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Hamburg

DIE KUNST DER SCHWERELOSIGKEIT

Wiederaufnahme von John Neumeiers „Giselle“ beim Hamburg Ballett



Neumeiers radikal entstaubte neue Fassung nach der eher traditionellen Version von 1983 war im Jahr 2000 auf Anhieb ein riesiger Publikumserfolg, blieb aber nicht lange auf dem Spielplan. Jetzt kehrt sie auf die Bühne der Hamburgischen Staatsoper zurück.


  • "Giselle" von John Neumeier: Miljana Vracaric und Alina Cojocaru Foto © Holger Badekow
  • "Giselle" von John Neumeier: Ensemble Foto © Holger Badekow
  • "Giselle" von John Neumeier: Sascha Trusch und Alina Cojocaru Foto © Holger Badekow
  • "Giselle" von John Neumeier: Anna Laudere und Alina Cojocaru und Sascha Trusch Foto © Holger Badekow
  • "Giselle" von John Neumeier: Ensemble Foto © Holger Badekow
  • "Giselle" von John Neumeier: Sascha Trusch und Alina Cojocaru Foto © Holger Badekow
  • "Giselle" von John Neumeier: Sascha Trusch und Alina Cojocaru Foto © Holger Badekow
  • "Giselle" von John Neumeier: Sascha Trusch und Alina Cojocaru Foto © Holger Badekow
  • "Giselle" von John Neumeier: Sascha Trusch und Alina Cojocaru mit Ensemble Foto © Holger Badekow
  • "Giselle" von John Neumeier: Anna Laudere Foto © Holger Badekow

Die Spielzeit 2014/15 steht beim Hamburg Ballett unter dem Motto „Romantik“ – da darf DER romantische Klassiker schlechthin nicht fehlen: „Giselle“. Neumeiers radikal entstaubte neue Fassung nach der eher traditionellen Version von 1983 war im Jahr 2000 auf Anhieb ein riesiger Publikumserfolg, blieb aber nicht lange auf dem Spielplan. In all den Jahren seither schmerzlich vermisst, kehrt sie jetzt endlich auf die Bühne der Hamburgischen Staatsoper zurück.

Neumeiers großes Verdienst ist es, dass er die schönsten Passagen aus der traditionellen Choreografie von Marius Petipa, Jean Coralli und Jules Perrot erhalten und mit eigenen Elementen vermischt hat. Immer wieder bricht er mit eigenen Versatzstücken die klassische Choreografie, vor allem im zweiten Akt fällt das auf, als die ätherischen Wilis (die unerlösten Seelen von Frauen, die als Bräute vor der Hochzeit sterben mussten) plötzlich beginnen, ganz unätherisch ihren Schmerz über die unerfüllte Liebe zu zeigen. Einer seiner genialsten Kunstgriffe ist es jedoch, aus der Mutter Giselles eine blinde Frau zu machen, deren düstere Vorahnungen den gesamten ersten Akt davor bewahren, ins Kitschige abzurutschen.
Schon Anna Grabka brillierte hier vor vierzehn Jahren mit einer Darstellungskraft, die einem den Atem stocken ließ. Miljana Vracaric übertrifft sie darin jetzt noch um einiges – wie ihre Augen ins Leere starren, wie sie, die Blinde, die Tochter sehend machen möchte für das Unheil, in das sie da gerade so heiter und unbeschwert hineintanzt, und wie sie dann ihre Verzweiflung über den Tod der Tochter mit dem ganzen Körper hinausschreit, das bewegt und erschüttert bis ins Mark.

Ein wesentlicher Faktor für den Erfolg dieser Inszenierung ist aber auch das phänomenal schlichte und darum umso eindrücklichere Bühnenbild von Yannis Kokkos, ganz in Weiß im ersten Akt, ganz in Schwarz im zweiten. Für den ersten Akt schafft er mit auf das Wesentliche reduzierten Mitteln eine unschwülstige, heitere Atmosphäre – schlichte weiße Haussilhouetten symbolisieren die beiden Hütten (die bei Giselles Tod krachend umfallen), das Schloss ist als Strichzeichnung nur angedeutet. Der Situation angemessen düster und unheimlich dann der zweite Akt mit schwarzen, hoch aufragenden Zypressen-Silhouetten vor schwarzen Prospekten, die mit wenigen weißen Strichen Kontur gewinnen.

