizipation zum mechanischen Einüben und Marathon entwickelt, können sich die beteiligten Zuschauer in Helene Weinzierls „Play Time“ erstmal in ihren Stuhl auf der Bühne zurücklehnen. Denn performen müssen in dem als Computerspiel aufgebauten Stück zunächst nur die vier Tänzer. Dabei dreht sich alles um das Warten und um die Zwangspause oder auch genussvolle, freie Stunde, die einem das Stück als Zuschauer bereitet. Und so werden jedem erstmal alle Zeitmesser abgenommen, und in Plastiktüten verstaut am Bühnenrand deponiert. Danach reihen sich manchmal unterhaltsam und doch in einer intendierten Beliebigkeit Szenen kurzer Choreografien und Texteinlagen aneinander, die verschiedene Levels eines Computerspiels suggerieren. Die Zeit zerrinnt einem zwischen den Fingern, man ist zum Warten gezwungen und am Nichtstun gehindert. Denn zwischen den Levels klingelt das Telefon und ruft damit die Zuschauer auf, einen der Plätze auf der Bühne einzunehmen. Nur die aktive Teilnahme treibt die Performance voran und endet mit einem Showdown zwischen den vier partizipierenden Zuschauern, die mit Wasserpistole und einer Reise nach Jerusalem um den ersten Platz im Spiel kämpfen.

Zu diesen spaßigen Interventionen kombinieren die Macher des Festivals – die Choreografen Anna Maria Müller und Tomaž Simatović – unter anderem zwei abendfüllende Stücke von Rootlessroot und dem SEAD Bodhi Project.

Ein dumpfer Klang durchzieht den Raum, diffus gelbliche Scheinwerfer an einer Schiebewand leuchten auf, spenden etwas Licht im sonst schweren Dunkel. Eine Höhle eröffnet sich dem Publikum, in dem die griechische Tänzerin Linda Kapetanea mit verschiedenen Objekten agiert und immer wieder neue visuelle und akustische Versatzstücke für ihre Performance „W Memorabilia“ produziert. Sie sticht mit Pfeilen in ein mächtiges, rotes Tonherz, schwarze Flüssigkeit dringt hervor – ein Symbol für die tragischen Frauengestalten der griechischen Antike, dem Thema ihrer Performance, dem sie sich im Zusammenspiel von Körper, Objekten und Klängen und verschiedener Formen, Farben und Materialien annähert. Ihr muskulös-sportlicher Körper wird zum Versuchsobjekt und verbindet sich mit den Geschichten der Phaedra, Medea und Pasiphae, trägt ihre Emotionen – verzweifelte Liebe, Schuld und Hinterhältigkeit. Entstanden ist das Stück zusammen mit Jozef Frucek, mit dem sie bei Ultima Vez tanzte und 2006 die Kompanie Rootlessroot gründete. In „W Memorabilia“ konfrontiert sie sich ganz auf sich gestellt mit verschiedenen Stationen. Das weiße, wolkige Kleid des Anfangs wird schnell getauscht gegen einen Blaumann und dann einem schwarzen Body. Rhythmen durchschütteln ihren Körper. Dieser schlägt gegen eine Betonwand, ihre Hände verkrallen sich darin, hangeln sich entlang und schmiegen sich an das harte Material. Eine Arbeit, die zwischen motorischen und bildnerischen Momenten wechselt und damit Bilder größter Eindringlichkeit schafft. Rau und poetisch zugleich machen die einzelnen Sequenzen „W Memorabilia“ zu einer kompromisslosen Performance.

Von überzeugender, wenngleich viel zurückhaltenderer Kraft ist auch das Stück des kroatischen Choreografen Matija Ferlin, das er zusammen mit dem Bodhi Project – der Tanzkompanie des SEAD – in nur fünfeinhalb Wochen einstudierte. Sechs Mitglieder zählt die Truppe derzeit, die sich in Wollpullis, Blumenkleidern und der Natur entlehnten buntfarbenen Jeans gekleidet auf einer weißen Fläche versammeln, um sich an einem Glühlampen-Lagerfeuer im Reigen der Harmonie zu erproben. In lockeren Gruppenkonstellationen wogen sie in „Students of Harmony“ über die Bühne, ihre Bewegungen sind stets um einige Sekunden verschoben, so dass statt einer homogenen Gruppe ein geschichtete Tanzfigur entsteht. 'Equalizing', nennt Ferlin seine Methode, bei der man wegen der Verschiebungen und der Kombination aus festgelegtem und improvisierten Bewegungsvokabular unwillkürlich an Techniken des Ausdruckstanzes denkt. Dass es sich bei den Choreografie-Vorlagen um hunderte Barockbilder handelte, wie man später im Künstlergespräch erfährt, lässt sich während der Performance nicht erahnen. Allenfalls an die flüchtigen Momente und Kreisläufe der Natur, an die der Tanz der jungen Truppe im Werden und Vergehen ihrer Bewegungen erinnert, lässt sich die barocke Vorstellung des „Memento mori“ knüpfen. Stattdessen überzeugen die Bewegungen in ihrer Natürlichkeit und scheinbaren Stil- und Techniklosigkeit. Die einzelnen, individuellen Bewegungsmuster der Tänzer fügen sich zu einem Ganzen und lassen das Publikum mit schwelgen. Und Harmonie, die Ferlin ja untersuchen und erzeugen wollte, entsteht so in jedem Fall.

Veröffentlicht am 17.10.2014, von Miriam Althammer in Homepage, Kritiken 2014/2015, Tanz im Text

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