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Berlin

DER START SCHEINT GEGLÜCKT

Verleihung des "Taglioni European Ballet Award" in 13 Kategorien



Es scheint, als wolle Malakhov erst gar nicht zu einer Art von Ruhe kommen. Seine neu gegründete Foundation vergibt erstmals einen Ballett-Preis im zum Theater umfunktionierten Berliner Hotel Maritim.


  • Verleihung des "Taglioni European Ballet Award": Nikolaj Hübbe (Direktor des Königlichen Dänischen Balletts), Ida Praetorius (nominiert für beste Nachwuchstänzerin), Alban Lendorf (bester Tänzer), Silja Schandorff (stellvertretende Leiterin des Königlichen Dänischen Balletts) Foto © Malakhov Foundation
  • Verleihung des "Taglioni European Ballet Award" Foto © Malakhov Foundation
  • Verleihung des "Taglioni European Ballet Award" Foto © Malakhov Foundation
  • Verleihung des "Taglioni European Ballet Award" Foto © Malakhov Foundation
  • Verleihung des "Taglioni European Ballet Award" Foto © Malakhov Foundation

Weich und warm greifen sich diese Schuhe an und das obwohl sie aus Porzellan sind. Einige der PreisträgerInnen des vergangenen Samstag im zum Theater umfunktionierten Berliner Hotel Maritim erstmals vergebenen „Taglioni European Ballet Award“ konnten ihre Finger gar nicht von dem feinen Gebilde der Königlichen Porzellanmanufaktur Berlin lassen. Das Vorbild dafür sollen originale Schuhe der Marie Taglioni gewesen sein, die nicht nur zu Vladimir Malakhovs bewunderten Ballerinen der Ära des Romantischen Balletts zählt und – nach ihrem Start von Wien aus - natürlich auch in Berlin aufgetreten ist.

Es scheint, als wolle Malakhov erst gar nicht zu einer Art von Ruhe kommen. Noch vor seinem Abschied als Direktor des Berliner Staatsballetts im vergangenen Juni hatte der Startänzer den Tätigkeitsrahmen seiner neu gegründeten Foundation angekündigt: tänzerischen Nachwuchs in Obhut zu nehmen, bei Verletzungen zu helfen, aber auch einen neuen Ballett-Preis zu installieren und zwar einen europäischen, der ganz selbstverständlich Russland mit einschließt. Unter dem Vorsitz des in der Hauptstadt tätigen Musik- und Ballettjournalisten Manuel Brug wurde flugs eine Jury aus sechs weiteren TanzkritikerInnen formiert, fünf davon sind eher durch Zufall als aus kuratorischer Absicht auch für die Fachzeitschrift tanz tätig, kannten einander persönlich aber kaum: Gaia Clotilde Chernechich aus Rom, Anne Middleboe Christensen aus Kopenhagen, Natalia Zozulina aus St. Petersburg, Mike Dixon aus Leeds, Thomas Hahn aus Paris und die Autorin dieses Textes aus Wien.

Dreizehn Preis-Kategorien waren bereits fixiert, besondere Aufmerksamkeit sollte die vergangene Spielzeit erfahren. Von der ersten Diskussion an, wir waren ehrenamtlich tätig, zeichneten sich eine große Vielfalt und ein breit gefächertes Verständnis um den Begriff Ballett und Choreografie ab. Die unterschiedlichsten Kriterien flossen ein und der Erfinder und Gründer des Preises mischte sich kein einziges Mal ein. Und somit wurde auch kein zusätzlicher Sonderpreis dazu erfunden, um etwaige Bedürfnisse der Foundation abzudecken. Diese Seriosität ist dem Foundation-Team hoch anzurechnen.

