KRITIKEN 2013/2014



Ludwigshafen

ROBOTERS NACHTLEBEN, HARRYS TAGTRAUM

Les Ballets Jazz de Montréal mit einer deutschen Erstaufführung in Ludwigshafen



Die Tänzer von Les Ballets Jazz de Montréal werden selbst zu roboterhaften Tanzmaschinen, transformieren eine unglaubliche Energie in kleinen Gruppierungen. Ab und zu bleiben sie wie erstarrt stehen, als müssten sie aufgetankt werden.


  • Les Ballets Jazz de Montréal mit "Fuel" im Pfalzbau Ludwigshafen Foto © Benjamin Von Wong
  • Les Ballets Jazz de Montréal mit "Fuel" im Pfalzbau Ludwigshafen Foto © Benjamin Von Wong
  • Les Ballets Jazz de Montréal mit "Fuel" im Pfalzbau Ludwigshafen Foto © Benjamin Von Wong

Es gibt Musikstücke mit magischer Anziehungskraft – und trotzdem atmet der Hörer auf, wenn es vorbei ist. Ein solches Stück ist „Fuel“ (2007) der amerikanischen Komponistin Julia Wolfe. Sie schafft es, einem Streichorchester gut 20 Minuten lang Klänge zu entlocken, die den Drive von Hardrock mit der Intensität von Minimal Music verbinden – und außerdem noch nach Maschinenlärm und Hafendocks, eben nach dem „Treibstoff“ der modernen Industriewelt klingen. Genauso aggressiv, so aufgeladen und aufrührend, aber eben auch mental erschöpfend lässt Cayetano Soto in seinem gleichnamigen Stück (2011) tanzen. Die Tänzer von „Les Ballets Jazz de Montréal“ (vier starke Frauen, sechs Männer) werden selbst zu roboterhaften Tanzmaschinen, transformieren eine unglaubliche Energie in kleinen Gruppierungen (Duos, Trios). Ab und zu bleiben sie wie erstarrt stehen, als müssten sie aufgetankt werden, während die Energie rastlos in anderen Körpern weiter fließt. Der spanische Choreograf mit guten Verbindungen nach Stuttgart (mit Auftragsarbeiten für das Staatsballett wie für Gauthier Dance) mixt hier Robotdance gekonnt mit „Puppenfee“ und zieht so richtig alle solistischen Register der Truppe, deren gerade mal zehn Tänzer den Eindruck einer großen Company hinterlassen.

Ganz anderem, urbanen Leben ist der Choreograf Wen Wei Wang in seinem 35-Minuten-Stück „Night Box“ (2012; Deutsche Erstaufführung) auf der Spur. Das nächtliche Leben einer Großstadt mit ihren Sounds, Rhythmen, Musik und nie verschwindendem Licht inspiriert ihn zu einer Arbeit, in der Video, Licht, Kostüme des Designer-Duos UNTTLD und Breakdance-Elemente zu einer pulsierenden Einheit verschmelzen. Anfangs übt sich die ganze Company in einer beeindruckenden Streetdance-Formation, bevor in einzelnen Szenen kleine individuelle Geschichtchen aufblitzen: Paar-Probleme, Einsamkeit, Eifersucht und wie die bekannten Gefühle so heißen.

Zum Abschluss bot die Company etwas ganz Besonderes: „Harry“ von Barak Marshall (2012). Dieser Choreograf gilt seit seinem Engagement als Haus-Choregraf für die Batsheva Dance Company als innovativster Kopf der israelischen Tanzszene. Sein „Harry“ ist ein Handlungsballett der besonderen, witzigen und dabei noch blitzgescheiten Art. Denn der arme Protagonist, der als wahres Stehaufmännchen verschiedene Varianten seines eigenen Todes ausprobiert und überlebt, muss sich mit all den Problemen herumschlagen, die im modernen Leben so anstehen. Ob da der Topf seinen passenden Deckel findet, ob Harry den Heldentod stirbt (wofür eigentlich?) oder seine Liebe einfach den bösen Nachbarn nicht gefällt – Barak Marshall schafft das Kunststück, die Tänzer zu echten Kurzzeit-Charakteren zu formen. Wie individuelle Probleme da den Zeitgeist widerspiegeln (von den Tänzen als Chor gesprochen), das hat Neuland im Bühnentanz. Die Episoden-Geschichte verbindet ein starker Balkan-Brass-Mix vom Band, der immer wieder zu fetzigen, mit Augenzwinkern choreografierten Swing-Nummern à la Hollywood führt. Ganz großer Applaus!

Veröffentlicht am 11.03.2014, von Isabelle von Neumann-Cosel in Kritiken 2013/2014, Tanz im Text

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