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München

WIE DER MODERNE TANZ MÜNCHEN EROBERTE

Ein Rückblick auf 40 Jahre Iwanson



Eine junge charismatische Schwedin tanzt in Paris – und wird in München zur Tanz-Pionierin. Eigentlich wollte Jessica Iwanson, 1973 bei der Modern-Dance-Koryphäe Peter Goss in Paris engagiert, nur für ein paar Wochen nach München kommen.


  • Jessica Iwanson und Barbara Kaufmann auf dem Marienplatz Foto © Iwanson International
  • Jessica Iwanson in ihrer Schule in den 80er Jahren Foto © Iwanson International

Eine junge charismatische Schwedin tanzt in Paris – und wird in München zur Tanz-Pionierin. Eigentlich wollte Jessica Iwanson, 1973 bei der Modern-Dance-Koryphäe Peter Goss in Paris engagiert, nur für ein paar Wochen nach München kommen. Sie war von dem US-Musical- und TV-Choreografen Bill Milié als kurzzeitige Vertretung angefragt worden: für sein Tanzstudio im ehemaligen Schwabinger Trambahndepot. Zum Glück für München blieb sie.

Ihr bald am Gärtnerplatz eröffnetes Dance Center Iwanson wird schnell zum Treffpunkt für Tanzprofis und -amateure. Das Klassisch-Training geben Tänzer der Bayerischen Staatsoper. Die Chefin lädt immer wieder renommierte Gastlehrer ein, unterrichtet selbst die Hauptstundenlast. Heißt: Modern Jazz und vor allem den von der US-Legende Martha Graham geprägten Modern Dance, damals hierorts eine eher noch exotische Disziplin. Mit ihrem ersten Modern-Dance-Abend im Zirkus Krone – sie selbst und die damalige Staatsopern-Eliteballerina Joyce Cuoco als Attraktion – ist ihre Iwanson Dance Company geboren.

Aus dem für jedermann offenen Gärtnerplatz-Studio hat sich, nach zwei Umzügen, in den hellen geräumigen Sälen in der Adi-Maislinger-Straße Deutschlands einzige private Ausbildungsstätte für modernen und zeitgenössischen Tanz entwickelt. „Imgrunde habe ich schon im Gärtnerplatz-Studio Kinder und Jugendliche ausgebildet, von denen einige ja auch eine Profi-Karriere gemacht haben. Barbara Hampel in Pina Bauschs Tanztheater, nur zum Beispiel“, erinnert Jessica Iwanson an ihren Start in den 70er Jahren. „Aber es gab da noch keine strenge schulische Struktur.“ Die organisiert in den 80er Jahren Stefan Sixt, seine Sportkarriere hintanstellend. „Ich habe Jessica auf der Bühne gesehen“, erklärt er lapidar seine Liebe auf den ersten (Tanz-)Blick. Dass er die von vielen Bewerbern umschwärmte, attraktive Nordländerin erobert hat, sagt einiges über seine Beharrlichkeit. Dank seiner umsichtigen Geschäftsführung kann sie sich voll auf ihre künstlerischen Aufgaben konzentrieren, was sie bekräftigt: „Ich war ja viel unterwegs, habe neben dem Unterricht hier quer durch Deutschland Workshops gegeben, Musicals wie „Chicago und „Sweet Charity“ choreografiert.“

In den 80er Jahren übernimmt sie noch die Leitung des Balletts ihres Mentors Ivo Cramér am schwedischen Riksteater und die der norwegischen „Nye Carte Blanche“. Eine zusätzliche (Tournee-)Belastung – jedoch mit Vorteilen. Was sie für diese beiden Kompanien choreografiert, studiert sie auch in München ein und umgekehrt. Und: sie kann ihre kleine Iwanson-Truppe mit Tänzern aus Schweden und Norwegen verstärken.
Auf diese Weise bekommt München in geschliffen professioneller Form Nachhilfe in Modern Dance: bei „München Kultur“ 1978 ist der Marienplatz rammelvoll, wenn die Iwanson Company auftritt. Und ebenso mächtiger Publikumsandrang 1983 bei der IGA/Internationalen Gartenausstellung, wo die „Iwansons“ die Westpark-Seebühne mit Tanz beleben. Es gibt Vorstellungen in der Musikhochschule, im Iwanson-Studio (Stefan Sixt hatte eine zusammenschiebbare Tribüne einbauen lassen!), in der Alabama-Halle, im Carl-Orff-Saal des Gasteig. Dort wurde diesen Mai drei Tage lang das 40. Iwanson-Jubiläum gefeiert mit Choreografien der Chefin aus drei Jahrzehnten, aber auch mit Arbeiten ehemaliger Schüler, unter anderem von Patrick Delcroix, Ex-Solist des Nederlands Dans Theaters, und von Johannes Härtel, der inzwischen, wie Sixt verrät, „in die Schulleitung einbezogen ist“.

