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ORDNUNG UND REBELLION

Die Michael Clark Company beim Sommerfestival auf Kampnagel



Mit „Animal/Vegetable/Mineral“ präsentierte das Sommerfestival eine deutsche Erstaufführung des früheren Tanz-Rebellen Clark. Was der mittlerweile über 50-Jährige mit seinem neuen Stück inszeniert hat, ist allerdings ein recht zahmes Werk.


  • Harry Alexander tanzt mit der Michael Clark Company "Animal Vegetable Mineral" Foto © Jake Walters
  • Harry Alexander tanzt mit der Michael Clark Company "Animal Vegetable Mineral" Foto © Jake Walters

Mit „Animal/Vegetable/Mineral“ präsentierte das Sommerfestival eine deutsche Erstaufführung des früheren Tanz-Rebellen Michael Clark. Was der mittlerweile über 50-Jährige mit seinem neuen Stück inszeniert hat, ist allerdings ein recht zahmes Werk. Tierisches, Pflanzliches und Mineralisches lassen sich den drei Teilen, aus denen der 90-minütige Abend (inklusive einer Pause von 20 Minuten) besteht, nicht direkt zuordnen. Auch bleibt unklar, warum Clark gerade diesen Titel gewählt hat.

Die drei Tänzerinnen und Tänzer sind erkennbar klassisch ausgebildet und agieren mit stets gleichbleibender, unbeteiligt wirkender Mimik, nehmen so gut wie nie Kontakt miteinander auf - was die von Clark geometrisch in den Raum gezirkelten Bewegungsabfolgen noch stärker als Körperkunst charakterisiert, die oft an strenge Exercices erinnert. Clark zeigt konservativ anmutende Schrittfolgen und sich wiederholende Bewegungsmuster, die von den Tänzern präzise auf die schmucklose Tanzfolie gezirkelt werden, im Hintergrund illuminiert durch verschiedene Farbwechsel - von Grün zu Blau zu Lila - sowie von raffiniert ausgerichteten seitlichen Scheinwerfern.

Abwechslung kommt vor allem durch die Musik: im ersten Teil durch die eher sanfte, melodische Popmusik „The Boom Boom Bap“ von Scritti Politti, im zweiten Teil durch die fetzigen Rocknummern von Image Ltd, den New York Dolls und den Sex Pistols. Klassische Ballett-Bewegungen auf diese Musik zu ziselisieren, das ist eine der Spezialitäten von Michael Clark und machte sein Image als Tanzrevoluzzer aus. Heutzutage mutet das allerdings fast schon neoklassisch an, selbst wenn er die Spitzenschuhe für eine kurze Sequenz dem beeindruckend bühnenpräsenten Harry Alexander an die Füße bindet. Ein spezieller Blickfang sind die raffinierten Trikots von Stevie Stewart, die je nach Beleuchtung immer wieder anders und doch gleich aussehen.

Im dritten Teil lässt Clark dann aber doch noch ein bisschen die Sau raus, was auch mit daran liegt, dass auf dem Hintergrundprospekt anstelle der Farbflächen erst geometrische Raumfiguren in Schwarz-Weiß gezeigt werden, dann Buchstaben, die sich zu Wortfolgen reihen („What“, „and the world begins to spin outside the window faster and faster“). So richtig ab geht die Lutzi, wenn ein Video der dreiköpfigen Punk-Band Relaxed Muscle erscheint – und die Tänzer fast schon in den Hintergrund drängt. Zusammen mit den hier wesentlich dynamischer auftretenden Tänzer in anfangs rotorange changierenden, später schwarz-weiß gestreiften Ganzkörper-Trikots und den in wechselnden Konstellationen benutzten Spiegel-Hockern ergibt sich ein fast schon psychodelisches Gesamtkunstwerk der Extra-Klasse.

Veröffentlicht am 17.08.2014, von Annette Bopp in Homepage, Kritiken 2013/2014, Tanz im Text

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