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Leipzig

TANZTHEATERPÄDAGOGIK

„Crystal - Variationen über Rausch“ von Heike Hennig in Leipzig



Hoppen und Poppen, Versagensangst der jungen Männer, die Flucht ins Klischee der jungen Frauen. Und immer wieder dieses verflixte Einwiegen, dieses meditative Lullen, diese Übernahme dessen, was die anderen machen.


  • Heike Hennigs "Crystal - Variationen über Rausch" am Theater der Jungen Welt Leipzig Foto © Mathias Rümmler
  • Heike Hennigs "Crystal - Variationen über Rausch" am Theater der Jungen Welt Leipzig Foto © Mathias Rümmler

Zunächst ist alles cool. Die Stimmung ist sanft, Farbspiele einer Lichtinstallation, dazu etwas Fernweh und Frühling mit zugespieltem Vogelzwitschern und ein milder Sound von DJane Cornelia Friederike Müller für die Bühne von Matthias Rümmler. Diese wird beherrscht von mehreren sechseckigen großen Waben, die wohl Abbild der Struktur jener Moleküle sein sollen, um deren „Stoff“ es geht. Ein solches Molekül des Crystal Meth liegt auch auf dem Boden, da ist ein Trampolin hineingesetzt, darauf lässt sich liegen, zu richtig großen Sprüngen taugt es nicht, das Mass ist knapp, womit auch die tänzerische Dimension dieses Projektes sich beschreiben lässt.

„Crystal - Variationen über Rausch“ heißt die neueste Arbeit von Heike Hennig, koproduziert mit Bayer Kultur, Leverkusen, und dem Leipziger Theater der Jungen Welt. Nach der Premiere in Leverkusen, jetzt Start in Leipzig, dem Theater der Jungen Welt, dessen Spielplan speziell für Kinder und Jugendliche konzipiert ist, was auch Format, Thematik und Anliegen dieser Produktion bedingt.

Heike Hennig, vor allem bekannt als Choreografin mit Affinität zum Theater, nicht nur Tanztheater, führt in ihrer neuesten Produktion Tänzer und Schauspieler zusammen. Die Tänzer spielen, die Schauspieler tanzen, die Grenzen verschwimmen, vieles ist möglich, ein Konzept ist erkennbar, das ist der Thematik verpflichtet. Sie nennt es Tanztheater. Es ist eine thematische Annäherung mit den Mitteln des Theaters und des Tanzes, es gibt Momente der Improvisation, immer wieder Assoziationen, Wortkaskaden und immer wiederkehrende Passagen von meditativer Eindringlichkeit, die wie Fluchtbewegungen in die scheinbare Sicherheit des Rituals anmuten. Dabei ist bemerkenswert mit welcher Sensibilität die Tänzer in der Lage sind, sich auf die Möglichkeiten der Schauspieler einzulassen, und mit welchem Engagement die Schauspieler sich auf die choreografischen Vorgaben einzulassen vermögen.

Der Einstieg ist thematisch begründet, funktioniert aber am Premierenabend nur bedingt, denn das Publikum lässt sich nur zaghaft ein auf die zum Mitsingen animierende Entertainment-Attacke des Schauspielers Kevin Körber.

Die Erinnerung an kultische Alltagsausflüchte ist da stringenter. Der Tänzer Hong Ngyen Thai erscheint auf Plateauschuhen als dionysisches Zwitterwesen. Der Bock im Tutu. Wenn er später nur auf einem Huf humpelt ist die satanische Anspielung offensichtlich. Am Ende, nachdem auch ein weibliches Wesen in einer Kreuzung aus Gaga und Ballerina eine Abfolge von Catwalk-Assoziationen aufgemischt hat, ist das Dionysoswesen ramponiert.

Ist aus dem anarchischen Dionysos der milde Apollon geworden? Heike Hennig und ihre Darstellerinnen und Darsteller reißen viele Themen an, da ist die Rede davon, dass die Liebe gut schmecke an den Fleischbänken der Lust. Da knallen einem die Stichworte der ins unermessliche angewachsenen Forderungen um die Ohren, denen junge Menschen ausgesetzt sind. Und wir erfahren etwas von ihren Techniken der Verweigerung, der Rückzüge, auch um den Preis der Selbstaufgabe oder schlimmer noch der alltäglichen Brutalisierung. Da erstickt ein junger Mann fast an einem Asthmaanfall, die Medizin in unerreichbarer Höhe des nie zu erklimmenden Bühnenhimmels, die Handys und Smartphone um so lockerer in den Händen der dokumentationsgeilen Meute.

Hoppen und Poppen, Versagensangst der jungen Männer, die Flucht ins Klischee der jungen Frauen. Und immer wieder dieses verflixte Einwiegen, dieses meditative Lullen, diese Übernahme dessen, was die anderen machen. Es kommt der Choreografin und Regisseurin nicht darauf an, den Rausch in seinen extremen Formen der Selbstzerstörung darzustellen. Das müsste wohl auch scheitern. Sie scheint bei den Assoziationen über die sanfte Gewalt aller möglichen Einstiegsdrogen bleiben zu wollen. Der Zuschauer mag sich dabei ertappen mit einzusteigen. So nach der Devise, na was ist denn schon dabei, oder auch, na was soll man denn machen, wenn der Druck so stark ist und die Einsamkeit die letzten Fetzen der Seele längst aufgefressen hat.

Ja klar, es gibt Klischees in Fülle. Ja klar, es werden viele Dinge angerissen. Und auch klar, es bleibt etliches an der Oberfläche. Aber die bewegt sich, und das lässt darauf schließen, dass gleich darunter die Tiefe beginnt, in der es ganz schön gärt.

Tanztheater im Format des Jugendtheaters, Theater als Einstieg, das Spiel und den Tanz fortzuführen. Nach jeder Aufführung werden Gespräche angeboten, wenn auch dabei, wie im Theater, der Zeigefinger unten bleibt, dann wäre viel dazu gewonnen.

Veröffentlicht am 08.03.2014, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Kritiken 2013/2014, Tanz im Text

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Kommentare zu "Tanztheaterpädagogik"



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