HOMEPAGE



Heidelberg

WIE DAS LEBEN SO TANZT

Das ARTORT-Festival rund um die Heidelberger Hebelhalle geht in die zweite Runde



Auch in der zweiten Staffel der Hebelhalle stellten die UnterwegsTheater-Macher und ARTORT-Organisatoren Bernhard Fauser und Jai Gonzales unter Beweis, dass sie ihr Ohr am Puls der aktuellen europäischen Tanzszene haben.


  • ARTORT im Unterwegstheater Heidelberg Foto © Günter Krämmer
  • ARTORT im Unterwegstheater Heidelberg Foto © Günter Krämmer
  • ARTORT im Unterwegstheater Heidelberg Foto © Günter Krämmer
  • ARTORT im Unterwegstheater Heidelberg Foto © Günter Krämmer


Das Leben kann ein schöner, ruhiger Fluss sein: Wenn die Mitglieder der Genfer Tanzcompany Cie. 7273 „NIL“ tanzen, dann entfaltet ein sanfter Reigen im Bühnennebel allmählich einen unwiderstehlichen Sog – so fließend sind die Bewegungen dieses Sextetts auf einander abgestimmt, so nah können sich diese Tänzer kommen, ohne mit ihren weit ausgreifenden Armbewegungen den Raum des anderen je zu stören, dass das Publikum in der Heidelberger Hebelhalle sich gern einstimmen lässt in einen Wohlfühl-Flow.

Das Leben kann aber auch heftige Leidenschaft entfalten, wie die spanische Company „La Macana“ im mehrfach preisgekrönten Duett „VEN“ in schmerzhafter Eindringlichkeit unter Beweis stellt: Die beiden Tänzer aus Galizien wagen sich in den Raum vor, in dem die Liebe weh tut – und wie! Dabei werden die gängigen Pas-de-Deux-Erwartungen (er trägt sie) buchstäblich auf den Kopf gestellt – Caterina Varela kann das genauso gut wie ihr Partner Alexis Vernández. Und mehr: Sie ist es, die den Mann per Handzeichen ermuntert, sie als Stütze zu benutzen, und das tut er ohne Rücksicht auf Verluste. Er schmeißt sich regelrecht auf ihren Körper, springt mit Wucht auf ihre Schultern, läuft auf ihren Füßen und Händen… Die schmale Grenze zwischen körperlicher Nähe und Übergriff wird hier mit verstörender Intensität immer wieder gekreuzt. Eleganter und lässiger thematisieren die beiden galizischen Künstler die wörtlich und körperlich genommene Begegnung auf Augenhöhe in dem Duett „La Coruna“.

Acht Programmpunkte, sechs Schauplätze vom Keller der Hebelhalle bis zum architektonischen Kleinjuwel im Hof des benachbarten Autohauses Bernhardt: Auch in der zweiten Staffel der Hebelhalle stellten die UnterwegsTheater-Macher und ARTORT-Organisatoren Bernhard Fauser und Jai Gonzales noch bis Sonntag unter Beweis, dass sie ihr Ohr am Puls der aktuellen europäischen Tanzszene haben – und Kultur auch an ungewöhnlichen Schauplätzen inszenieren können.

Im Hof der Hebelhalle kämpfte „Rootlessroot“-Tänzerin Linda Kapetanea wie eine antike griechische Tragödiengestalt gegen eine unnachgiebige Wand; mit gezielten Trommelschlägen konnte sie – der ausgeklügelten Technik sei Dank – den Beat des elektronischen Sounds ebenso hochpuschen wie ihre Erregung. Ganz sanft ließ es dagegen Jorge Jáuregui (Company „Ember“) angehen, als er seiner im prähistorischen Steinkreis kauernden Partnerin Laura Aris mit kleinen Stöckchen einen üppigen Stachelkamm auf den lehmbeschmierten Rücken steckte. Beinahe atemlos verfolgte das Publikum im Keller der Hebelhalle, wie sie sich als scheues Tier zu bewegen begann, bis sie – endlich von ihrer Bürde befreit – im Schnelldurchlauf menschliches und tänzerisches Bewegungsvokabular zugleich erforschte.

Fast ein wenig irrational wirkt der Hinterhof des benachbarten Autohauses, gesäumt von einer Fassade mit frei schwingenden Rampen. Am unteren Stützpfeiler kämpfte Jorge Jáuregui gegen ein ihn fesselndes Seil – ein kleines, feines Solo für einen großen Tänzer.

Wie schon am vorigen Wochenende gehören die neue UnterwegsTheater-Eigenkreation „Leben“ (Choreografie: Jai Gonzales) und die Rauminstallation von Simraysir zum Programm.

Veröffentlicht am 27.07.2014, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Kritiken 2013/2014

Dieser Artikel wurde 2441 mal angesehen.



