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Wien

ENDZEITSTIMMUNG AM TANZQUARTIER?

Bei „Scores N° 8“ dreht sich alles um die Krise



Spekulation bedeutet Hoffen, ist Möglichkeit und Mutmaßung, will etwas erreichen, kalkuliert und kann scheitern. Das Tanzquartier Wien spekuliert bei „Scores N° 8: Lures of Speculation“ mit künstlerischen Forschungskonzepten und Performances aus Slowenien und Kroatien, Österreich und Deutschland.


  • Scores N°8: Begüm Erciyas' "Eine Spekulation" Foto © Dieter Hartwig
  • Scores N°8: Maximilian Haas und David Weber-Kreis mit "Speculating about donkeys" Foto © MAXIMILIAN HAAS / DAVID WEBER-KREBS
  • Scores N°8: Die kroatische Kompanie BADco mit "A Pond of Hysteria, Acceleration..." Foto © BADco
  • Scores N°8: Saška Rakef mit „The Debt of Saška Rakef/The Debt of RS“ Foto © Nada Zgank

Spekulation bedeutet Hoffen, ist Möglichkeit und Mutmaßung, will etwas erreichen, kalkuliert und kann scheitern. Das Tanzquartier Wien spekuliert bei „Scores N° 8: Lures of Speculation“ mit künstlerischen Forschungskonzepten und Performances aus Slowenien und Kroatien, Österreich und Deutschland. Wichtigstes Utensil für diese Explorationen um Kunst in der Krise und rund um Krisen ist dabei das Mikrofon: Es wird geredet, diskutiert, nachgedacht. „Scores N° 8“ ist nicht umsonst „künstlerisch-theoretischer Parcours“ und trotz der anspruchsvollen und manchmal etwas mühsamen Abende, werden viele der Eindrücke und Ideen noch lange im Gedächtnis bleiben. Denn die Frage 'Wie wollen wir leben?', die man der Programmierung auch voranstellen könnte, ist derzeit in aller Munde und in der Spekulation um Situationen – sei es die einzelner Schicksale, gesamtgesellschaftlicher Umstände oder der Kritik am kapitalistischen System – stets vorhanden.

Saška Rakef, Performerin aus Ljubljana, ist es fast unmöglich, diese Frage überhaupt noch zu stellen. Mit „The Debt of Saška Rakef/The Debt of RS“ konfrontiert sie das Publikum mit ihrer finanziellen Situation, dem eingefrorenen Bankkonto, einem Schuldenberg von 30.000 Euro. Sie sitzt zwischen zwei Mikrofonen, durchleuchtet ihre eigene Geschichte, in der sie Einzelschicksal und Unternehmen zugleich ist. Mit faszinierender Präsenz beginnt sie mit Zahlen zu jonglieren, ihre Lebenskosten zu kalkulieren, sich einer Schuld zu beugen, die eigentlich gar keine ist. Was nach sentimentaler Performance klingt, ist dank der Inszenierung als Talkshow und damit als Verhör, Interview und Präsentation zugleich, mehr absurdes Entertainment und eine ernüchternde Wahrheit. Dennoch bleibt es wohl die bedrückendste Performance, die eingerahmt wird von diskursiven Formaten wie das „Speculative Glossary“ der ebenfalls aus Ljubljana stammenden Maska Research Group und Christian Felbers Vortrag zu den neuen Spielregeln des Geldes.

„Über Kunst zu diskutieren“, so die simple Formulierung Martina Ruhsams – einem Mitglied der Maska Research Group – sei das Ziel des Zusammenschlusses zu dieser Gruppe am slowenischen Tanzhaus Maska gewesen, nachdem die Finanzierung der dortigen Unterrichtsklassen zusammenbrach. Eines ihrer Projekte ist ein „Speculative Glossary“. Erfundene Beschreibungen und Wortneuschöpfungen, die sie als „lexical ficition“ bezeichnen, um Phänomene und Zustände des Alltags- und Arbeitslebens zu beschreiben, die mit einem einzigen Wort womöglich nicht beschreibbar wären. Entstanden sind eine Vielzahl amüsanter Begriffe wie Restmorelessness oder Zen-Acceleration. Batteriality lässt sich gar auf die maschinelle Choreografie der „Tiller Girls“ und auf Jonathan Burrows' und Matteo Fargions „Quiet Dance“ zugleich beziehen. Mal zitieren sie Nietzsche zu Langweile und Nichtstun, dann erscheint Janez Janša höchstpersönlich am Computerbildschirm. Mit der kurzen Skype-Intervention demonstrieren sie „In-Out-Betweenness“.

