HOMEPAGE



Hamburg

PIMP UP YOUR LEBENSLAUF!

"limited edition" auf K3 - Tanzplan Hamburg



Humoristische Clownsnummern sind selten in der zeitgenössischen Tanzszene: Helen Schröder und Katya Statkus träumen in ihrem Wettkampf um den Titel der besten Nachwuchschoreografin 2014 von einem perfekten Lebenslauf.


  • Katya Statkus und Helen Schröder im Kampf um den Nachwuchschoreografen-Titel auf Kampnagel Hamburg Foto © Anja Beutler
  • Katya Statkus und Helen Schröder im Kampf um den Nachwuchschoreografen-Titel auf Kampnagel Hamburg Foto © Anja Beutler

Von Jonas Leifert

„Katya, du bist heute Abend hier, weil du den Titel beste Nachwuchschoreografin 2014 gewinnen möchtest.“ So stellt Helen Schröder ihre Kollegin Katya Statkus in ihrer Produktion "The Winning Team Competition" dem Publikum vor. Beide stehen mit unterspannter Körperhaltung und ernster Miene vor dem Publikum und erklären, dass es in der folgenden Performance darum gehen wird herauszufinden, wer an diesem Abend vom Publikum zur besten Nachwuchschoreografin 2014 gewählt werden wird.

Nach dieser Einleitung beginnen die beiden mit einer raumgreifenden Armchoreografie, die durch das Zufallsprinzip Schnick, Schnack, Schnuck den folgenden Ablauf der Performance bestimmen soll. Katya Statkus trifft zuerst das Los und sie beginnt damit, einen Brief an ihre Oma in Russland zu verlesen: Sie hätte in der Performanceszene in Europa schon gute Karten mit ihrem russischen Hintergrund. Allerdings stelle Sie sich die Frage, ob ihr Nachname diese kulturelle Verbindung auch genügend zum Ausdruck bringe. Schon immer hätte sie eine emotionale Verbindung zu dem Tänzer und Choreografen Vaslav Nijinski gespürt – sie habe sein Blut in ihr – und somit solle sich die Oma aus Moskau nicht wundern, wenn sie beim nächsten Wiedersehen Katya Nijinski heißen würde.

Helen Schröder hat derweil pflichtbewusst ihr Armchoreografie weiter ausgeführt, mit der sich nun auch Statkus wieder zu einer neuen Runde Schnick, Schnack, Schnuck synchronisiert. Schröder schlägt Statkus mit Papier gegen Stein und auch Helen Schröder kramt anschließend einen weißen Zettel aus ihrer umgehängten Hüfttasche. Sie verliest einen Brief an ihr heimisches Finanzamt Bergisch Gladbach: Sie sei schon immer enttäuscht gewesen, in offiziellen Dokumenten angeben zu müssen, dass sie in Leverkusen geboren wurde. Eine Stadt zu der sie, mit Ausnahme dieser Begebenheit, keinen emotionalen Bezug hätte. Sie würde gerne ihren Geburtsort in die hessische Provinz verlegen um in Zukunft angeben zu können, sie sei in Gießen geboren. Auf das Verlesen der offiziellen Anfrage wird eine Audioaufnahme eingespielt. Eine Männerstimme spricht Schröder in typisch rheinländischer Mundart sein Verständnis aus, macht aber auch klar, dass ihre Anfrage leider nicht umsetzbar sei: „Der Geburtsort ist unabänderbar“. Das Publikum ist von diesen ernst und nüchtern vorgetragenen Geschichten sichtlich amüsiert.

Der Traum von einem perfekten Lebenslauf wird fortgesetzt mit dem Wunsch große Namen der internationalen und gleichsam historischen Tanz- und Performanceszene mit der eigenen Biografie zu verbinden. Sie träumen von Abschlüssen an wichtigen Ausbildungsinstitutionen wie dem Hochschulübergreifenden Zentrum Tanz in Berlin oder eben dem Studiengang der Angewandten Theaterwissenschaft an der Universität Giessen. Diese hat ihrerseits schon ganz offiziell das provinzielle deutsche 'ß' aus ihrem Logo verbannt und durch ein internationaler anmutendes und internetkompatibles 'ss' ersetzt. Den eigenen Namen verbessern nicht nur Berufsanfänger, sondern auch große Institutionen.