Kommentare zu "Wie das Leben so tanzt"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    DEN TANZ IM SÜDEN DEUTSCHLANDS STÄRKEN

    Gründung einer Arbeitsgruppe TANZ SÜD bei der 2. TANZBIENNALE HEIDELBERG

    Austausch, Vernetzung und Kooperation für eine größere überregionale und internationale Sichtbarkeit des zeitgenössischen Tanzes aus Süddeutschland

    Veröffentlicht am 08.02.2016, von tanznetz.de Redaktion


    DIE LANGE NACHT DES TANZES

    Die ARTORT Jubiläumsausgabe – in der Heidelberger Hebelhalle und „um die Ecke“

    Nichts ist bekanntlich so beständig wie ein Provisorium. Was als Notlösung begann, hat inzwischen Kultcharakter: das sommerliche ARTORT-Festival des Heidelberger UnterwegsTheaters.

    Veröffentlicht am 20.07.2015, von Isabelle von Neumann-Cosel


    UNGLEICHE ALLIANZ

    Ein Kommentar zur 1. Tanzbiennale Heidelberg

    Ungleicher kann man sich die Partner für eine Allianz kaum vorstellen: Stadttheater-Intendant Holger Schulze, Theaterfuchs mit mehr Begeisterung als Erfahrung; seine Tanzchefin Nanine Linning, Senkrechtstarterin mit Glamour-Faktor; Kunst-Workaholic Bernhard Fauser, Leiter des UnterwegsTheaters; Choreografin Jai Gonzales, hoch erfahren und höchst bescheiden.

    Veröffentlicht am 04.03.2014, von Isabelle von Neumann-Cosel


    HEIDELBERG AUF DEN BEINEN

    Mit dem Bürgerprojekt „HD moves“ wurde die erste Tanzbiennale eröffnet

    Was bei diesem Schulterschluss herauskommen kann? Eine neue Euphorie für den Tanz, die selbst auf den Gemeinderat übergegriffen hat. Es gab Geld für ein neues Choreographisches Centrum und eine Tanzbiennale.

    Veröffentlicht am 25.02.2014, von Isabelle von Neumann-Cosel


     

    AKTUELLE NEWS


    TO WHOM IT MAY CONCERN

    Adolphe Binder reagiert in einem offenen Brief auf ihre Entlassung
    Veröffentlicht am 14.07.2018, von tanznetz.de Redaktion


    ESKALATION AM TANZTHEATER WUPPERTAL

    Intendantin Adolphe Binder entlassen, Geschäftsführer Dirk Hesse hört zum Jahresende ebenfalls auf
    Veröffentlicht am 13.07.2018, von tanznetz.de Redaktion


    JURY DER TANZPLATTFORM STEHT

    Die Auswahl für 2020 kann beginnen
    Veröffentlicht am 05.07.2018, von tanznetz.de Redaktion



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    TANZ-FÖRDERPREIS

    Kurt – Jooss - Preis 2019 wird international ausgeschrieben.

    Anlässlich des 100. Geburtstages von Kurt Jooss wurde im Jahr 2001 erstmals der „Kurt-Jooss-Preis“ im Rahmen des „Folkwang.Fest der Künste.Tanz!“ verliehen.

    Veröffentlicht am 08.05.2018, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

    „Onegin“ beim Bayerischen Staatballett
    Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


    LETZTER WALZER IN STUTTGART

    Alicia Amatriain tanzte 2003 in „Lulu“ die Titelrolle – und jetzt erneut 2018
    Veröffentlicht am 18.06.2018, von Marlies Strech


    MOSAIK DER BEWEGUNG

    Richard Siegals Ballet of Difference mit "On Body" in der Münchner Muffathalle
    Veröffentlicht am 05.03.2018, von Miriam Althammer

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    ESKALATION AM TANZTHEATER WUPPERTAL

    Intendantin Adolphe Binder entlassen, Geschäftsführer Dirk Hesse hört zum Jahresende ebenfalls auf

    Veröffentlicht am 13.07.2018, von tanznetz.de Redaktion


    TO WHOM IT MAY CONCERN

    Adolphe Binder reagiert in einem offenen Brief auf ihre Entlassung

    Veröffentlicht am 14.07.2018, von tanznetz.de Redaktion


    TANZ DER EINSAMKEIT

    "La Strada" im Gärtnerplatztheater München

    Veröffentlicht am 15.07.2018, von Boris Michael Gruhl


    SYMBOLTRÄCHTIG

    Die "Tanz.Fabrik! sechs" in Regensburg

    Veröffentlicht am 08.07.2018, von Michael Scheiner


    GRANDIOSER AUFTAKT

    Die Kibbutz Dance Company 2 eröffnet das Münchner Festival THINK BIG! für junges Publikum im Muffatwerk

    Veröffentlicht am 14.07.2018, von Boris Michael Gruhl



    BEI UNS IM SHOP