HOMEPAGE



Berlin

MUSIKEXKURS, MENSCHENSTUDIE, MATERIALSCHLACHT

Diffuse Vielfalt bot das 26. Internationale Festival „Tanz im August“



Von den 19 besuchten Gastspielen haben sich viele dem Gedächtnis eingeprägt, wenngleich aus ganz verschiedenem Grund, wenige waren Höhepunkte. Dass Festivalleiterin Virve Sutinen den Konzepttanz außen vor ließ, ist ihr anzurechnen.


  • Miss Revolutionary mit "Noise and Darkness" Foto © cyclonea
  • La Veronal mit "Siena" im Capitol-Theater Foto © Jesus Robisco
  • Anne Teresa de Keersmaeker mit "Vortex Temporum" Foto © Herman Sorgeloos

Verwirrende Vielfalt ist der hauptsächliche Eindruck, den die 26. Ausgabe des internationalen Festivals „Tanz im August“ hinterließ. Von den 19 besuchten Gastspielen haben sich viele dem Gedächtnis eingeprägt, wenngleich aus ganz verschiedenem Grund, wenige waren Höhepunkte. Als einsamer Solitär ragt Anne Teresa De Keersmaekers „Vortex Temporum“ heraus. Benannt hat die Belgierin ihr Meisterwerk nach der begleitenden, live aufgeführten Komposition von Gérard Grisey. In Wirklichkeit sind Musik und Bewegung hier derart verzahnt, dass der Begriff des Gesamtkunstwerks kaum ein besseres Beispiel finden könnte. Die Choreografie übernimmt die Halbkreisaufstellung der sechs Instrumentalisten und reagiert ungemein feinfühlig auf deren Vorgaben, Gehauchtes und Gefauchtes, Gekratztes und Grelles, Auffahrendes und Abschwellendes. Als sich Flügel und Pianist betont langsam im Uhrzeigersinn über die Bühne bewegen, zieht das die sieben Tänzer in den Tonsog: Klang bewegt sich durch den Raum und wird Initiator des Tanzes. Bei allem Gewölk der Künste, dem sich mitwandernd Licht addiert, bleibt die beinah mathematische Struktur transparent, ohne jede Leerstelle, und atmet den Zauber eines kosmischen Flutens. Gleitend, kippend, springend, laufend geht Musik, die man für untanzbar hielte, sichtbar durch den Körper; der reagiert uhrwerkhaft präzise auf die einzelnen Instrumente, bis sich die Spannung in Atemfrequenz auflöst.

Mit seinem daheim preisgekrönten „Plateau Effect“ von Jefta van Dinther präsentierte das schwedische Cullberg Ballet ein weniger tänzerisch als dramaturgisch-inszenatorisch gelungenes Gleichnis gemeinschaftlichen Handelns. Lange brauchen die neun Tänzer, ehe sie an ein riesiges Tuch Hand anlegen, es nervös verseilen, sich verstricken, zu einem lindwurmhafte Hängeidol verformen; in Trance beten sie es an, vergessen sich, bis sie schlagartig Dunkel umfängt. Den berührendsten Beitrag lieferte Frankreichs Choreografiestar Maguy Marin. Im Solo „Singspiele“ reißt Schauspieler David Mambouch ein fotografisches Konterfei nach dem anderen, wie eine endlos dicke Maske vor dem Gesicht getragen, geradezu zärtlich ab, verwandelt sich in Gestik und Kostüm in die jeweils zugehörige Person, prominente wie auch unbekannte, und führt so ein Typenuniversum vor: Was wir sind, sein können oder wollen, was am Ende bleibt – der Schrei nach Anerkennung.

Hochgehandelt wurden La Vernonal aus Barcelona und ihr Stück „Siena“. Vor einer Reproduktion von Tizians „Venus von Urbino“ in einem imaginären Museum ereignen sich surreale Dinge: Eine Besucherin stirbt, Menschen in Fechterdress tanzen in schöner Unbeirrtheit, Mussolini palavert, derweil sich Körper zum Hakenkreuz formieren; wiederholt fragt der Text vom Band, was hinter dem Bild, Synonym für Kunst, sei. Als es sich weghebt, liegt dort aufgebahrt – die Leiche, rätselhaft geheimnisvoll. Konkreter lässt der Italiener Alessandro Sciarroni Jongleure mit Keulen hantieren, bis sie ermüden, die Objekte Gewalt über sie bekommen, und liebenswürdig menschliche Begrenzheit erkennbar wird. Mit Feuer, eminentem Können, auch einer Portion Ironie zelebrieren Hiphopper aus Kinshasa überaus sympathisch lokale Popkultur, die so weit von der europäischen gar nicht entfernt ist. Wie man mit Zitaten des Alten Testaments, Elektropop und skurrilem Spiel Amüsement erzielt, bewies The Loose Collective aus Wien.

