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Gießen

„THE HORTA PROJECT – SOAP RECREATION!“

„Tanzfonds Erbe“ ermöglicht die Rekonstruktion von zwei Stücken des Choreografen Rui Horta mit der Tanzcompagnie Gießen



So frisch und jung kann also deutsches Tanzerbe aussehen. Das Gießener Stadttheaterpublikum hat am Wochenende die Wiederaufführung von zwei legendären Tanzstücken aus den 1990er Jahren erlebt.


  • "Khora" von Rui Horta Foto © Rolf K. Wegst
  • "Khora" von Rui Horta Foto © Rolf K.Wegst
  • "Khora" von Rui Horta Foto © Rolf K.Wegst
  • "Khora" von Rui Horta Foto © Rolf K.Wegst
  • „Ordinary Events“ von Rui Horta Foto © Rolf K.Wegst
  • „Ordinary Events“ von Rui Horta Foto © Rolf K.Wegst


So frisch und jung kann also deutsches Tanzerbe aussehen. Das Gießener Stadttheaterpublikum hat am Wochenende die Wiederaufführung von zwei legendären Tanzstücken aus den 1990er Jahren erlebt. Der begeisterte Applaus galt dem portugiesischen Choreografen Rui Horta, der diese Stücke einst am Künstlerhaus Mousonturm mit seinem S.O.A.P. Dance Theatre Frankfurt kreiert hatte, und der Tanzcompagnie Gießen, die eindrücklich und auf hohem Niveau tanzte.

Ermöglicht wurde „The Horta Project – Soap Recreation!“ durch die Finanzierung im Rahmen des „Tanzfonds Erbe“ der Bundeskulturstiftung, die damit dem Vorschlag des Gießener Ballettdirektors Tarek Assam gefolgt war. Horta ist nicht erst am Ende der Probenzeit eingeflogen und hat noch letzte Hand angelegt, er hat sich voll eingelassen. Im November fanden die ersten Proben mit der TCG in Gießen statt, die Gruppe war vor Weihnachten für eine Woche in seinem Produktionszentrum Montemor südlich von Lissabon, und seit Mitte Januar hat er konsequent mit ihnen gearbeitet. Das Ergebnis ist sensationell. Authentisch. Überzeugend kraftvoll und atemlos dynamisch.

Es wird ein Spannungsbogen gelegt zwischen Hortas erstem Frankfurt-Stück „Ordinary Events“ (1991) und seinem letzten „Khôra“ (1997). Das erste ist längst Kult, wurde weltweit über 150-mal aufgeführt, zählt zum Repertoire vieler Tanzensembles. Doch „Khôra“ wurde in Gießen zum ersten Mal wieder auf die Bühne gebracht. Es ist nach eigener Aussage Hortas liebstes und sein dunkelstes Stück. Kritiker waren damals irritiert über die Veränderung seiner Ausdrucksweise, bezeichnen es im Nachhinein als Hortas deutschestes Stück. Es ist voller Tiefgang, handelt vom Umgehen der Menschen miteinander, davon dass Grenzen überschritten werden müssen, um Neues zu finden.

Im Nachhinein betrachtet ist „Khôra“ auch interpretierbar als Ausdruck seiner Situation in Frankfurt, wo S.O.A.P dem Sparzwang der Kulturpolitik zum Opfer fiel. Nach zwei Jahren als choreographer in residence in München ging Horta 2000 zurück nach Portugal, choreografierte fortan in Europa und der Welt, aber nicht mehr in Deutschland. So wurde er zu einem Teil der Vergangenheit, des deutschen Kulturerbes. Schön, dass ihn die Würdigung noch zu Lebzeiten erreicht. Die Franzosen haben ihm schon längst den Orden der Legion verliehen.

S.O.A.P.-Fans können nun also in Gießen im Gefühl der Wiedersehensfreude schwelgen. Nicht im Künstlerhaus Mousonturm, das ausgerechnet am gleichen Wochenende sein 25-jähriges Bestehen feierte. Allerdings ohne seinen einstigen Hauschoreografen, der in den Anfängen der neuen Produktionsstätte den Namen Mousonturm und S.O.A.P. in die Welt getragen hat. Ausdruck für diese Form der Geschichtsvergessenheit war, dass nur Dieter Buroch, der einstige Leiter und Entdecker Hortas, zur Premiere nach Gießen gekommen war. Er zeigte sich gleichermaßen erstaunt wie begeistert, dass die Grenzen zwischen freier Szene und Stadttheater offenbar durchlässig geworden ist.