Es bleibt nicht nur bei aufgehübschten Namen und erweiterten Lebensläufen. Auch dem Wunsch, die eigene Biografie innerhalb der Tanzgeschichte zu positionieren, wird in der Performance nachgegangen. Dem Publikum wird ein youtube-Tutorial von der zur Mutter der Performancekunst hochstilisierten Marina Abramovic
auf einem Notebook vorgeführt. Vermittelt wird darin auf eine eindrückliche Art und Wiese, wie man die eigene Intensität als Performer mit verschiedenen Übungen erhöhen kann. Sie beschreibt eine Übung, bei welcher ein Glas Wasser innerhalb von 30 Minuten ausgetrunken wird und bei der sich der potenzielle Performer jeden Moment des Trinkens erneut ins Bewusstsein rufen soll: „Feel how the water goes into the mouth, into the body“. So wie sich Abramovic das Wasser einverleibt, träumen Statkus und Schröder davon, sich die Tanzgeschichte einzuverleiben. Zu gerne hätten sie in der Tanzoper "Dido und Aeneas" der Choreografin Reinhild Hoffmann in der Premiere am Theater am Goetheplatz in Bremen im Jahre 1984 mitgetanzt oder stellvertretend für Xavier Le Roy seine Retrospektive in den Deichtorhallen in Hamburg performt.

Damit behandeln die beiden Performerinnen in ihrem Stück die aktuelle Fragen um Autorschaft und Originalität von Bühnenkunstwerken. Doch anstelle moralisierender Debatten um authentische Kunst wählen sie einen unverkrampften, verspielten und vermeintlich naiven Weg über die Komik. Ständig verknüpfen sich reale Fakten mit Wünschen, Träumen und Hirngespinsten, so dass im Laufe des Abends nicht eindeutig auszumachen ist, was Fiktion und was Fakt ist. Dass dieses Spiel brisant und politisch sein kann, zeigt eine kurze Szene exemplarisch: Wenn die beiden eine Choreografie aus Pina Bauschs "Das Frühlingsopfer" auf Wuppertaler Torf in Dunkelheit nachstellen, dann tanzen sie nicht nur auf einer sehr schlecht ausgeleuchteten Bühne, sondern bewegen sich vor den Augen des Publikums auch juristisch in einer Grauzone.

Veröffentlicht am 28.06.2014, von Gastbeitrag in Homepage, Kritiken 2013/2014, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 4825 mal angesehen.



Kommentare zu "Pimp up your Lebenslauf!"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LEUTE AKTUELL


    VIEL SCHÖNES

    Kevin Haigen zum 65. Geburtstag
    Veröffentlicht am 06.11.2019, von Günter Pick


    DEUTSCHER TANZPREIS FÜR GERT WEIGELT

    Anerkennung für Isabelle Schad und Jo Parkes
    Veröffentlicht am 20.10.2019, von Marieluise Jeitschko


    AUS EINER ANDEREN ZEIT

    Alicia Alonso im Alter von 98 Jahren verstorben
    Veröffentlicht am 18.10.2019, von Günter Pick



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    ZUHÖREN #4 - CLIMATE CHANGE & DEMOCRACY

    From complexity to action - Sasha Waltz & Guests

    Mit dabei Amazonas Solidarity Berlin, Das Progressive Zentrum, Deutschland spricht, Extinction Rebellion, Fridays For Future, FutureLeaks, Restlos Glücklich, urgewald, School of Collective Intelligence, World Human Forum, Antje Boetius, Maja Göpel, Josh Fox, Joseph Houston & Sarah Saviet, Sergiu Matis, Diego Noguera Berger, Andreas Weber, Dabke Community Dancing, Kindertanzcompany Sasha Waltz & Guests u.v.m.

    Veröffentlicht am 19.11.2019, von Pressetext

    LETZTE KOMMENTARE


    ADOLPHE BINDER BEKOMMT AUCH IM BERUFUNGSVERFAHREN RECHT

    Neues in der Causa Tanztheater Wuppertal
    Veröffentlicht am 19.08.2019, von tanznetz.de Redaktion


    „NICHT EIN X-BELIEBIGES MODERNES ENSEMBLE“

    Die Intendantin des Tanztheater Wuppertal Bettina Wagner-Bergelt im Interview
    Veröffentlicht am 27.09.2019, von Miriam Althammer


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    DEUTSCHER TANZPREIS FÜR GERT WEIGELT

    Anerkennung für Isabelle Schad und Jo Parkes

    Veröffentlicht am 20.10.2019, von Marieluise Jeitschko


    NUR WER SEINEN KÖRPER GANZ IM GRIFF HAT, DER LERNT ZU FLIEGEN

    Splatter-Ballett „Tanz“ zu Gast an den Münchner Kammerspielen

    Veröffentlicht am 21.10.2019, von Vesna Mlakar


    RAUM, KLANG, TANZ

    Initiation der Elbphilharmonie-Foyers mit Sasha Waltz & Guests' „Figure Humaine“

    Veröffentlicht am 02.01.2017, von Annette Bopp


    ACCESS TO DANCE



    Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion


    DIE SCHERE DER WAHRNEHMUNG

    Die Dresdner go plastic company lädt zu einer kuriosen Performance auf eine Kegelbahn

    Veröffentlicht am 25.10.2019, von Rico Stehfest



    BEI UNS IM SHOP