Aus dem Preis für das Lebenswerk wurde der große Ehrenpreis und somit eigentlich der Hauptpreis, die 13. Kategorie, und der ging an das Königlich Dänische Ballett. Die Dänen schienen uns durch ihre kontinuierliche Pflege aber auch Weiterentwicklung der Bournonville-Tradition wie sie von Hans Brenaa, Kirsten Ralov, Henning Kronstam und nunmehr von Dinna Björn aber auch Johan Kobborg, Thomas Lund, dem Leiter der Schule, sowie der großartigen dänischen Historiker-Garde um Erik Aschengreen gepflegt wird, den Verdiensten der Taglioni am nächsten. Nicht rekonstruiert, sondern weiter gegeben und beständig transformiert. Wie der aktuelle Direktor Nikolaj Hübbe, begleitet von der stellvertretenden Leiterin und Ex-Ballerina Silja Schandorff, den Taglioni aus den Händen von Malakhov entgegen nahm, das war ein besonderer Spannungs-Moment. Russische Schule verneigt sich vor Dänischer Tradition. Malakhov zu Hübbe sinngemäß: Fürchtest Du Dich nicht vor der Nummer Dreizehn? Hübbe, dessen „La Sylphide“-Fassung im Oktober Premiere hat, parierte mit einer durchaus weltmännischen Rede. Dass am Ende des Abends der zum besten Tänzer gekürte Däne Alban Lendorf mit der ebenfalls nominierten, aber leer ausgegangenen Ida Praetorius ein Duett aus John Neumeiers „Kameliendame“ überwältigend natürlich, wie aus dem Moment heraus tanzte, war für die Jury nicht vorhersehbar gesehen. Wir haben erst am Tag der Gala – mit Ausnahme des Hauptpreises – die Entscheidungen getroffen und bis zur Verleihung dicht gehalten. Niemand von den zahlreich angereisten Nominierten, darunter etwa Francois Alu vom Ballett der Pariser Oper, Thomas Edur als Direktor des Estonian National Ballet oder der britische Choreograf Kenneth Tindall, wusste um die GewinnerInnen.

Der europäisch angelegte Taglioni, so er hält, er soll 2016, also in einem Zweijahres-Rhythmus wieder vergeben werden, könnte das Ballettgeschehen befördern, stützen und ihm einen neuen Glanz verleihen, den es gut brauchen kann. Gute Figur machte auch der noch amtierende Bürgermeister, Klaus Wowereit, der den Taglioni für den besten Direktor an Martin Schläpfer übergab. Unübersehbar alert geworden, Schläpfer kehrt für die Uraufführung „Alltag“ von Hans van Manen im Oktober auf die Bühne zurück, skizzierte dieser in eindringlichen Worten die Komplexität eines choreografierenden, lehrenden, programmierenden Ballettdirektors. Tanz braucht Worte und Anerkennung, das war an diesem Abend deutlich zu spüren.

Die Begründungen der Jury:

Beste Produktion
Classical Miniatures 
Mit Leonid Jacobsons "Classical Miniatures" entdeckt Westeuropas Ballettpublikum einen unbekannten choreografischen Schatz aus der Sowjet-Zeit. Dieses brillante, Charme ausstrahlende und überraschend moderne, in vier verschiedenen Stilen konzipierte neoklassische Ballett, ist ein wahrhaft geschichtsträchtiges Geschenk an das internationale Repertoire.
 
Bester Choreograf
Thierry Malandain
In seiner neuesten Produktion "Cinderella" zeigt Thierry Malandain anhand dieses Märchenstoffs komplexe Erzählkunst und ausgeglichenen  Humor. Sein Stil ist erfrischend, mit feinsten und überraschenden psychologischen Details. Das Malandain Ballet Biarritz, eine Kompanie von nur zwanzig Tänzern, hält dabei höchste technische Standards aufrecht.
 
Beste Kompanie
Northern Ballet
Eine Kompanie mit 48 Tänzern von schauspielerischem Ausnahmetalent, die sowohl Kreationen ihres Direktors David Nixon präsentiert, als auch Stücke anderer Spitzenchoreografen. Das Northern Ballet leistet einen bedeutenden Beitrag zur Beliebtheit von Tanz in ganz Großbritannien und darüber hinaus.
 
Bester Direktor
Martin Schläpfer
Martin Schläpfer entwickelt sein eigenes innovatives Werk und baut gleichzeitig ein sehr abwechslungsreiches sowie einzigartiges Repertoire auf. Unter seiner Leitung präsentieren das Ballett am Rhein und seine außergewöhnlich athletischen Tänzer außerdem Arbeiten junger Choreografen und haben damit eine weitere hochinteressante Richtung eingeschlagen.
 