Das „System Iwanson“ hat ganz automatisch choreografische Anlagen gefördert. Denn wer bei ihr Tanzausbildung machte, tanzte auch in ihrer Company – und war auf diese Weise kopfkörperlich in den Entstehungsprozess ganz unterschiedlicher Stücke involviert. Denn Iwansons Arbeit insgesamt, von „Zugvögel“, „Nordpol“ und „Schnee“ bis zu „Nightbirds“, „Ein Puppenheim“ nach Ibsen, „Gesichter“ nach Garcia Lorca, „Ballroom“ und „Hotel Danube“, um nur einige Titel zu nennen, umfasst die Palette vom abstrakten („Natur“-)Stück bis zu dramatischer Erzählung und Tanz-Comedy. Im komischen Genre war übrigens die schöne, dabei so sympathisch uneitle Jessica immer eine hinreißende Clownin.

Ihren frühen Graham-Stil hat sie über die Jahre kontinuierlich mit neuen freien Bewegungen verändert, zeitgenössisch entgrenzt - war also nicht nur inhaltlich-dramaturgisch, sondern auch im Bewegungsstil "offen". Wer unter ihrer Obhut tanzschöpferisches Kribbeln bei sich spürte, geriet nicht in Gefahr, die Iwanson zu kopieren, sondern war stilistisch völlig frei gelassen. Paradebeispiel: Stefan Maria Marb, Iwanson-Student der ersten Stunde, profilierte sich bald als Münchens erster Butoh-Choreograf.

Während Jessica Iwanson sich ab 2000 choreografisch auf Solo-Abende für sich selbst konzentriert, hat Stefan Sixt mit „einem dualen System aus Basistechnik und zeitgenössischen Tanzformen“ weiter auf die „Iwanson-Schule International“ hingearbeitet. “Jessica und ich fahren jährlich zu großen Auditions nach Barcelona, London, Paris, Rom, Kopenhagen und Stockholm. Wir haben durchschnittlich 165 Vollzeitstudenten und circa 40 Jungstudenten. Jetzt zum Wintersemester 2014/15 sind 60 neu eingeschrieben.“ Und ganz nebenbei ist Sixt auch der ideale Kommunikator und Netzwerker. „Ich habe gerade zusammen mit tanznetz.de-Herausgeberin Nina Hümpel das Heft 'Tanzstadt München' herausgebracht, mit Informationen über alle hiesigen Tanz-Institutionen und -Veranstalter, vom Staatsballett und der Ballettakademie/Musikhochschule bis zur Tanzwerkstatt Europa, dem städtischen Kollektiv Tanztendenz, den Spielstätten Schwere Reiter und i-camp, der Iwanson-Sixt-Stiftung, der Dance-Biennale und und und" (60 informative Seiten mit 24 Adressen, Anmerk. d. Red.). Sixts Berufsethos: „Lasst uns über Fördermittelkämpfe und Meinungsverschiedenheiten hinweg alle zusammen arbeiten, das Kollegiale fördern und so für den Tanz in München einen Mehrwert schaffen.“

Veröffentlicht am 30.09.2014, von Malve Gradinger in Homepage, Leute, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 7303 mal angesehen.



Kommentare zu "Wie der moderne Tanz München eroberte"



    • Kommentar am 15.10.2014 17:33 von Andreas Srenk
      Der Text „Wie der moderne Tanz München eroberte“ wurde am 30. 9. von Malve Gradinger auf tanznetz.de publiziert.



      Mit einigem Befremden haben wir diesen Artikel gelesen.



      Wenn die Autorin zu Beginn des dritten Absatzes schreibt: „Aus dem für jedermann offenen Gärtnerplatz-Studio hat sich, nach zwei Umzügen, in den hellen geräumigen Sälen der Adi-Maislinger-Straße Deutschlands einzige private Ausbildungsstätte für modernen und zeitgenössischen Tanz entwickelt,“ so ist das schlicht falsch. Neben der Contemporary Dance School Hamburg (CDSH) gibt es weitere Ausbildungsstätten dieser Art in Deutschland. Etwas mehr Recherche hätte dem Artikel gutgetan.



      Mit freundlichen Grüßen,



      Andreas Srenk

      Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Contemporary Dance School Hamburg,

      Stresemannstr. 374B, 22761 Hamburg































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