Beide Stücke werden original wieder aufgeführt, das gilt neben der Besetzung auch für die Musik, das Bühnenbild (Horta) und die Kostüme (Kathy Brunner). Und sie haben keine Patina angesetzt. Vieles von dem, was damals als wegweisend neu galt, ist heute selbstverständlich geworden, gehört zum Standard des zeitgenössischen Tanzes. Auffällig ist das karge Bühnenbild, das deutlich zeigt: diese Stücke kommen aus der freien Szene.
Bei „Ordinary Events“ (25 Min.) sind das drei rote Teppichläufer, die den Bühnenraum symmetrisch gliedern. An ihren Enden steht je ein schlichter Stuhl. Vier Männer und zwei Frauen rangeln um ihre Position, mal als Individuum, mal als Paar. Wie kommt man miteinander klar, wer hat die Macht? Posen des klassischen Ballett verpuffen unter dem harten Sound der Blechtrommeln; die Tambours du Bronx waren Bergarbeiter, sie verkörperten den Sound der Straße, das männlich Element. Entsprechend kraftvoll-dynamisch sind die Körperaktionen, das Fliegen und Fallen macht heute noch sprachlos. Daneben gibt es nur Stille, die Besinnung auf sich selbst. Hier tanzen: Lea Hladka, Jennifer Ruof, Edoardo Novelli, Claudio Pisa, Endre Schumicky, Manuel Wahlen.

Auch in „Khôra“ (70 Min.) steht Lautes neben Leisem, Beängstigendes neben Beruhigendem. Die Komposition von Koen Brandt ist Soundcollage zwischen Alltag und Musik. Dazu kommen die Stimmen der sieben Akteure, sei es im gepflegten Dialog oder im Anschreien, und das Aneinanderklacken von Eiswürfeln. Deren Rolle im halbdunklen Bühnenbild ist nicht unerheblich: an Seiten- und Rückwand stehen Glasbecken, die zu Beginn mit Eiswürfeln gefüllt werden. Jedes Becken steht auf einem Overheadprojektor, dessen Lampen durch das Eis hindurchscheinen und magische Lichtspuren auf Rückwand und Bühnenboden hinterlassen. Außerdem bringt es das Eis zum Schmelzen, symbolisch für einen Wechsel im Seinszustand, der auch für die Akteure gilt.

Drei Tänzer und vier Tänzerinnen ringen um ihr Selbst. Viele Gewohnheiten entpuppen sich als Selbstbehinderung, die durch das Klebeband angezeigt werden: Bewegungen und Sprechen sind eingeschränkt, Wege am Boden vorgezeichnet, auch wenn sie ins Nichts führen, ein Quadrat ist Schutzraum, egal wie eng es ist. Sven Krautwurst läuft zu Hochform auf, er ist immer präsent und kümmert sich um alle(s), er hat witzige Duette mit Yuki Kobayashi (Et voilà) und jungenhaft-verspielt mit Manuel Wahlen. Umwerfend ist das behutsame und zugleich wagemutige Pas-de-Deux des großen schwarzen Michael Bronczkowski und der kleinen blonden Caitlin-Rae Crook. Mamiko Sakurai gibt die immer wieder hinfallende Schutzbedürftige und Magdalena Stoyanova die Unabhängige, egal was es kostet. Und es endet wie es begann: alle ziehen ihre Kreise und räumen hinter sich auf.

Weitere Vorstellungen am 08. u. 21. März, 03. April, 09. Mai, 08. Juni (während der TanzArt ostwest), jeweils um 19.30 Uhr auf der großen Bühne im Stadttheater.

www.stadttheater-giessen.de, www.tanzcompagnie.de

Veröffentlicht am 23.02.2014, von Dagmar Klein in Homepage, Kritiken 2013/2014

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Kommentare zu "„The Horta Project – Soap Recreation!“"



    • Kommentar am 23.02.2014 14:51 von ton skeel
      what a pity that the original company that gave heart, soul, creativity and talent to the making of the work are not mentioned at all. They were Dietmar Janek, Laura Marini, Desiree Kongerod, Peter Mika, Milos Galko, Delphine Benois, Annette Kaltenmark, Anton Skrzpiciel.

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