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Ludwigsburg

DICK AUFGETRAGEN

„Lo Real" von Israel Galván bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen



Die Bühne im Forum ist dunkel. Im Hintergrund erkennt man schemenhaft Menschen. Aus ihrer Mitte löst sich Israel Galván und tritt nach vorne. Wie jemand, der überlegt was zu tun sei, scharrt er mit einem Fuß, dann mit dem anderen über den Boden. Er dreht sich ins Profil und, haste nicht gesehen, macht er den Hitlergruß!


  • Israel Galván bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen Foto © JAVIER DEL REAL / TEATRO REAL
  • Israel Galván bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen Foto © JAVIER DEL REAL / TEATRO REAL

Die Bühne im Forum ist dunkel. Im Hintergrund erkennt man schemenhaft Menschen. Aus ihrer Mitte löst sich Israel Galván und tritt nach vorne. Wie jemand, der überlegt was zu tun sei, scharrt er mit einem Fuß, dann mit dem anderen über den Boden. Er dreht sich ins Profil und, haste nicht gesehen, macht er den Hitlergruß! Auch wenn er zu Beginn des Stückes mit dem mehrdeutigen Titel „Lo Real" (Wahrheit, Wirklichkeit, Name einer Währung) schuhplattelt und die herunterhängenden Hosenträger folkloristisch schnalzen lässt, Galván ist zu sehr Flamencotänzer und zu wenig Schauspieler, als dass man ihm den Nazi abnähme.

Damit steht und fällt die Überzeugungskraft des Tanz-Musik-Dramas, das vom Massenmord an den Sinti und Roma erzählen will, von der Anziehungskraft, die eine Carmen und die sogenannten Zigeunermusik auf viele hat und hatte, unter anderem auch auf die Kulturelite im sogenannten Dritten Reich.

Als grandioser Techniker gefeiert, wird Galván seinem Ruf gerecht. Virtuose Soli nicht nur traditionell zu Gesang, Gitarre und Palmas, sondern auch auf einer scheppernden, rutschigen Platte und über Metallbalken, die zunächst als Säulen dem Raum Struktur geben. Sie werden von Bühnenarbeitern flach gelegt und geräuschvoll über die Tanzfläche gezogen, in immer neue Konstellationen gebracht, um von Galváns flinken Füßen in fliegendem Galopp bearbeitet zu werden. In einer anderen Szene hämmert er auf einen umgekippten Flügel ein, weidet das Instrument aus, zieht die Saiten der Klaviatur heraus, die nun den Elektrozaun eines KZs symbolisieren. Und, man sieht es kommen, eine Gefangene verheddert sich darin in einem schmerzerfüllten Klagetanz.

„Der Tod ist ein Meister aus Deutschland…“ - bedarf es wirklich der Übertitelung, um das einmal mehr zu erfahren? Waren das anfängliche Scharren und der Hitlergruß nicht Botschaft genug, musste das mit dem Satz „Ich suchte Güte und fand Hitler“ wiederholt werden? Oder hätte es heißen sollen: Ich suchte Gott und fand Hitler? Immerhin war Galváns Vater Zeuge Jehovas, und die wurden von den Nazis ebenfalls verfolgt. Was immer Galván um sich herum inszeniert – Klagetanz und Klagelied, Erotikparodie, Werbespot-Satire und Holocaust-Narrativ – alles ist redundant, zu dick aufgetragen, häufig voraussehbar. Mehr auf Staunen und Beeindrucken als auf Aufklären ist diese Art der Wahrheitsfindung angelegt. Allein sie ist wenig verstörend, sondern ermüdend.

„Bei der Premiere verließ ein Teil des Publikums das Teatro Real hörbar indigniert.“ - schrieb die Süddeutsche Zeitung im Dezember 2012, ähnlich bei der Ludwigsburger Premiere 2013. Warum Thomas Wördehoff, der Intendant der Ludwigsburger Schlossfestspiele, das Stück in dieser Spielzeit wieder eingeladen hat, mag daran gelegen haben, dass ihm, seinem frenetischen Beifall nach zu schließen, „Lo Real" außerordentlich gut gefallen hat. Der Rest des Publikums applaudierte höflich.

Veröffentlicht am 27.05.2014, von Leonore Welzin in Homepage, Kritiken 2013/2014, Tanz im Text

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