KRITIKEN 2013/2014



Hamburg

KONDENSAT DES WESENTLICHEN

Wiederaufnahme von John Neumeiers „Messias“ beim Hamburg Ballett



Die langjährige Tradition, alljährlich in der Karwoche das wohl wichtigste sakrale Ballett John Neumeiers aufzuführen, die „Matthäus-Passion“, wurde dieses Jahr durchbrochen und von dem zweitwichtigsten Werk abgelöst: „Messias“ zu dem gleichnamigen Oratorium von Georg Friedrich Händel.


  • "Messias" von John Neumeier: Lucia Rios und Ensemble Foto © Holger Badekow
  • "Messias" von John Neumeier: MarcJubete und Konstantin Tselikov Foto © Holger Badekow
  • "Messias" von John Neumeier: Emilie Mazón und Carolina Aguero Foto © Holger Badekow
  • "Messias" von John Neumeier: Aleix Martinez und Marc Jubete Foto © Holger Badekow
  • "Messias" von John Neumeier: Aleix und Martinez Foto © Holger Badekow

Nach der Uraufführung vor knapp 15 Jahren im November 1999 als letzte Neukreation vor dem Milleniumswechsel, möchte Neumeier diese Wiederaufnahme nicht als „aufgewärmte Tiefkühlkost“ verstehen, sondern „wie eine Premiere“, sagte er in der Ballettwerkstatt am 30. März. Zu einem Werk nach vielen Jahren zurückzukommen, sei eine ganz neue Begegnung. Man müsse die Wurzeln dieser Kreation neu finden und in sich spüren, um sie erneut kommunizieren zu können. „Messias“ sei, so Neumeier, „kein in sich geschlossenes Werk“, es gehe nicht nur um die Leiden Christi, sondern um die der ganzen Menschheit. Die sehr tänzerische Musik Händels habe ihn sofort animiert und inspiriert, aber auch den Text wollte er sehr ernst nehmen und sich tänzerisch mit ihm auseinandersetzen. Dies umso mehr, als diese Texte im Original auf Englisch gesungen werden und somit einer internationalen Kompanie wie dem Hamburg Ballett verständlich sind. Der Tanz als Bewegungskunst sei wie dafür geschaffen, die spirituelle Dimension des Werkes, die Beziehung des Menschen zu einer höheren Macht, deutlich zu machen. Im Zentrum steht dabei die Sehnsucht nach Frieden in einer Welt voller kriegerischer Auseinandersetzungen – das war Ende des 20. Jahrhunderts ebenso aktuell wie heute.

Neumeiers „Messias“ umfasst nicht das gesamte Werk Händels, er konzentriert sich auf die für ihn wesentlichen Arien, Rezitative und Chöre, und teilt den Abend in zwei große Aspekte: „Exil“ heißt der erste Teil, „Opfer“ und „Wiedergeburt“ der zweite. Auch umrahmt Neumeiner – ein genialer Kunstgriff – Händels Musik mit zwei Stücken des zeitgenössischen estnischen Komponisten Arvo Pärt (geb. 1935): dem Chor „Veni, Sancte Spiritus“ zu Beginn und dem „Agnus Dei“ für Chor und Quartett am Schluss – was dem Gesamtwerk eine zusätzliche Dimension verleiht.

Neumeier beginnt mit der Vertreibung aus dem Paradies, um dann überzuwechseln zu dem, was die Menschheit bis heute prägt und bewegt: die Vertreibung aus der Heimat durch Krieg und Katastrophen, Obdachlosigkeit, Flucht, wo jeder Trost im Glauben finden kann, in der Spiritualität. Er transferiert das Zeitlose ins Heutige, mit Menschen, die darauf warten, dass etwas passiert, was ihnen die Last nimmt. Alle Wechselfälle des Lebens, auch die heiteren, sind durchwebt von der Ahnung des Erlöstwerdens, der Heilung durch einen Heiland, der selbst mehr ahnt als weiß, was auf ihn zukommt. In Teil 2 dann das grandiose Solo der Opferung Christi auf der wie ein Schrei ins Unendliche zeigenden schiefen Ebene, die das ebenfalls aufs Wesentliche reduzierte Bühnenbild Ferdinand Wögerbauers beherrscht. Ebenso schlicht wie genial auch die Idee, mit einem Kreis aus großen Flusskieseln den steinigen Weg zu markieren, den die Menschheit zu gehen hat. Und aus der Dunkelheit aufscheinend dann die Wiedergeburt, das Hallelujah und das Agnus Dei mit der wohl wichtigsten Botschaft, die die Menschheit nie oft genug vermittelt bekommen kann: „Dona nobis pacem“, gib uns Frieden.

Neumeiers findet in „Messias“ zu einer zeitlos gültigen Bewegungssprache, die vor allem die Solisten grandios zu vermitteln wissen. Allen voran der erst 22-jährige Aleix Martinez, der den Part des Christus von Lloyd Riggins übernommen hat und hier zu einer atemberaubenden Intensität und Virtuosität findet – auf das Wesentliche reduziert, bescheiden, voller Demut. Das ist ganz große Tanzkunst.