Einem prüfenden Blick unterzieht auch der Tänzer und Publizist Christian Felber das gegenwärtige System. Bekannt geworden ist der Mitbegründer von ATTAC Österreich für seine „Gemeinwohlökonomie“ - einem Alternativkonzept zu Kapitalismus und Konsumismus. Im Tanzquartier stellt er sein brandneues Buch „Geld. Die neuen Spielregeln“ vor. Das, was er erzählt, klingt so herrlich einfach, dass ihn eine spanische Zuschauerin um einen „Lichtblick für ihr Heimatland“ bittet. Was nette Anekdote sein kann, spiegelt nur allzu gut die Atmosphäre von Christian Felbers Vortrag wider, in dem er eine Rückbesinnung zu Werten des Grundgesetzes fordert, um das gegenwärtige Verhältnis zu Geld in eine neue Ordnung zu bringen und sich von der ungesunden Verquickung von Politik und Wirtschaft zu verabschieden.

Ehe jedoch Geld zum Allgemeingut erklärt werden kann, bringen die Performer in Begüm Erciyas' „A Speculation“ die Banknoten zum Schweben. An drei verschiedenen Tischen versammelt sich das Publikum, an denen jeweils ein Performer seine ganz eigenen Experimente mit den 100-Euro-Scheinen durchführt. Erstmal werden die Zuschauer selbst um einige Euros erleichtert – und plötzlich hängt ein Zehner am Luftballon und ein Zwanziger wird zur kleinen Kugel zerknüllt. Spieltisch, Labor, Zauberkasten – all das sind die schwarz abgedeckten Tische, um die man sich versammelt hat. Dort werden Anziehungskräfte des Geldes getestet, Notenbündel mit Büchern aufgewogen, geheime Symboliken des Geldes aufgedeckt. Die Scheine tanzen vor den Augen der Zuschauer, flattern über ihre Köpfe hinweg. Gierig reckt man die Hälse – einen Blick darauf werfen, das will man allemal.

Einem ironischen Tanz ums goldene Kalb gleicht auch Sibylle Peters „Unwahrscheinlichkeitsdrive“, den sie zusammen mit Joshua Sefoer bei den Berliner Festspielen veranstaltete. Objekt der Begierde ist eine Stretchlimousine, mit der alles Mögliche und Unwahrscheinliche ausprobiert wird. In einer Lecture Performance lässt die Berliner Schauspielerin ihre Aktionen noch einmal Revue passieren, schwankt zwischen Analyse und Anekdoten.

Der mehr oder weniger performative Teil des Parcours endet mit der Zagreber Kompanie BADco. Ein chaotischer Abend, dessen Basis die Fernsehausstrahlung einer Diskussion zwischen Alexander Kluge und Heiner Müller von 1989 ist. Es geht um die Rolle der Sowjetunion. An den Bühnenrädern ragen Gitter in die Höhe, vier Türen zerteilen die Spielfläche und schaffen Räume im Nirgendwo. Die Performer drücken die Klinken, wenden ihre Köpfe, stolpern übereinander. Türen öffnen und schließen sich unentwegt. Trotzdem gibt es nur einen Weg. Vor und Zurück. Zwei Schreie durchbrechen das unübersichtliche Geschehen und sorgen für einen kurzen Moment Stillstand, aber keinen merklichen Wechsel. Es ist der Versuch, sich aus einer kaum ertragbaren Situation zu befreien. Ein Spekulieren in der Situation der Performer ebenso wie auf der Ebene der Diskutierenden über die Politik der 80er Jahre.

Am Ende des Spekulierens und Rumprobierens steht doch oft der Verzicht. Während Maximilian Haas und David Weber-Krebs in ihrer Performance mit dem Esel Lilli auf Bewegungsfreiheit verzichten – der Esel zur Hauptrolle wird und gleichzeitig zur Variable, auf die sich die Performer einlassen müssen - , so steht am Ende von Christian Felbers Vortrag der Verzicht auf einen gewissen Lebensstandard, um sich von der Übermacht des Geld überhaupt befreien zu können.

Spekulieren birgt Krise und hat immer auch mit Unsicherheiten zu tun, mit Verlorengegangenem und Verlorengehendem. Endzeitstimmung? Nein. Denn bei so vielen interessanten Ideen und Konzepten lässt sich's doch gern über die Zukunft spekulieren.

Veröffentlicht am 01.04.2014, von Miriam Althammer in Homepage, Kritiken 2013/2014

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Kommentare zu "Endzeitstimmung am Tanzquartier?"



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