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Dresden

KEINE FRAGE, KEINE ANTWORT

Ein choreografierter Parcours durch die Ausstellungen der Dresdner Ostrale



„Umgegend“, die von Andrea Hilger organisierte Kunstaktion mit Choreografien von Jelena Ivanovic aus Essen, besinnt sich auf die Kraft der Bewegung in den Futterställen eines ehemaligen Schlachthofes.


  • "Umgegend" bei der Dresdner Ostrale Foto © oh
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  • "Umgegend" bei der Dresdner Ostrale Foto © oh

Sie sind nicht zu übersehen im Dresdner Stadtbild, die roten Bänke mit den röhrenden Hirschen und ihren mächtigen Geweihen. Das sind Hinweise darauf, dass im Dresdner Ostragehege, in den Gebäuden und auf dem Gelände des ehemaligen Schlachthofes, die Ostrale ihre Besucher einlädt. Inzwischen zum achten Mal, und im Verlauf der diesjährigen Ausgabe dürften es ganz sicher am Ende mehr als 20.000 Besucherinnen und Besucher gewesen sein, die sich in das ehemalige königliche Jagdgebiet, woran die roten Hirsche erinnern, zu einer der größten regelmäßigen Ausstellungen für zeitgenössische Kunst in Deutschland begeben haben dürften.

Der Name, das Konzept und die Wirkung dieser Dresdner Besonderheit ist aufs Engste mit dem Namen der ausgebildeten Tänzerin und Choreografin Andrea Hilger verbunden. Im Verein mit wechselnden Kuratorinnen und Kuratoren steht sie für die Kontinuität des Außergewöhnlichen und der unbändigen Lust am Risiko dieser Kunstaktion, die im Dresdner Veranstaltungskalender mittlerweile ihren festen Platz hat. Andrea Hilger ist daran interessiert, das reine Ausstellungsgeschehen einzubetten in Rahmenprogramme, Begleitaktionen, und so war es eine Frage der Zeit und der Gelegenheit, bis die Partner gefunden waren, um dem Tanz und der performativen Installation eine Chance zu geben. In diesem Jahr war es soweit.

Die Futterställe des ehemaligen Schlachthofes mit ihren riesigen Heuböden, in denen die Ausstellung stattfindet, geben einen so außergewöhnlichen wie stimmungsvollen Raum für eine spartenübergreifende Inszenierung der vornehmlich in Essen arbeitenden Tänzerin und Choreografin Jelena Ivanovic. In NRW ist sie vor allem durch das von ihr 2007 ins Leben gerufene, jährliche Festival „ 638 Kilo Tanz“. In der Dresdner Inszenierung mischt sie Elemente des zeitgenössischen Tanzes mit Performancekunst und klassischem Gesang.

Das Publikum begibt sich auf einen geführten Parcours, wobei die beiden in sittsamem Schwarz gekleideten Begleiterinnen stumm, aber sehr bestimmt agieren. Der gemeinsame Weg beginnt damit, dass sich hintereinander mehrere Tore zu den Ausstellungsräumen in den Futterställen öffnen, mitunter sich auch gleich wieder schließen oder nur einen knappen Einblick möglich machen. Dies wiederum führt die Gruppe der Betrachter in eine subversive Choreografie, bei der sie sich so gut wie unmerklich in einen bewegten Gruppenprozess begeben. Es beginnt feierlich, als der Tänzer Yaron Shamir in langem, schwarzen Mantel mit priesterlich anmutenden Gesten vor der geschlossenen Tür eines Ausstellungsraumes die Neugier auf das hervorruft, was dahinter zu sehen sein könnte. So geht es mit unterschiedlichen, minimalen choreografierten Sequenzen bis zu einer großen Treppe, über die das inzwischen hoch konzentrierte Publikum die oberen Räume, die Heuböden betritt. Zu leicht betörendem und an diesem Ort unvermutetem Gesang von Eva-Maria Falk betrachten wir eine stumme Szene mit Laura Burgener, Jelena Ivanovic, Yaron Shamir und Simone Kaiser, bei der in einer Art Wohnzimmerszene zwischen den Personen geheime Korrespondenzen durch minimales Zeichenrepertoire in den Bann ziehen.

Gänzlich unvermutet inmitten von Installationen, Gemälden, Fotos und vor allem der geheimnisvollen Dachbodenarchitektur mit den rohen Balken im diffusen Licht wird dann eine Tangoszene mit Damiaan Bertholomeus Veens, Ute und Lutz Bortelik, Eva Schmidt, Andreja Marijic und Daniela Feilsche Wolf zum Besten gegeben. Nicht ohne Augenzwinkern und leisem Lachen sieht man ein Damenduo mit Karottenbund und wieder im Freien folgt man gerne dem Gesang und der tänzerischen Bewegung eines Paares unter der beeindruckenden mächtigen Rampe in Form eines sich schlängelnden Wesens, das endlich die Wege frei macht für Jedermann, jede Frau und die Allerkleinsten.

Eine Metallbrücke verbindet die zwei Bauten der Futterställe und auf dieser Brücke erkennen wir den „Priester“ vom Beginn wieder, jetzt schon gelöster. Mit leichtem, artistischem Anspruch weckt er die Neugier, in seine Höhe aufzusteigen und weitere Geheimnisse der Räume und performativen Überraschungen zu entdecken - etwa ein absurdes Gesangstrio oder das Solo von Jelena Ivanovic im Dialog mit einer Videoinstallation, die jetzt die Möhren mit einer knallroten Paprikafrucht getauscht hat und uns eine wunderbare, erotisch grundierte Einsamkeitsstudie zeigt.

Wir wechseln die Räume, wir wechseln die Blicke, wir wechseln die Haltungen. Es geht über eine Freifläche in einen anderen Raum, in einem Gebäude, das man bisher kaum wahrgenommen hatte. Schon ist wieder lockender Gesang zu vernehmen und wir folgen. Wir kommen in einen Raum, der schwach von vielen Grablichtern erhellt ist, in ganz unterschiedlichen Zuordnungen sin Paare zu erkennen. Langsam folgt der Blick deren Händen, und man nimmt die kleinen Wasserschalen wahr, folgt den zärtlichen Gesten und wird Zeuge einer andachtsvollen Fußwaschung zu einer Tageszeit, bei der die ersten Anzeichen des Abschiedes vom Licht zu erkennen sind.

Bevor wir zum Abschluss einer Prozession folgen, bei der alle Mitwirkenden auf großen Wagen in die milde Freiheit des Abendlichtes gefahren werden, noch eine so geheimnisvolle wie beeindruckende choreografische Szene von Yaron Shamir. „Dream F.H.“ ist eine Art Selbsterfindung unter dem minimalen Schein mehrerer kleiner Leuchten, die der Tänzer immer wieder auf Partien seines Körpers richtet, bevor er dann gewissermaßen für einen Moment aus dem Schatten seines eigenen Lichtbildes tritt und den beinahe aufrechten Gang probiert.

Am Ende möchte man noch für Momente die Augen schließen, die Bilder vermischen sich, die Bewegungen finden ihre eigenen Choreografien, das Licht des Sommerabends mischt sich mit dem Flimmern der Monitore in den Ausstellungsräumen.

Veröffentlicht am 28.07.2014, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Kritiken 2013/2014, Tanz im Text

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