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Hamburg

„GLÜCK IST, WENN AUCH DIE SEELE TANZT“

Birgit Keil zum 70. Geburtstag



Ein Buch von Wiebke Hüster über die Tänzerin, Stiftungsgründerin, Professorin und Karlsruher Ballett-Direktorin Birgit Keil. Es ist das Kaleidoskop einer 34jährigen Tänzerinnenkarriere zwischen 1961 und 1995.


  • Birgit Keil im Ballettsaal Foto © Privatbesitz Birgit Keil/aus dem Buch „Birgit Keil. Ballerina“, Henschel Verlag.
  • Birgit Keil mit Vladimir Klos in "Schwanensee" Foto © Privatbesitz Birgit Keil/aus dem Buch „Birgit Keil. Ballerina“, Henschel Verlag.
  • "Glück ist, wenn auch die Seele tanzt": Ein Buch über Birgit Keil Foto © Henschel Verlag

Ich weiß nicht mehr, wie oft ich – aufgewachsen in der unmittelbaren Umgebung von Stuttgart – in den 1960er Jahren an der Theaterkasse geduldig angestanden bin, um eine der begehrten Schülerkarten für das „Stuttgarter Ballettwunder“ zu erstehen: Marcia Haydée, Richard Cragun, Egon Madsen und – Birgit Keil. Später, in den 70ern und 80ern, als ich schon in Hamburg studierte und arbeitete, fuhr ich oft eigens für die Premieren nach Stuttgart. Denn Birgit Keil stand damals ebenso wie Marcia Haydée, Richard Cragun und Egon Madsen mit dem gesamten Ensemble für etwas, was es in Deutschland, vielleicht sogar auf der ganzen Welt, damals nicht noch einmal gab: für den ganz speziellen Stuttgarter Spirit, für eine einzigartige Hingabe an den Tanz. Für das Aufgehen in dieser Kunst mit Haut und Haar, mit Kopf, Herz und Seele in einer leidenschaftlichen Ausschließlichkeit. In Kombination mit der entstaubten Choreografenkunst John Crankos wertete sie den Tanz in bisher nie gekannter Weise auf. Es war eine neue Haltung zum Tanz, zum Ballett, zur Kreation, zur Kraft der Darstellung, zum Seelenleben auf der Bühne, zu der Leidenschaft, sich dem Publikum, der Welt im Tanz hinzugeben. Stuttgart war zur Wiege geworden für eine neue Ära des Tanzes, die bis heute anhält. Die großen Tänzerpersönlichkeiten dieser Zeit haben diese Aura inhaliert und verinnerlicht. Sie wirken in den Metropolen der Welt und prägen den Tanz bis heute.

Birgit Keil ist eine von ihnen. Und sie wirkt in der für sie stets charakteristischen, zurückhaltenden Art. Eher im Hintergrund. Sehr elegant. Leise, aber bestimmt und immer mit dem Ziel höchster Effizienz. Laut wird sie nur, wenn sie muss. Aber das meiste erreicht sie allein durch die Ausstrahlung ihrer Persönlichkeit, mit der ihr eigenen Würde und einer inneren Autorität, die gewachsen und geformt worden ist durch ihre Tanzkunst und auch durch das Leiden.

Die Frankfurter Journalistin Wiebke Hüster hat jetzt anlässlich des 70. Geburtstages von Birgit Keil am 22. September ein neues Buch über sie vorgelegt. Es ist das Kaleidoskop einer 34jährigen Tänzerinnenkarriere zwischen 1961 und 1995, als Birgit Keil 51jährig (!) am 22. Juli in Stuttgart ihre Abschieds-Gala gab. Und die nahtlos überging in die Karriere der Ballett-Lehrerin und -Direktorin, der Professorin, Stiftungsgründerin und Talentförderin.

Besonders aufschlussreich und amüsant ist vor allem Teil 1 – die Entwicklung des kleinen Mädchens mit Haltungsschäden zur „Baby-Ballerina“, von John Cranko höchstselbst für neun Monate als Stipendiatin „zur Horizonterweiterung“ zum Royal Ballet nach London geschickt. Da war sie gerade 18. Natürlich beschloss sie diesen Aufenthalt in der Fremde als Klassenbeste. Zurück in Stuttgart wartete schon Kenneth MacMillan mit der ersten dramatischen Rolle ihres Lebens: die jüngste Schwester in „Las Hermanas“, eine Herausforderung par excellence. Unzählige weitere folgten. Allein das Rollenverzeichnis Birgit Keils umfasst im Buch sechs Seiten.

