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Braunschweig

IM TEILCHENBESCHLEUNIGER

Katrín Hall inszeniert in "aPart" ein Spiel zwischen Distanz und Symbiose



"Wir standen uns so nah, dass es zwischen uns keinen Platz gab", steht wie eine Überschrift ganz zu Beginn dieses Abends auf einer transparenten Gaze, durch die wir ein einsames Paar auf der bis zu den Brandmauern leergeräumten, riesigen Bühne des Staatstheaters Braunschweig sehen.


  • Katrín Halls "aPart" am Staatstheater Braunschweig Foto © Andreas Etter
  • Katrín Halls "aPart" am Staatstheater Braunschweig Foto © Andreas Etter
  • Katrín Halls "aPart" am Staatstheater Braunschweig Foto © Andreas Etter
  • Katrín Halls "aPart" am Staatstheater Braunschweig Foto © Andreas Etter
  • Katrín Halls "aPart" am Staatstheater Braunschweig Foto © Andreas Etter

Von Alexander Kohlmann

"Wir standen uns so nah, dass es zwischen uns keinen Platz gab", steht wie eine Überschrift ganz zu Beginn dieses Abends auf einer transparenten Gaze, durch die wir ein einsames Paar auf der bis zu den Brandmauern leergeräumten, riesigen Bühne des Staatstheaters Braunschweig sehen. Nur begrenzt durch einen weißen Horizont, hinter dem als Schattenspiel ein grob gehauenes, großes Holzgerüst zu erkennen ist, auf dem Menschen nahe beieinander und weit entfernt stehen. In "aPart" geht es um den Abstand in Beziehungen, zu viel Nähe und zu viel Entfernung - und die Fliehkräfte dazwischen.

Wie gewaltig diese sein können, zeigt die isländische Choreografin Katrín Hall in starken Bildern. Wie in einem Teilchenbeschleuniger wuselt das Ensemble wild durcheinander, während ein Mann und eine Frau (Nao Tokuhasi und Tillmann Becker) sich von zwei hohen Tischen in die Augen sehen. Als sie beginnen, wie in Trance aufeinander zu zu gehen, droht jeden Augenblick der Absturz. Der Schritt ins Nichts, wenn nicht immer wieder ein neuer Tisch, auf wundersame Weise vom Tanzensemble getragen, an genau die Stelle schweben würde, an der der Schritt ins Leere und die gegenseitige Obsession in den Abgrund führt.

Losgelöst von Zeit und Raum schreitet das Paar so, während um es herum der Weg aufbricht und verschwindet. Am Ende stehen sich beide gegenüber, nur ein Meter Leere trennt das Glück. Und die Frage, wer macht jetzt den ersten Schritt.

Von einem großen Knäuel Mensch, das wie eine Symbiose von Einzellern über die Bühne wabert bis hin zu seltsamen Zwei-Personen-Wesen, Mann und Frau, Frau und Frau oder Mann und Mann, bei denen man nicht mehr erkennt, wo der eine Körper aufhört und der andere beginnt, erfindet Katrín Hall immer neue Installationen und Bilder, um sich mit den gegensätzlichen Polen Abstand und Symbiose auseinanderzusetzen.

Und immer wieder auch ganz konkreten Geschichten, die im Spiel des Ensembles mit den wenigen Gegenständen auf der Bühne aufblitzen und wieder verschwinden. Zum Beispiel das Paar, das sich an einem viel zu langem Tisch gegenübersitzt, unmöglich den Abstand zu überwinden, den vielleicht eine jahrzehntelange Ehe zwischen ihnen geschaffen hat.

Doch Veränderung ist möglich: der Abstand schmilzt zusammen und die eiserne Begrenzung der riesigen Braunschweiger Hinterbühne öffnet sich langsam. Dahinter: helles Licht und neue Körper, die im Nebel hervorquellen und das Spiel von vorne beginnen lassen. Neues Blut bringt neue Möglichkeiten... wie in einem Bienen-Nest, ein ewiger Tanz ohne Anfang und Ende.

Veröffentlicht am 10.03.2014, von Gastbeitrag in Homepage, Kritiken 2013/2014, Tanz im Text

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Kommentare zu "Im Teilchenbeschleuniger"



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