Bester Tänzer
Alban Lendorf
Alban Lendorf verkörpert das gesamte Paket jener Qualitäten, die August Bournonville persönlich so hoch schätzte. Seinen kräftig gebauten Körper bewegt er mit faszinierender Grazie, brillanter Fußarbeit und organischer Musikalität – und mit dem klarsten Ausdruck.
 
Beste Tänzerin
Alina Cojocaru
Alina Cojocaru tanzt jenseits aller Stilgrenzen. Sie ist eine spirituelle Tänzerin, die ihre poetischen Qualitäten so stark zum Ausdruck bringt, dass sie all ihre technischen Fähigkeiten transzendiert. Ihr Ausdruck findet einen direkten Weg  in die Herzen der Zuschauer, ob sie in Rollen des Repertoires auftritt oder in Figuren, die eigens für sie kreiert wurden.
 
Bester Nachwuchstänzer
Xander Parish
Xander Parish ist der erste englische Tänzer, der im Ensemble des Mariinsky-Balletts in Sankt Petersburg aufgenommen wurde. Dort interpretierte Parish Hauptrollen in "Romeo und Julia", "Schwanensee", "Apollo" und in diesem Jahr zum ersten Mal in "Sylvia". Seine phänomenale klassische Linie, sein Sprungvermögen und seine schauspielerische Intelligenz machen aus ihm einen großartigen Solisten.
 
Beste Nachwuchstänzerin
Julia Stepanowa
Julia Stepanowa ist eine bemerkenswerte Tänzerin der jungen Generation. Sie vertritt das Beste aus der Weiterentwicklung der Waganowa-Tradition. Ihr Repertoire umfasst bereits die bedeutendsten Rollen in "Schwanensee", "La Bayadère" und "Sylvia". Sie ist eine äußerst lyrische Tänzerin und ihre Linien sind bezaubernd. Das alles macht sie zu einer klassischen Ballerina von großer Natürlichkeit.
 
Beste Nachwuchschoreografin
Natalia Horecna
Natalia Horecna ist eine wahrhaft europäische Tänzerin. Geboren wurde sie in der Slowakei, ausgebildet am Hamburg Ballet und heute choreografiert sie in den Kompanien von Wien, Den Haag und Helsinki. Sie hat eine emotionale choreografische Kunst entwickelt, in der sich die  innere Befindlichkeit der Menschen zeigt. Und sie vertritt ihre feministische Ader mit Witz und Humor.
 
Beste Ausstattung
Keso Dekker
Keso Dekker besitzt außergewöhnliche Fähigkeiten, choreografischem Material seinen persönlichen Stempel aufzudrücken. Er ist ein visueller Künstler, der die Wahrnehmung des tanzenden Körpers auf die Spitze treibt, wobei er oft farbkräftige Textilstreifen benutzt. So entsteht ein bildlicher Eindruck, der den Tanz in andere Sphären hebt.
 
Bester Dirigent
Pavel Bubelnikov
Pavel Bubelnikov verfügt über große Erfahrung als musikalischer Leiter und besitzt ein wunderbares Gefühl für klassisches Ballett. Er atmet geradezu mit den Tänzern und dirigiert im Bewusstsein ihrer Bedürfnisse. Unter seiner inspirierenden Leitung klingt ein Orchester besonders enthusiastisch und melodisch, mit perfektem Timing. 
 
Beste Ballet-DVD
Dance & Quartet
"Dance & Quartet" zeigt Heinz Spoerlis gleichnamige, im Rahmen der Salzburger Festspiele für das Zürich Ballet geschaffene Choreografie. Das Herausragende an dieser DVD-Produktion ist die klare, originalgetreue, langsame und ästhetische Kameraführung. Dazu gehören auch Close-Ups, die feinfühlig zwischen den Tänzern und den Musikern wechseln.

www.taglioni-award.com

Veröffentlicht am 30.09.2014, von Andrea Amort in Homepage, News 2014/2015, Tanz im Text

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Kommentare zu "Der Start scheint geglückt"



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