Marc Jubete, ebenfalls gebürtiger Spanier und mit 25 Jahren kaum älter, ist als Johannes der Täufer die zweite Überraschung des Abends. Mit blitzsauberer Technik, vor allem aber mit seiner grandiosen Bühnenpräsenz schlägt er das Publikum mühelos in seinen Bann. Beide Tänzer vermögen es, jene magischen Momente herzustellen, bei der das Publikum mit dem Tanz und der Musik verschmilzt und jeder Huster verstummt.

Carolina Aguero als weibliche Hauptfigur vermag ihren Part noch nicht ganz zu erfüllen (und man vermisst hier schmerzlich Anna Polikarpova, die diese Rolle früher getanzt hat), auch Lucia Rios bleibt vergleichsweise blass. Bei den Ensembles stechen Emanuel Amuchastegui, Jacopo Belussi und Christopher Evans heraus, und ebenso Emilie Mazon als ätherisch-transparente Engelsgestalt.

Die Solopartien der Musik wurden wunderbar einfühlsam intoniert von Mélissa Petit (Sopran), Rebecca Jo Loeb (Alt), Rainer Trost (Tenor) und Alin Anca (Bass); Alessandro di Marchi am Pult leitete die Philharmoniker sicher durch alle Untiefen der Händel’schen Musik (ärgerlich war nur, dass die Trompete ausgerechnet bei den wenigen Solostellen ins Kieksen abrutschte). Der Chor der Staatsoper unter Leitung von Eberhard Friedrich dagegen hatte wohl etwas zu wenig geprobt, und ausgerechnet das berühmte „Hallelujah“ ging ziemlich daneben. Was dem Gesamtgenuss jedoch keinen Abbruch tun konnte: Großer Jubel in der ausverkauften Staatsoper und Standing Ovations für den Ballettintendanten.

Weitere Vorstellungen am 20., 24., 26. und 29. April sowie im Rahmen der Ballett-Tage am 5. Juli 2014. Für die Aufführungen im April sind nur noch Restkarten erhältlich. Kartentelefon 040-356868 oder im Internet unter www.staatsoper-hamburg.de

Veröffentlicht am 20.04.2014, von Annette Bopp in Kritiken 2013/2014

Dieser Artikel wurde 6542 mal angesehen.



Kommentare zu "Kondensat des Wesentlichen"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    VIELVERSPRECHENDER NACHWUCHS

    TänzerInnen des Hamburg Ballett als „Junge Choreographen“ im Schauspielhaus

    Veröffentlicht am 28.03.2012, von Annette Bopp


     

    AKTUELLE NEWS


    ADOLPHE BINDER BEKOMMT AUCH IM BERUFUNGSVERFAHREN RECHT

    Neues in der Causa Tanztheater Wuppertal
    Veröffentlicht am 19.08.2019, von tanznetz.de Redaktion


    JOHANN KRESNIK IST TOT

    Das deutsche Tanztheater hat einen seiner Pioniere verloren
    Veröffentlicht am 28.07.2019, von tanznetz.de Redaktion


    EHRUNG FÜR JOHANN KRESNIK

    "Goldenes Verdienstzeichen des Landes Wien" für den bedeutenden Vertreter des choreografischen Theaters
    Veröffentlicht am 12.07.2019, von Pressetext



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    GEOMETRISCHES BALLETT

    Hommage á Oskar Schlemmer von Ursula Sax (DE)

    Das Dresdner Ensemble bringt am 6./7.September 2019 in der Choreografie von Katja Erfurth das „Geometrische Ballett“ der Bildhauerin Ursula Sax als szenische Wiederaneignung mit Live-Musik im radialsystem Berlin zur Uraufführung.

    Veröffentlicht am 05.08.2019, von Pressetext

    LETZTE KOMMENTARE


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion


    RAUSCHEN VON SASHA WALTZ & GUESTS

    Uraufführung am 7. März 2019 in der Volksbühne Berlin
    Veröffentlicht am 01.02.2019, von Anzeige


    HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

    Der Primaballerina Lynn Seymour zum 80. Geburtstag
    Veröffentlicht am 06.03.2019, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    JOHANN KRESNIK IST TOT

    Das deutsche Tanztheater hat einen seiner Pioniere verloren

    Veröffentlicht am 28.07.2019, von tanznetz.de Redaktion


    SPEKTAKULÄRES DEBÜT

    Shale Wagman als James in „La Sylphide“ am Mariinsky Theater St. Petersburg

    Veröffentlicht am 26.07.2019, von Gastbeitrag


    EMPÖRUNG IN DER BERLINER TANZSZENE

    Versprechen aus dem Koalitionsvertrag nur teilweise eingelöst

    Veröffentlicht am 04.08.2019, von tanznetz.de Redaktion


    ZU EHREN TERPSICHORES

    "Terpsichore-Gala I" im Nationaltheater zum 10jährigen Bestehen des Bayerischen Staatsballetts

    Veröffentlicht am 09.10.1999, von Katja Schneider


    SENSATIONAL DEBUT

    Shale Wagman as James in "La Sylphide“ at the Mariinsky Theater St. Petersburg

    Veröffentlicht am 30.07.2019, von Gastbeitrag



    BEI UNS IM SHOP