Allerdings stand sie immer etwas im Schatten von Marcia Haydée, der damaligen Primaballerina assoluta des Stuttgarter Balletts. Dabei war Birgit Keil die weitaus bessere Tänzerin – sie hatte eine fulminante Technik, eine unglaubliche Eleganz, eine bestechend klare und edle Linie. Und sie konnte alles – romantisch, klassisch, modern, dramatisch, glutvoll, kühl. Keine Schwierigkeit war zu groß, keine Herausforderung zu anspruchsvoll.

Aber Marcia, das war eben der Vulkan auf der Bühne, sie ließ das Haus erbeben. Birgit hatte eher die leiseren Qualitäten. Was ihr das Leben nicht unbedingt leichter gemacht hat. Es wäre interessant gewesen, noch mehr zu erfahren über dieses wahrlich nicht spannungsfreie Verhältnis dieser beiden Frauen, die jede auf ihre Weise dem Tanz so unendlich viel gegeben haben. Zum Beispiel etwas zu erfahren über die Entstehungsgeschichte dieses eine sehr besonderen Stückes „Enas“, das Marcia eigens für Birgit Keil und Richard Cragun choreografiert hat, auf eine griechische Ode, gesungen von Irene Papas. Man hätte gerne mehr gewusst darüber, wie sich diese unglaublich kreative Zeit in Stuttgart aus der Rückschau heute anfühlt und wie es für sie damals war. Auch, wie es war, mit all diesen großen Persönlichkeiten zu arbeiten – Choreografen wie Tänzern. Man hätte gerne etwas darüber gelesen, wie Birgit Keil heute mit dem Nachwuchs arbeitet, worauf sie achtet im Training, was sie tadelt, was sie lobt, was ihr wichtig ist in der Arbeit mit den Jungen. Wie sie in ihrer Stiftung wirkt, und mit welchen Schwierigkeiten sie dabei zu kämpfen hatte und hat (oder auch nicht). Man hätte gerne mehr erfahren über ihre nunmehr über vierzigjährige Partnerschaft auf der Bühne und im Leben mit Vladimir Klos, eine selten gewordene nahezu symbiotische Lebensgemeinschaft. Man hätte gerne mehr gewusst, was es konkret bedeutet, dieses „Glück, wenn die Seele tanzt“, und was dafür nötig ist. Die im ganzen Buch verstreuten Zitate geben eine Ahnung davon, welcher Erfahrungsschatz da noch schlummert, auf den dieses Buch hungrig macht. Und uns dann doch mit knurrendem Magen allein lässt.

Es sind allerdings auch bewegende Dokumente dabei – die Liebeserklärung von William Forsythe zum Beispiel, der Brief von Uwe Scholz an Birgit Keil und Vladimir Klos. Rührend auch die Hommage des Tänzers Thiago Bordin an seine Lehrerin und Förderin, mit der ihn eine, wie er selbst sagt, „Seelenverwandtschaft verbindet“.

Es ist ein Buch über die facettenreiche Karriere einer großartigen Tänzerin, einer willensstarken, hartnäckigen Frau, einer weitsichtigen Förderin des tänzerischen Nachwuchses, einer klugen und umsichtigen Ballettdirektorin, die still und leise im Laufe der Jahre mit dem Badischen Staatsballett Karlsruhe keine Konkurrenz zum Stuttgarter Ballett, sondern eine kongeniale Ergänzung dazu aufgebaut hat, eine wunderbare Bereicherung der deutschen Tanzszene. Es ist der Spiegel eines bewundernswerten Lebenswerks.

Herzlichen Glückwunsch, liebe Birgit Keil, zum 70. Geburtstag! Und „many happy returns of the day“! Bleiben Sie uns noch lange mit dieser Energie und Schaffenskraft erhalten!


Wiebke Hüster: Birgit Keil. Ballerina. Glück ist, wenn auch die Seele tanzt. 100 meist ganzseitige Fotos, 176 Seiten, Henschel Verlag, 30,80 Euro

Veröffentlicht am 21.09.2014, von Annette Bopp in Homepage, Kritiken 2014/2015, Tanz im Text

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Kommentare zu "„Glück ist, wenn auch die Seele tanzt“"



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