Absoluter Tiefpunkt des Festivals: ein frappant substanzloses Duett der Israelin May Zarhy. Das wirft Fragen nach der Wahl der eingeladenen Beiträge auf. Arg gestrige waren darunter wie das Big Dance Theater aus New York, nervige wie die beiden überlagerten Soli von Mamaza, misslungene, weil nicht auf den Punkt gebrachte wie die Kritik der Schweizerin Alexandra Bachtzetsis am Zwang, permanent schön und perfekt zu sein. Mit ähnlicher Stoßrichtung agierte als grottenschrillster Act Miss Revolutionary Idol Berserker aus Japan: Materialschlacht aus Wasser und Objekten, die das plastikmantelverhüllte Publikum hyperaktiv, gnadenlos laut und militärisch korrekt attackiert. Dekadenzgetöse, Billigklamauk, überdrehte Medienschelte?

Dass Festivalleiterin Virve Sutinen den Konzepttanz außen vor ließ, ist ihr anzurechnen. Dass sich keine Produktion Problemen der Zeit stellte, scheint bedenklich. Vielleicht sind die Kriege, unter denen die Welt ächzt, zu frisch, als dass langengagierte Ensembles darauf reagieren könnten. Vielleicht aber ist der diffuse Eindruck, den der zeitgenössische Tanz bei „Tanz im August“ hinterlässt, sein Kommentar zu einer aus den Fugen geratenen menschlichen Sozietät. Bedauern mag man, dass die Brücke zum Theatertanz, wie ihn vergangene Editionen versucht hatten, abgebrochen ist. Bezahlbar kleinere Arbeiten etwa von Kylián, Goecke, Schläpfer bekämen dem künstlerischen Standard des Festivals künftig gut.

Veröffentlicht am 31.08.2014, von Volkmar Draeger in Homepage, Kritiken 2013/2014, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 1986 mal angesehen.



Kommentare zu "Musikexkurs, Menschenstudie, Materialschlacht"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    SIE BLEIBT

    Virve Sutinen bleibt bis 2022 Künstlerische Leiterin von Tanz im August

    Das internationale Festival Tanz im August wird weiterhin von Virve Sutinen geleitet. Dies beschloss der Aufsichtsrat des HAU und entsprach damit dem gemeinsamen Wunsch Sutinens und der HAU-Intendantin Annemie Vanackere.

    Veröffentlicht am 22.12.2018, von Pressetext


    ALTERSZWIST UND JUGENDZORN

    Mit konträren Gastspielen klingt der 30. Tanz im August aus

    Zum Finale wird mit einer namhaften Kompanie ausgeholt: dem Tanztheater Wuppertal und Øyens "Neues Stück II". Es sind die großen Kompanien, die dem Jubiläumsfestival dank finanziellen Zuschüssen ihren Stempel aufgedrückt haben.

    Veröffentlicht am 04.09.2018, von Volkmar Draeger


    BALL IM PUBLIKUM

    Fotoblog von Dieter Hartwig

    Zum Abschluss des diesjährigen Tanz im August gab es einen Ausflug auf den Lilli-Henoch-Sportplatz mit "La Partida“ von Veronica Cendoya.

    Veröffentlicht am 04.09.2018, von Dieter Hartwig


    GROßMEISTERLICH

    Hip-Hop dominiert den vorletzten Abschnitt von Tanz im August

    Gezeigt werden "Pixel" von Mourad Merzouki, "INOAH" von Bruno Beltrão / Grupo de Rua und "Chatsworth" von Constanza Macras / Dorkypark.

    Veröffentlicht am 31.08.2018, von Volkmar Draeger


    INTENSIV

    Fotoblog von Dieter Hartwig

    "M.A.R.S" von und mit Felix Mathias Ott und Bahar Temiz bei Tanz im August 2018 in den Sophiesælen Berlin.