Und dann natürlich die Tänzer. Allen voran Sascha Truschs Albert – wie dieser junge Erste Solist diesen schwierigen Part sowohl technisch wie darstellerisch ausfüllt, das ist herausragende Tanzkunst: verführerisch-charmant im ersten Akt, schuldbewusst-ratlos wie ein kleiner Junge, als seine adlige Herkunft auffliegt und Giselle seinen Betrug erkennt. Verzweifelt trauernd dann im zweiten Akt, wo er in seinen Soli eine grandiose Sprungkraft und Dynamik entwickelt, gepaart mit einer Präzision, die ihresgleichen sucht.
Alina Cojocaru als Gast für die Titelrolle ist ganz in ihrem Element – die „Giselle“ hat sie schon unzählige Male in verschiedensten Versionen verkörpert, sie gehört zu ihren erklärten Lieblingsrollen. Sich in diese Neumeier-Version einzufühlen, fällt ihr erkennbar leicht, ohne deshalb an Tiefe und Innigkeit zu verlieren. Dass sie auch noch die schwierigsten Passagen genüsslich auskostet, spricht für sich.
Leslie Heylmann und der vom Bayrischen Staatsballett neu nach Hamburg gekommene Solist Karen Azatyan zelebrieren den Bauern-Pas de Deux frisch und unverbraucht. Emilie Mazon ist eine wunderbar naiv-freundliche Bathilde, die den anderen mit ihrem Plüschbären ordentlich auf die Nerven geht, aber unversehens erwachsen werden muss, als sie erkennt, dass ihr Verlobter Albert sich in das ihr doch so sympathische Bauernmädchen verguckt hat. Dieser Wechsel gelingt Emilie Mazon hervorragend, sie hat diese Leichtigkeit, aber auch diesen Drive, diese Energie, die nötig ist, um aus dieser Bathilde kein Zuckerpüppchen werden zu lassen.
Anna Laudere zelebriert Myrtha, die Königin der Wilis, mit dem nötigen Hochmut, mit distanzierter Kühle und Noblesse, lässt aber im Hintergrund auch eine tiefe Melancholie ahnen. Ihre schöne Linie kommt in dieser Rolle einmal mehr zum Vorschein. Das gilt auch für Mayo Arii als Zulma.

Simon Hewett leitete die Philharmoniker Hamburg gewohnt umsichtig und souverän und brachte die Musik von Adolphe Adam zum Blühen.
Das Publikum lohnte diese rundum gelungene Wiederaufnahme mit standing ovations und großem Jubel.

Weitere Aufführungen am 26. und 27. September (nur noch Restkarten), am 12., 14. (nachmittags und abends), 15., 17., 20. und 21. Mai sowie am 10. Juli 2015 (im Rahmen der Ballett-Tage). Kartentelefon 040-35 68 68 oder im Internet unter www.staatsoper-hamburg.de

Veröffentlicht am 23.09.2014, von Annette Bopp in Homepage, Kritiken 2014/2015

Dieser Artikel wurde 4139 mal angesehen.



Kommentare zu "Die Kunst der Schwerelosigkeit "



    • Kommentar am 23.09.2014 11:58 von spacefly
      "Und dann natürlich die Tänzer. Allen voran Sascha Truschs Albert – wie dieser junge Erste Solist diesen schwierigen Part sowohl technisch wie darstellerisch ausfüllt, das ist herausragende Tanzkunst:..."



      Nun ja, es sollte aber doch erwähnt werden, dass zweimal am Ende von größeren Pirouttensequenzen bei Sascha Trusch starke Wackler im Abschluss zu sehen waren, die einen nicht sehr souveränen Eindruck machten.

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