HOMEPAGE



Münster

DIE DIVA UND DER PENNER

"Minuten Beat - ein Herzschlagduett" von Regina Advento



Bausch-Protagonistin Regina Advento und Streetdancer Lin Verleger ernten mit ihrer kleinen Liebesgeschichte viel Applaus im Pumpenhaus Münster.


  • Regina Advento und Lin Verleger tanzen ihr Duett "Minuten Beat" im Pumpenhaus Münster Foto © Karl-Heinz Krauskopf
  • Regina Advento und Lin Verleger tanzen ihr Duett "Minuten Beat" im Pumpenhaus Münster Foto © Karl-Heinz Krauskopf

Seit zwanzig Jahren ist sie eine der glamourösesten Protagonistinnen des Tanztheaters Wuppertal - eine rassige Schönheit mit schwarzer krauser Mähne, geschmeidigen langen Gliedmaßen und berückend eleganten Bewegungen. Eine Wildkatze mit großer Aura, die sich auch als Jazz-Sängerin einen Namen macht und als Choreografin ausprobiert. In Münsters Theater im Pumpenhaus erlebte Adventos "Minuten Beat - ein Herzschlagduett" seine Uraufführung. Als "work in progress" ging das Tanzstück im vorigen Jahr schon auf Pact Zollverein über die Bühne. Inzwischen wurde eine runde, kleine Liebesgeschichte für eine Diva und einen Penner draus.

Auslöser für das Scenario war eine kardiologische Untersuchung. Dem Rhythmus des Herzschlags wollte Advento daraufhin nachspüren. Wie die Zeit vergeht und was währenddessen passiert, ist zu sehen und hören: Zeitungsstapel liegen auf der Spielfläche. Ein Wasserhahn tropft gleichförmig. Eine Uhr tickt vor sich hin. Ein Herz pocht laut. Die menschliche Pumpe und eine Herzklappe werden auf den Rückprospekt projiziert. Der Blutdruck wird wieder und wieder kontrolliert... Viel von dem medizinischen Schnick-Schnack über "das Wunderwerk Körper" wäre entbehrlich. Spannender sind die Annäherungen der beiden so gegensätzlichen Tänzer.

Im Halbdunkel tritt Lin Verleger auf, breitet Zeitungsseiten über sich als Schlafdecke. Lautlos schreitet Advento im langen schwarzen Samtbademantel herein, hängt eine beleuchtete Uhr an die Wand, öffnet zwei kleine Sektflaschen, reicht die gefüllten Gläser Zuschauern, macht ein paar Takte small talk - dann erzählt sie im leisen Plauderton wie auf einer Party eine Episode, offenbar von den Proben zu Bauschs "Agua". Verleger ist indes erwacht, bewegt sich lautlos wie ein nach Beute suchendes Reptil mit Breakdance-Moves durch den Raum. Malerische Sequenzen tanzt Advento. Nach und nach ziehen beide ihre so unterschiedliche Oberbekleidung aus, treten einander in schwarzem Turnzeug gegenüber, performen eine raffinierte, minutiös ausgeklügelte Kontaktimprovisation, bei der Advento sich deutlich den Bewegungsritualen des Breakdance nähert. Zärtliche Gesten und erotische Posen schleichen sich ein. Dann wieder zickt die "Diva" und der kleine "Penner" steht mit gesenktem Kopf da. Plötzlich die Versöhnung am kleinen Cocktailtisch auf den Hockern: sie besingen mit Cluesos Song "Barfuß", was sie verbindet: "Immer, wenn ich was Neues ausprobier', lauf' ich wie barfuß auf Glas. Doch ich fühl' mich federleicht...". Schließlich schlüpft Advento unter die Zeitungsseiten am Boden, aber springt dem schüchternen Lover doch gleich wieder in die Arme.

Längen hat dies fast einstündige Stück noch immer, aber auch sehr schöne Momente und allemal sehr aparten Tanz.

www.reginaadvento.de
www.pumpenhaus.de

Veröffentlicht am 31.03.2014, von Marieluise Jeitschko in Homepage, Kritiken 2013/2014, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 3570 mal angesehen.



Kommentare zu "Die Diva und der Penner"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    AKTUELLE NEWS


    GROßER KUNSTPREIS DES LANDES SALZBURG GEHT AN SZENE INTENDANTIN

    Eine dreiköpfige Jury prämiert Angela Glechner mit dem renommierten Preis im Bereich Darstellende Kunst
    Veröffentlicht am 02.12.2021, von tanznetz.de Redaktion


    JOHN CRANKO STIFTUNG GEGRÜNDET

    Das bedeutende Werk des Choreografen ist somit gesichert und kommt zudem der John Cranko Schule zugute
    Veröffentlicht am 19.11.2021, von tanznetz.de Redaktion


    PINA BAUSCH FOUNDATION PRÄSENTIERT ONLINE-ARCHIV

    Mit Filmen, Fotos und Originaldokumenten die Choreografin und ihr Werk entdecken
    Veröffentlicht am 02.11.2021, von Pressetext



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    ARCHITECTURE OF SEPARATION

    Onlineperformance

    Das multidimensionale Tanzprojekt ARCHITECTURE OF SEPARATION thematisiert die Pandemie und ihre Auswirkungen auf gesellschaftliche und private Phänomene.

    Veröffentlicht am 25.11.2021, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    REDEBEDARF

    Diskussion zu Macht und Diskriminierung im Kulturbetrieb am Berliner Staatsballett
    Veröffentlicht am 09.11.2021, von Bernd Feuchtner


    INTENDANTENWILLKÜR AUCH IN MAGDEBURG

    Vermutlich baldiges Ende für Gonzalo Galguera in Magdeburg
    Veröffentlicht am 30.04.2021, von Volkmar Draeger


    ZUSAMMENARBEIT

    Staatliche Ballett- und Artistikschule Berlin und Staatsballett Berlin schließen Kooperationsvertrag
    Veröffentlicht am 10.07.2021, von Pressetext

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    KINDERBRILLE AUFSETZEN!

    Tanzplan veröffentlicht "Tanzkind" von Andrea Simon und Achim Reissner

    Veröffentlicht am 17.08.2021, von Sabine Kippenberg


    REDEBEDARF

    Diskussion zu Macht und Diskriminierung im Kulturbetrieb am Berliner Staatsballett

    Veröffentlicht am 09.11.2021, von Bernd Feuchtner


    HOMMAGE AN EIN GENIE

    Ein Podcast und ein Roman für einen der bedeutendsten Choreografen des 20. Jahrhunderts: John Cranko

    Veröffentlicht am 14.06.2020, von Annette Bopp


    ACCESS TO DANCE



    Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion


    IN BERLIN FÄLLT WEIHNACHTEN AUS

    Das Staatsballett Berlin streicht „Nussknacker“ aus seinem Programm

    Veröffentlicht am 30.11.2021, von Bernd Feuchtner



    BEI UNS IM SHOP