HOMEPAGE



Wien

DAS MÄDCHEN MIT DEN MESSERFÜSSEN

„Cold Blood“ von Julia Cima am Tanzquartier Wien



Die Duo-Performance – zu der Choreografin gesellt sich die französische Tänzerin Cécile Tonizzo – ist ein weiteres Stück im Rahmen des europäischen Projekts „modul-dance“ und feierte ihre österreichische Erstaufführung am Tanzquartier Wien.


  • "Cold Blood" von Julia Cima im Tanzquartier Wien Foto © Vanessa Garcin
  • "Cold Blood" von Julia Cima im Tanzquartier Wien Foto © Vanessa Garcin

Geheimnisvolles Dunkel. Zwei Wesen tippeln über die Bühne, Taschenlampen beleuchten spärlich ihre mit schwarzer Spitze umkleideten Körper. Sie ziehen ihre Bahnen in Julia Cimas Stück „Cold Blood“, das ein bisschen Gruselgeschichte sein will, vor allem aber unterhält. Die Duo-Performance – zu der Choreografin gesellt sich die französische Tänzerin Cécile Tonizzo – ist ein weiteres Stück im Rahmen des europäischen Projekts „modul-dance“ und feierte ihre österreichische Erstaufführung am Tanzquartier Wien.

Rund um die Geschichte „The Ship“ von Hans Henny Jahnn spannt sich die Erzählung, in der die beiden Tänzerinnen kurzzeitig zu Kinopublikum werden. Vor ihren Augen flimmern blutrote Buchstaben auf der Bühnenrückwand, erzählen im Laufe des Stücks die mysteriöse Geschichte der Verlobten Gustav und Elena, während sie mit einem Schiff die Ozeane überqueren. Auf schwarzen Kuben sitzend verfolgen Cima und Tonizzo das Geschehen. Ihre Hände wandern unterdessen über ihre Rücken, verdrehen sich. Im Hintergrund läuft dramatische Orchester-Musik aus dem Libretto von Youness Anzane.

Bekannt für ihre langjährige Arbeit mit Boris Charmatz gestaltet Cima ein Vexierspiel der Schatten, Andeutungen, des Slapsticks und der Überraschungen. Die eine rückt mit einem Hammer dem schwarzen Kubus zu Leibe, die andere zieht eine rasselnde Plastikschlange hinter sich her. Die Hände der Tänzerinnen erzählen Geschichten. Sie formen Gesten, zwirbeln um sich selbst, die Arme wellen sich. Mitunter werden hier verstörende Körperzustände anzitiert, meist driften die dramatischen Elemente jedoch in die Komik ab. Fauchend stehen sie vorm Publikum – wechseln Pose um Pose, Episode um Episode.

Weiter geht es im Comic-Stil. Cima und Tonizzo könnten auch der Flashcartoon-Serie „Happy Tree Friends“ entsprungen sein, als sie einen Schlauch, der die komplette Bühne einnebelt, hervorziehen. Was wie ein harmloses Spiel beginnt, endet im minutenlangen Erstickungstod der einen Tänzerin. Die andere versucht derweil mit muntren Sprüngen abzulenken.

Eine Szene lässt dann doch kurz den Atem stocken. Statt Scheren an den Händen trägt die Tänzerin Messer an den Füßen. Sie bewegt sich langsam auf das Publikum zu, auf ihrem Gesicht klaffen Linien. Bei jedem Schritt verliert sie eines der Messer. Bogenförmig zieht sich die Spur über die Bühne. Die Zweite, gerade noch mit ihrem Solo beschäftigt, sammelt die verlorenen Mordwerkzeuge auf. Im nächsten Moment lauert sie damit hinter einem Vorhang. Inzwischen singt die andere einen französischen Chanson.

Fein abgestimmt sind Text, Musik und die Auftritte der beiden Tänzerinnen. Voller Poesie und Schmerz bleibt „Cold Blood“ dennoch leichte Kost. So recht glauben kann man den letzten Worten, die auf der Bühnenrückwand aufscheinen, nicht. Die Performance ist weder der Blick ins teuflische Gesicht noch eine diabolische Einsamkeit. So gewaltig wie eine Gisèle Vienne oder Erna Omarsdóttir komm Julia Cimas Duo nicht daher. Nebel, Messer und wispernde Stimmen – zwar darf all das nicht fehlen im Reigen des Grusels, doch einen bleibenden Eindruck hinterlässt das nicht.

Veröffentlicht am 23.02.2014, von Miriam Althammer in Homepage, Kritiken 2013/2014

Dieser Artikel wurde 1325 mal angesehen.



Kommentare zu "Das Mädchen mit den Messerfüssen"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LEUTE AKTUELL


    KINSUN CHAN WIRD TANZCHEF IN ST. GALLEN

    Der Schweiz-Kanadier übernimmt auf die Spielzeit 2019/2020 die Nachfolge von Beate Vollack
    Veröffentlicht am 24.05.2018, von Pressetext


    SPRECHENDE SCHULTERN, SCHREIENDE ELLBOGEN UND FLÜSTERNDE KNIE

    Interview mit Wayne McGregor: Neuer Ballettabend am Bayerischen Staatsballett
    Veröffentlicht am 15.04.2018, von Vesna Mlakar


    STAKEHOLDER IN STRUMPFHOSE ODER BETRIEBSJUBILÄUM AUF DER BÜHNE

    Jason Reilly – ein Interviewportrait von Alexandra Karabelas
    Veröffentlicht am 13.03.2018, von Alexandra Karabelas



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    DRESSING IN DISGUISE

    Die Tanzproduktion von Unita Gay Galiluyo und NETZWERK AKS feiert am 04.05.18 im ART SPACE stift millstatt Premiere.

    ‚dressing in disguise’ geht der Frage nach, wie viel Risiko und Provokation nötig ist, um die Fassade der Schutz bietenden Codes bröckeln zu lassen und das Zusammenleben in unserer Gesellschaft auf zeitgemäße Füße zu stellen.

    Veröffentlicht am 02.05.2018, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

    „Onegin“ beim Bayerischen Staatballett
    Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


    MOSAIK DER BEWEGUNG

    Richard Siegals Ballet of Difference mit "On Body" in der Münchner Muffathalle
    Veröffentlicht am 05.03.2018, von Miriam Althammer


    POLITIK KÖNNTE (MAN) TANZEN

    Reflektionen über die diesjährige Tanzplattform im PACT Zollverein in Essen
    Veröffentlicht am 18.03.2018, von Anna Wieczorek

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    DAS LEBEN ALS DAUERLAUF

    Die Tanzkompanie des Staatstheaters Braunschweig zeigt Guilherme Botelhos atemberaubendes Tanzstück „Sideways Rain“

    Veröffentlicht am 10.05.2018, von Andreas Berger


    SEHNSUCHTSVOLLER HERZSCHMERZ

    "True Romance" von Hans Henning Paar und Daniel Soulié am Theater Münster

    Veröffentlicht am 19.05.2018, von Marieluise Jeitschko


    WUNDERVOLLES JETZT

    "After Trio A" von Andrea Božić und “The Dry Piece” von Keren Levi

    Veröffentlicht am 17.05.2018, von Natalie Broschat


    ÄSTHETISCHE WELLEN

    Der Tanzabend "Waves" von Tarek Assam am Stadttheater Gießen

    Veröffentlicht am 18.05.2018, von Dagmar Klein


    GALA WIEDER EIN RAUSCHENDES TANZFEST

    TanzArt ostwest in Gießen

    Veröffentlicht am 22.05.2018, von Dagmar Klein



    BEI UNS IM SHOP