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Berlin

MS/SCHRITTMACHER BEI DER ARCHÄOLOGISCHEN ARBEIT

Anita Berber – Ein Blick zurück, nach vorn



Wer war die skandalumwitterte „Göttin der Nacht“ jenseits von Nackttanz-Klischee, Drogenexzessen und dem berühmten Porträt, das Otto Dix 1925 von ihr malte? Worin bestand die Faszination der Tänzerin des Lasters, der Ekstase, des Grauens? Wie und in welchem Kontext tanzte Anita Berber?


  • ANITA BERBER Foto © Selbstporträt Anita Berber

„Anita Berber – das Gesicht zur grellen Maske erstarrt dem schaurigen Gelock der purpurnen Coiffure – tanzt den Koitus“, schreibt Klaus Mann in seinem Lebensbericht „Der Wendepunkt“. Wer war die skandalumwitterte „Göttin der Nacht“ jenseits von Nackttanz-Klischee, Drogenexzessen und dem berühmten Porträt, das Otto Dix 1925 von ihr malte? Worin bestand die Faszination der Tänzerin des Lasters, der Ekstase, des Grauens? Wie und in welchem Kontext tanzte Anita Berber?

Werk und Wirken der 1899 in Leipzig geborenen Tänzerin, Choreografin und Schauspielerin werden von MS/Schrittmacher jetzt erstmals (Dank umfangreicher Förderung der Bundeskulturstiftung Tanzfonds Erbe) in fünf verschiedenen Formaten in den Fokus gerückt. Choreograf Martin Stiefermann bezeichnet sein mehrteiliges Projekt zutreffend als Retro/Perspektive. Er und sein engagiertes Rechercheteam haben in Archiven in Wien, Köln und Berlin aufregende Entdeckungen gemacht, so dass die verlorenen bzw. verfälschten Spuren einer Tänzerin (jenseits von sinnentleertem Nachtanzen) jetzt in den Arbeitsergebnissen erstaunlich offengelegt und sinnvoll gegenwärtig werden. „Das Körperwissen und unsere Sehgewohnheiten haben sich in den letzten hundert Jahren enorm verändert. Wir versuchen die Essenz der Tänze von Anita Berber sichtbar zu machen“ so Martin Stiefermann.

In der kommentierten „Lecture Demonstration“ geben er und die klassisch ausgebildete, vielseitig modern tanzende Brit Rodemund (stimuliert durch ein gemeinsames Interesse an forschender Partnerschaft) einen spannenden Einblick in die künstlerische Entwicklung des Solo-Tanzes der Berber. Im Anita-Berber-Archiv Berlin entdeckte M. Stiefermann die Studie „Anita Berberová“ (1930) des tschechischen Choreografen/Autors Joe Jenčík. Inspiriert von dessen Aufzeichnungen tanzt Brit Rodemund „Kokain“ (1922) in vielfachen Brechungen und energetischen Schüben von der zuckenden Rückenlage diagonal und kreisförmig im Raum, lasziv dem Betrachter fokussierend bis zum jähen Zusammenbruch und dem gekrümmten Körper in der vorderen rechten Ecke.

Die Tanzperformance „Anita Berber - Sie trägt die Nacktheit im Gesicht“ (Uraufführung) rückt Facetten der oft miss- und unverstandenen Berber zwischen Salon, Straße und Bühne in den Mittelpunkt. Die ihrerseits schillernden Tänzerinnen/Schauspielerinnen Cora Frost, Brit Rodemund und Maria Walser werden den Kosmos Berber in einer Collage mit Original-Tönen kontrastreich im Kontakt mit den Zuschauern in Szene (Ausstattung: Anike Sedello) setzen. Albrecht Zieperts mehrschichtige Komposition lässt auch Musiken hörbar werden, mit denen die Berber gearbeitet hat. Richard Oswald entdeckte die Berber und machte sie zum Stummfilmstar; sein Episodenfilm „Unheimliche Geschichten“ von 1919 lenkt den Blick auf Berbers umfängliches Filmschaffen (Filmvorführung am 22. 6. 2014).

Fotos, Figurinen und Selbstporträts künden von der starken Schminkmaske der Stummfilm-Ikone und des drogenabhängigen Tanzstars Anita Berber, die quer durch Kabaretts und Hotels in Europa und im Nahen Osten auftrat. Die fragile Anita Berber war extrem kurzsichtig, sie hat ihr Publikum wohl nie genau gesehen. Zehn Jahre ihres kurzen Lebens war sie in ihren Solo-Kreationen (Kokain, Morphium, Salome, Astarté) kompromisslos dem Bösen wider die herrschende gesellschaftliche Moral auf der Spur. Das Wesen des menschlichen Ichs brachte sie, „mit entblößter Seele“ tanzend, radikal in ihren streng durchkomponierten Soli zum Vorschein. Ihr Sein spaltete Publikum wie Kritiker. 1928 erleidet sie auf einer mehrmonatigen Persien-Tournee in Beirut einen Zusammenbruch. Freunde bringen die Schwerkranke (Schwindsucht, Tuberkulose) über Prag nach Berlin (an ihrem Wohnhaus Zähringerstraße 13 in Wilmersdorf, wo sie von 1919 bis 1928 lebte, befindet sich heute eine Gedenktafel mit Selbstporträt). Am 10. November 1928 stirbt Anita Berber im Bethanien-Krankenhaus Berlin-Kreuzberg; in der Kapelle (dem jetzigen Studio 1) war sie aufgebahrt, ihre Besetzung erfolgt am 14. November 1928 auf dem Friedhof der St. Thomas-Gemeinde Hermannstraße.

Das Bethanien-Krankenhaus ist seit 2009 als „Kunstquartier Bethanien“ ein beeindruckender Ort für Musik und Darstellende Kunst. Dass MS/Schrittmacher mit ihrer Retro/Perspektive hier - am Sterbeort der Berber - ihren radikalen Tanz neu beleuchten und neu beleben, verdient im Juni 2014 viel Aufmerksamkeit. „Es ist mir eine unglaublich große Freude an diesem Projekt zu arbeiten“, bekennt Martin Stiefermann mitten im Endspurt der gemeinsamen „großartigen archäologischen Arbeit“.

Das Publikum hat an zehn Tagen - mit der Tanzperformance, der Lecture Demonstration mit live-Klavierbegleitung, der Filmvorführung „Unheimliche Geschichten (1919) und der abschließenden Podiumsdiskussion „Anitas Erben – zur künstlerischen Radikalität heute“ sowie durch die deutschsprachige Erstveröffentlichung der Anita Berber-Studie von Joe Jenčík - Gelegenheit hinter der Maske dem Menschen Anita Berber zu begegnen.

Veröffentlicht am 11.06.2014, von Karin Schmidt-Feister in Homepage, Themen

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Kommentare zu "MS/Schrittmacher bei der archäologischen Arbeit"



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