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Heidelberg

HEITER, ZÄRTLICH UND EIN BISSCHEN GRAUSAM

Das ARTORT-Festival des Heidelberger UnterwegsTheaters, erster Streich



Wenn man an einem bestimmten Punkt im Keller der Heidelberger Hebelhalle steht, entpuppen sich die Farbfelder- und Buchstabenfragmente an Mauerteilen und Stützpfeilern plötzlich als ganzes Wort: „Leben“ (Georges Rousse).


  • EA&AE“ (Elías Aguirre und Álvaro Esteban); als taumelnde Insekten in ihrem Duett „Entomo“ Foto © Günter Krämmer
  • Am Pool Foto © Günter Krämmer
  • „te odiero“ des Madrider Duos „HARyCAN“ Foto © Günter Krämmer
  • Cie Sharon Fridman Foto © Günter Krämmer

Ein Stockwerk höher setzt UnterwegsTheater-Choreografin Jai Gonzales diese Seherfahrung in Bewegung um, als Eigenbeitrag zum diesjährigen ARTORT-Festival.

Im gleißenden Scheinwerferlicht auf weißem Tanzboden folgt ein Tänzer-Trio dem Fluss des „Lebens“: dem Trennen und Treffen, dem Für-sich-Sein und Sich-Stützen, dem Fallenlassen und Getragenwerden. Lisa Wolnik changiert unbeirrt zwischen Kindfrau und Femme fatale; zwei Männer begegnen ihr in der ganzen Spannweite zwischen zart und grausam. Das Bild am Ende bleibt in Erinnerung: der hünenhafte Stavros Apostolatos wiegt die zierliche Tänzerin in seinen Armen – und lässt sie fallen. Aber da sind zwei andere starke Arme, die aus dem Nichts zu kommen scheinen und den fälligen Sturz verhindern; sie gehören dem agilen Florian Bücking, dessen Körper von seinem Mittänzer völlig verdeckt wird…

Fallen ist überhaupt die neue Erdung, wenn man den brandaktuellen, allesamt preisgekrönten Choreografien Glauben schenken darf, die das kleine UnterwegsTheater für sein sommerliches Kult-Festival zusammengezaubert hat. Zum zehnjährigen Jubiläum kehrt ARTORT, das aus Raumnot geborene Kulturfestival, das in den vergangenen Jahren an prominenten Orten und vergessenen Un-Orten in Heidelberg gleichermaßen erfolgreich stattgefunden hat, zu seinen Ursprüngen zurück: räumlich zum neuen Zuhause, der Hebelhalle; inhaltlich zum Tanz. Ganze fünfzehn Programmpunkte werden auf zwei Aufführungs-Staffeln aufgeteilt, und mit dem Schwerpunkt Spanien haben sich die Organisatoren Bernhard Fauser und Jai Gonzales kenntnisreich die derzeit spannende europäische Tanzszene herausgepickt.

Keine Angst vor Bodenberührung haben die beiden Protagonisten „EA&AE“ (Elías Aguirre und Álvaro Esteban); als taumelnde Insekten in ihrem Duett „Entomo“, aber auch in den Solos „Antípodas“ und „Longfade“ erforschen sie ein Bewegungsrepertoire, das auf beunruhigende Weise Menschsein hinter sich zu lassen scheint – schmerzhafte Abstürze auf Asphalt und Beton und leicht grausame Körperkontakte inbegriffen. Sehr viel eleganter und spielerischer kam der „Battle“ zweier HipHop-Tänzerinnen daher. Frankreich gilt als die Wiege dieser Tanzkultur, und die „Yonder Woman“ Anne Ngyen und Valentine Nagata-Ramos aus Paris machten in „Par terre“ ebenso augenzwinkernd wie nachdrücklich klar, dass Streetdance durchaus keine Männerdomäne sein muss – und dass Frauen akrobatische und tänzerische Elemente souverän verbinden können.

Muriel Romero, die unter anderem bei Forsythe getanzt hat, sucht mir ihrer Company „Instituto Stocos“ neue Wege der Tanzkreation: in Zusammenarbeit mit dem Musiker und Komponist Pablo Palacio und dem Newmedia Artist Daniel Bisig. In „Phantom Limb“ stoßen anspruchsvolle theoretische Versuchsanordnung und vier höchst unterschiedliche Tänzer(innnen)körper höchst produktiv aufeinander. Noch einer darf bei ARTORT nicht fehlen: Es ist der Heidelberger Architekt Nils Herbstrieth alias Simraysir, der Räume längst nicht mehr nur durch Bausubstanz, sondern durch artifizielle Video-Installationen definiert – in diesem Fall im Keller unter dem Choreographischen Zentrum. Die Tänzer des UnterwegsTheaters füllen diesen flirrenden Raum mit Leben.

Ein höchst publikumswirksames Bonbon ist „te odiero“ des Madrider Duos „HARyCAN“, in dem ein inniger Tanz in einen verblüffenden Zweikampf mündet, bei dem die zierliche Candelaria Antelo ihren weitaus größeren Partner Arthur Bernard Bazin aufs Witzigste klein kriegt. Auch eine Kampf, aber viel existentieller ist das Thema des Duetts „Hasta Dónde“ (Bis wohin..?) von Sharon Fridman, Gründer der gleichnamigen Company. Wenn er zuerst seinen Partner Arthur Bernhard Bazin wie eine Gliederpuppe über der Schulter trägt und den taumelnden Gliedern mit unendlicher Zärtlichkeit auf die Füße hilft ¬– und plötzlich die Rollen getauscht werden – dann geschieht in zwanzig Minuten ein kleines Tanzwunder!

Mehr davon verspricht die zweite ARTORT-Staffel vom 24. bis 27. Juli (info: www.unterwegstheater.de).

Veröffentlicht am 22.07.2014, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Kritiken 2013/2014

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Kommentare zu "Heiter, zärtlich und ein bisschen grausam"



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