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München

EINE GUTE PORTION FANTASIE

Das Tanztheaterstück von Gastchoreograf Jo Strømgren im Cuviliés-Theater



Zurückgezoomt ins 18. Jahrhundert, in die Welt des reichen und schönen Adels, wo Männer wie Frauen unter der weißgepuderten Perücke nur schicke Fummel, Flirt und Feiern im Sinn hatten. So beginnt „Arsen – Ein Rokokothriller“.


  • "Arsen - Ein Rokokothriller" von Jo Stromgren am Cuvilliés-Theater München Foto © Lioba Schöneck
  • "Arsen - Ein Rokokothriller" von Jo Stromgren am Cuvilliés-Theater München Foto © Lioba Schöneck
  • "Arsen - Ein Rokokothriller" von Jo Stromgren am Cuvilliés-Theater München Foto © Lioba Schöneck
  • "Arsen - Ein Rokokothriller" von Jo Stromgren am Cuvilliés-Theater München Foto © Lioba Schöneck

Zurückgezoomt ins 18. Jahrhundert, in die Welt des reichen und schönen Adels, wo Männer wie Frauen unter der weißgepuderten Perücke nur schicke Fummel, Flirt und Feiern im Sinn hatten. So beginnt „Arsen – Ein Rokokothriller“, Tanztheaterstück von Gastchoreograf Jo Strømgren, der es – was im Programm eigens vermerkt wurde – „in Zusammenarbeit“ mit den Tänzern des Münchner Gärtnerplatztheaters erarbeitete. Die Premiere fand im Cuvilliéstheater statt, Münchens Rokoko-Juwel, das den 43jährigen Norweger zu seinem Thriller überhaupt inspirierte.

Wie auf Gemälden der Zeit, entlockt es einem gleich ein „Ah“, wenn die von Bregje van Balen hinreißend historisch kostümierten Damen und Herren des Tanzsensembles ihr Freizeit-Dasein mit höfischen Schreittänzen füllen. Im Verlauf des Abends liefert das Staatsorchester unter Jürgen Goriup engagiert-kompetent insgesamt 27 barocke Musiknummern: Ausschnitte aus Concerti grossi, Sonaten und Sinfonien von Albinoni, Biber, Corelli und Vivaldi. Immer wieder federnd allegrohaft anspornend für diverse Tänzchen, Blindekuh- und Sado-Spielchen; und immer wieder als stimmungsgebende Untermalung für die Handlung. Denn hier wird – in parodistischer Überspitzung – das dekadente Lustleben und schließlich die Entmachtung des Adels nachgestellt. Was danach kommt, ist auch nicht besser. Nahm die Aristokratie Arsenik als Verjüngungsstimulans, entledigen sich die Bürgerlichen am Ende einer Gruppe von hungernden Bettlern durch Arsen-vergiftete Almosenspeise.

In Teilen kann man Strømgrens grotesk-krausem Libretto folgen – durchnavigiert ja auch von einer klaren Erzähler-Stimme aus dem Off (Patrick Teschner). Aber wer hätte, wie es der Choreograf beabsichtigt, diesen Gruppenmord als bildlichen Verweis auf Deutschlands Ablehnung von hier arbeitssuchenden Rumänen gedeutet? Kritische Bezüge zur Gegenwart möchte Strømgren in all seinen Szenen assoziiert sehen. Aber wie, wenn die Rokoko-Sippe aus der Zeit von Kurfürst Maximilian III. Joseph von Bayern (der das Cuvilliés erbauen ließ) osmanische Diplomaten zu Lendenschurz-bekleideten Sklaven für Haus- und Erotik-Dienste degradiert? Wie, wenn Schottenröcke Dudelsack-pfeifend über die Bühne tänzeln? Wie, wenn der bayerische Adel und Janitscharen auf hölzernen Steckenpferden zur Attacke reiten? Da denkt man allenfalls an die Türkenkriege.

Strømgren, der selbst auch Stücke schreibt und inszeniert, hat eine gute Portion Fantasie. Gehört aber offensichtlich zu jener Gattung von Theatermachern, die schnell etwas auf die Bühne werfen - mit genialisch oberflächlicher Geste, mit seinem skurrilen (für uns gelegentlich befremdlichen) skandinavischen Humor und einem pragmatischen Sinn für Entertainment. Das durchgehend aufflackernde Lachen im Publikum bewies: man hat sich prima amüsiert. Damit liegt Strømgren genau auf der Linie von Gärtnerplatztheater-Intendant Josef E. Köpplinger, dessen Produktionen sich ja blendend verkaufen. Eine künstlerische Qualität hatte dieser Abend nicht. Die scheint der Tanzsparte am Gärtnerplatztheater insgesamt abhanden zu kommen. Positiv zu werten ist Stromgrens Handwerk – flott die Szenenfolge im von ihm selbst entworfenen Bühnenbild – und sein Talent-fördernder Umgang mit dem Ensemble: barocke Gesten, die schräg in zeitgenössische Bewegung explodieren, verhalten tragikomisches Spiel und knallchargige Komödiantik – die zehn Tänzer und zehn Tänzerinnen können einfach alles.

weitere Vorstellungen 1., 3., 7., 9. und 11. April, 19 Uhr 30. Karten 089/2185 – 1960

Veröffentlicht am 23.03.2014, von Malve Gradinger in Homepage, Kritiken 2013/2014, Tanz im Text

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