HOMEPAGE



Dresden

THANK YOU, MITCHELL

„I is an Other“ von Schuitemaker in Hellerau



Was ist am Ende Tanz? In einer eindrucksvollen, wunderbar klaren und auch sehr empathischen Arbeit lieferten Arno Schuitemaker und Mitchell-lee van Rooij bei „Young European Choreographers“ Antworten auf die Frage aller Fragen.


  • "I is an Other" von Arno Schuitemaker beim Festival "Young European Choreographers" in Hellerau Foto © Peter Fiebig

Was ist am Ende Tanz? Was macht ihn so besonders, obwohl er am Ende doch nichts als eine Erinnerung an eine Erfahrung hinterlässt? In einer eindrucksvollen, wunderbar klaren und auch sehr empathischen Arbeit lieferten Arno Schuitemaker und Mitchell-lee van Rooij in Dresden beim 3. Modul-Dance-Festival „Young European Choreographers“ in Hellerau Antworten auf die Frage aller Fragen. Tanz ist, könnte man pathetisch sagen, wenn man einem Menschen begegnen darf, weil er sich bewegend vertrauensvoll zeigt. Mitchell-lee van Rooij, ein bildschöner Mann in T-Shirt, Schuhen und langer Straßenhose ist ein solcher Performer, der sich herschenkt: der Bewegung, sich selbst, seinem Choreografen Arno Schuitemaker, und dem zusehenden Publikum, das gleich zu Beginn ungeduldig lachend Schuitemaker zuruft: „Yes, let's start, finally“.

Die Intelligenz in dieser Arbeit steckt in der Entscheidung Schuitemakers, von Anfang an auf Beziehung zu setzen, indem er sich selbst als Choreografen vorstellt, sich mit auf die Bühne stellt und seinem Performer die ganze Zeit zusieht, wie dieser seine Bewegungen ausführt. Nicht nur wird dabei die Grenze zwischen der Arbeit im Studio und dem Tanzwerk als einer Aufführung überschritten; die choreografische Arbeit mit der Bitte um eine Bewegung durch den Performer, des permanenten Ansehens des Performers, seines sich bewegenden Körpers, des manchmal mit ihm zusammen Tanzens, auch am Ende des Dankes für das, was er mit seinem Können herschenkt – all das wird bei „I is an Other“ zum Werk selbst. Indem Schuitemaker die ganze Zeit auf der Tanzfläche präsent bleibt, gewährt er dem Publikum gleichsam die Möglichkeit, durch seinen Blickwinkel auf den tanzenden Menschen zu schauen – eine Perspektive, die im herkömmlichen Tanzwerk verborgen bleibt.

Inhaltlich gliedert sich die knapp einstündige Aufführung im Grunde in mehrere überschaubare Teile, die jeder für sich auf einer Bewegung, oder auch einem Ton oder einem Laut aufbauen, und dann, angetrieben von ergreifenden Percussion-Kompositionen von Wim Selles, auf ein transformatorisches Moment zusteuern. Jenes entsteht, weil van Rooij seine Aufmerksamkeit ganz nach innen ausrichtet und mit geschlossenen Augen sich den permanent sich wiederholenden Bewegungen hingibt. Unendlich lange dauert es, bis er den Bewegungsfluss versiegen lässt; bis sein Körper ruhig wird und sein Choreograf ihn mit warmen Augen auffängt: „Thank you, Mitchell“.

Veröffentlicht am 30.09.2014, von Alexandra Karabelas in Homepage, Kritiken 2014/2015, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 3236 mal angesehen.



Kommentare zu "Thank you, Mitchell"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    WIE FRAUEN TANZEN UND MÄNNER TANZEN LASSEN

    Eindrücke vom „Young European Choreographers“ in Dresden

    Hellerau, das Europäische Zentrum der Künste, macht zum dritten Mal mit dem Festival des Netzwerks modul-dance seinen Anspruch geltend. Eindrücklicher könnte der Start zur aktuellen Auflage kaum sein.

    Veröffentlicht am 29.09.2014, von Boris Michael Gruhl


     

    LEUTE AKTUELL


    EINE WARMHERZIGE UND STARKE FRAU

    Marlis Alt ist am 19. Juni verstorben
    Veröffentlicht am 29.06.2020, von tanznetz.de Redaktion


    DANCE!

    Lucinda Childs wird 80 und wirkt heute noch radikal und neu
    Veröffentlicht am 25.06.2020, von tanznetz.de Redaktion


    MIT DEM RÜCKEN ERZÄHLEN

    Michael Molnár ist gestorben
    Veröffentlicht am 23.06.2020, von Hartmut Regitz



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    STEPHAN HERWIG :: IN FELDERN

    Das neue Tanzstück von Stephan Herwig feiert am Donnerstag, 29. Oktober 2020, in München Premiere.

    Das differenzierte Zusammenspiel von Tanz, Raum und Licht prägt Stephan Herwigs Choreografien - für seine neue Arbeit ergänzt und bereichert durch ein Objekt mitten im Bühnenraum.

    Veröffentlicht am 11.09.2020, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    VORWÜRFE GEGEN TANZAUSBILDUNG

    Verdacht auf Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 25.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STAATLICHE BALLETTSCHULE BERLIN– KEIN ENDE IN SICHT

    Seyffert geht gegen Freistellung und Hausverbot vor. Bisher ohne Erfolg.
    Veröffentlicht am 19.05.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STABEL WILL SCHULLEITER AN DER STAATLICHEN BALLETTSCHULE BERLIN BLEIBEN

    Der Gütetermin um freigestellten Ballettschuldirektor scheitert. Der Zwischenbericht der Untersuchungskommission sorgte vorab für kontroverse mediale Resonanz.
    Veröffentlicht am 12.05.2020, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    DIE TANZNETZ.DE LINKLISTEN

    Fast alles, was Sie zu den Themenbereichen Tanz suchen, finden Sie bei uns in den Linklisten

    Veröffentlicht am 15.09.2020, von tanznetz.de Redaktion


    POSTKARTENERZÄHLUNG

    Alexander „Kelox“ Miller mit „Layover“ im Festspielhaus Hellerau

    Veröffentlicht am 15.09.2020, von Rico Stehfest


    SCHRITT FÜR SCHRITT

    Buchneuerscheinung: „Entwicklungsförderung durch Bewegung und Tanz"

    Veröffentlicht am 02.03.2020, von Sabine Kippenberg


    HEUTE HIER, MORGEN DORT

    "7 PORTRAITS OF SOLITUDE - 7 Films by David Dawson" hat heute seine Online-Premiere

    Veröffentlicht am 17.09.2020, von Boris Michael Gruhl


    MOZARTS EROTIK AUF DER SPUR

    „Ohne Giovanni. Aber mit Mozart“ von Katja Erdmann-Rajski in Stuttgart

    Veröffentlicht am 19.09.2020, von Gastbeitrag



    BEI UNS IM SHOP