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Karlsruhe

SCHULD, ERINNERUNG, TÄUSCHUNG

Choreografien von Reginaldo Olivera, Timm Plegge und Jörg Mannes beim Ballettabend „Mythos“



Jörg Mannes, seit 2005 Ballettdirektor in Hannover, ist ein Choreograf so recht nach dem Geschmack der Karlsruher Ballettdirektorin Prof. Birgit Keil. Die ehemalige Stuttgarter Primaballerina und strenge Verfechterin klassischer Tanztradition weiß um die Wirksamkeit großer Handlungsballette.


  • Tim Plegges Orpheus beim Ballettabend "Mythos" am Staatstheater Karlsruhe Foto © Jochen Klenk
  • Jörg Mannes' "Spiegelgleichnis" beim Ballettabend "Mythos" am Staatstheater Karlsruhe Foto © Jochen Klenk
  • Reginaldo Oliveiras "Der Fall M." beim Ballettabend "Mythos" am Staatstheater Karlsruhe Foto © Jochen Klenk

Jörg Mannes, seit 2005 Ballettdirektor in Hannover, ist ein Choreograf so recht nach dem Geschmack der Karlsruher Ballettdirektorin Prof. Birgit Keil. Die ehemalige Stuttgarter Primaballerina und strenge Verfechterin klassischer Tanztradition weiß um die Wirksamkeit großer Handlungsballette. Und genau in diesem Feld hat sich Jörg Mannes schon mehrfach preiswürdig hervorgetan. So überrascht es nicht, dass ihm im neuen dreiteiligen Ballettabend „Mythos“ der Abschlusspart zufiel – eine sichere Bank, sozusagen.

Der thematische Bogen dieses Abends setzt auf große Themen – Jörg Mannes hat sich in seinem „Spiegelgleichnis“ Täuschung und Selbsttäuschung vorgenommen. Auf der runden, weißen Bühne, zur Hälfte durch eine hohe Wand im Hintergrund umrahmt (verbindendes Element von Sebastian Hannak für alle drei Stücke), ließ er ein Spiegelkabinett stellen – und schuf einen kraftvollen, magischen Bühnenraum, in dem Bilder und Spiegelbilder am Ende ununterscheidbar miteinander verwoben waren. Fast 30 Tänzerinnen in schwarzen Kostümen – sehr sexy - (Heide de Raad) ließen sich zu einem musikalischen Feuerwerk von Giovanni Sollima auf das attraktive Spiel mit den Spiegeln ein. Am Ende bleibt es einer einzigen, kindliche Unschuld ausstrahlende Tänzerin vorbehalten, über die optische Täuschung einfach nur zu lachen.

Mit dem Choreografie-Auftrag an Ensemblemitglied Reginaldo Oliveira setzte Birgit Keil auf eine Zukunftshoffnung. Der „Der Fall M.“ lieferte er das Eingangsstück; der Titel spielt auf den Medea-Mythos an. Olivera erzählt ihn aus der Rückblende: Die M. genannte Darstellerin steht wegen Mordes vor Gericht. In Rückblenden wird deutlich, wie sie sich erst der Nebenbuhlerin entledigt und dann sogar des eigenen Kindes, weil der Geliebte es ihr vorzieht. Das ist harte inhaltliche Kost, und Olivera bemüht gleich neun verschiedene Musikstücke – zumeist Filmmusik – um den emotionalen Overdrive der Geschichte stimmig zu unterlegen. Während das achtköpfige hohe Gericht ausschließlich stilisiert am Tisch agiert und die zwölf Vertreter der Öffentlichkeit nur brav, konventionell und blass tanzen dürfen, nimmt Olivera für seine „M.“ Partei – in langen Sequenzen, in denen sie ihr Seeleneben ausbreitet. Psychologisch stimmig wird das alles trotz eines versöhnlichen Endes nicht – weniger wäre hier etwas mehr gewesen.

Das eigentlich Spannende an diesem Abend war der Auftrag an Tim Plegge. Der Choreograf, der nach einem erfolgreichen Debut in Karlsruhe mit „Momo“ gleich mehrere Treppen hinauf berufen wurde, nämlich zur Leitung des künftigen hessischen Staatsballettes (Darmstadt – Wiesbaden), gilt als künstlerischer Hoffnungsträger. Zumindest in Sachen Originalität hatte er an diesem Abend auch die Nase vorn. Er ließ (zu einem Konzert von Philipp Glass) Orpheus gleich doppelt auf der Bühne erscheinen: einmal in Gestalt des alten Orpheus (eine stumme, gleichwohl beredte Rolle für Schauspieler Berthold Toetzke) und als tänzerische Verkörperung seines jugendlichen Alter Egos. Auf der Bühne dreht sich ein abgestorbener, schräger Baumstamm als Memento Mori, am Ende regnet es schwarze Blätter: Es geht um Tod und Abschied, und der alte Orpheus durchläuft in dieser Choreografie verschiedene Stadien der Erinnerung – um ganz am Ende loslassen zu können. Mit der Einbeziehung experimenteller Videotechnik lieferte Tim Plegge einen starken Beleg dafür, dass man von ihm künstlerische Grenzgänge erwarten darf. Und vielleicht schwimmt er sich mit einem eigenen Ensemble auch in Sachen Bewegungssprache noch ein bisschen mehr frei… Wünschen kostet ja bekanntlich nichts.

Veröffentlicht am 23.03.2014, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Tanz im Text, Kritiken 2013/2014

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Kommentare zu "Schuld, Erinnerung, Täuschung"



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