    Veröffentlicht am 31.08.2018, von Dieter Hartwig


    GERAHMT

    Alexandra Bachzetsis und Bruno Beltrão bei Tanz im August

    Die Performance "Private Song" von Alexandra Bachzetsis und das Tanzstück "INOAH" von Bruno Beltrão / Grupo de Rua bei der Jubiläumsausgabe von Tanz im August.

    Veröffentlicht am 04.09.2018, von Natalie Broschat


    HOCHGESCHWINDIGKEIT ODER ZEITLUPE

    Halbzeit beim Berliner Tanz im August

    Thematische und stilistische Vielfalt bestimmte den Mittelteil von Tanz im August. Als Höhepunkt des Jubiläumsprogramms darf man getrost das Gastspiel der mittlerweile weltweit gefeierten Company Wayne McGregor aus England ansehen.

    Veröffentlicht am 21.08.2018, von Volkmar Draeger


    EIN MUSS!

    Fotoblog von Dieter Hartwig

    "Oh Louis…" von Robyn Orlin im Rahmen von Tanz im August 2018 im Hebbel am Ufer HAU1.

    Veröffentlicht am 19.08.2018, von Dieter Hartwig


    KLASSIKADAPTIONEN, ZUKUNFTSVISIONEN UND EINE PRISE HUMOR

    Erste Gastspiele beim 30. Festival Tanz im August

    Nach den ersten fünf Tagen und sieben Gastspielen fällt die bisherige Festivalbilanz ausgesprochen gut aus.

    Veröffentlicht am 16.08.2018, von Volkmar Draeger


    EXTREME ACTION HEROES

    Fotoblog von Dieter Hartwig

    Tanz im August lädt ein zu Elizabeth Strebs "SEA Singular Extreme Action" vor dem Sony Center Berlin.

    Veröffentlicht am 15.08.2018, von Dieter Hartwig


     

    LEUTE AKTUELL


    MARGOT FONTEYN: 100 JAHRE

    Pick bloggt über eine große Ballerina
    Veröffentlicht am 19.05.2019, von Günter Pick


    MIT- UND WEGBEWEGEN

    Grenzüberschreitungen am Theater Pforzheim
    Veröffentlicht am 06.05.2019, von Gastbeitrag


    ALLES GUTE!

    Zizi Jeanmaire zum 95. Geburtstag
    Veröffentlicht am 03.05.2019, von Günter Pick



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    NICE TO MEET YOU? TANZABEND VON TIAGO MANQUINHO

    Premiere: Donnerstag, 23. Mai 2019, 19.30 Uhr Kleines Haus des Theaters Münster

    Tagtäglich sehen und begegnen wir Menschen, die wir nicht kennen. Sie sind uns fremd, die meisten bleiben es auch. Und doch entscheiden die ersten Augenblicke, welches Bild wir vom anderen haben.

    Veröffentlicht am 23.05.2019, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion


    RAUSCHEN VON SASHA WALTZ & GUESTS

    Uraufführung am 7. März 2019 in der Volksbühne Berlin
    Veröffentlicht am 01.02.2019, von Anzeige


    HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

    Der Primaballerina Lynn Seymour zum 80. Geburtstag
    Veröffentlicht am 06.03.2019, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    RAUM, KLANG, TANZ

    Initiation der Elbphilharmonie-Foyers mit Sasha Waltz & Guests' „Figure Humaine“

    Veröffentlicht am 02.01.2017, von Annette Bopp


    BERUFEN!

    Katja Schneider wird erste Professorin für Tanzwissenschaft an der HfMDK

    Veröffentlicht am 14.05.2019, von Pressetext


    CLAUDIA JESCHKE ERHÄLT MÜNCHNER TANZPREIS

    Die Tanzwissenschaftlerin Prof. Dr. Claudia Jeschke wird geehrt

    Veröffentlicht am 03.05.2019, von Pressetext


    ABER WIR HATTEN SPAß!

    „Bilderschlachten“ von Stephanie Thiersch in Nîmes

    Veröffentlicht am 11.05.2019, von Gastbeitrag


    ZUM WELTTANZTAG!

    Welttanztag-Botschaft der ägyptischen Choreografin Karima Mansour

    Veröffentlicht am 28.04.2019, von Pressetext



    BEI UNS IM SHOP