HOMEPAGE



Ludwigsburg

TRÄUMEN UND KÄMPFEN

Deutschland-Premiere: Aterballetto mit „Don Q“ im Forum am Schlosspark



Der Antiheld der Weltliteratur und sympathische Träumer verwandelt sich zu einem beunruhigenden Sinnbild des Künstlers, der nicht aufgibt für seine Visionen zu kämpfen.


  • Der dreiteilige Abend des Aterballetto: Don Q. / Intermezzo / Les Noces Foto © Aterballetto
  • Der dreiteilige Abend des Aterballetto: Don Q. / Intermezzo / Les Noces Foto © Aterballetto
  • Der dreiteilige Abend des Aterballetto: Don Q. / Intermezzo / Les Noces Foto © Aterballetto
  • Der dreiteilige Abend des Aterballetto: Don Q. / Intermezzo / Les Noces Foto © Aterballetto
  • Der dreiteilige Abend des Aterballetto: Don Q. / Intermezzo / Les Noces Foto © Aterballetto
  • Der dreiteilige Abend des Aterballetto: Don Q. / Intermezzo / Les Noces Foto © A. Anceschi
  • Der dreiteilige Abend des Aterballetto: Don Q. / Intermezzo / Les Noces Foto © A. Anceschi
  • Der dreiteilige Abend des Aterballetto: Don Q. / Intermezzo / Les Noces Foto © A. Anceschi
  • Der dreiteilige Abend des Aterballetto: Don Q. / Intermezzo / Les Noces Foto © A. Anceschi

„Und sogleich begann er sich mit seinen Genossen in den Verschlingungen der Tanzfiguren zu drehen mit so viel Wendungen und so vieler Gewandtheit, dass Don Quijote, wiewohl er des Anblicks von derlei Tänzen gewohnt war, keinen je so reizend gefunden hatte.“ So beginnt Cervantes die Beschreibung der Festlichkeiten mit allerlei Tänzen anlässlich der Hochzeit des Camacho, eine Episode, die Komponisten, Librettisten und Choreographen zu allen Zeiten immer wieder inspiriert hat. In diese Riege kann sich seit kurzem auch Eugenio Scigliano einreihen. Einst bester Tänzer Italiens, bändigt der Nachwuchs-Choreograf die entfesselte Bagage in wunderschönen Gruppenbildern und das Publikum im Ludwigsburger Forum am Schlosspark ist restlos begeistert.

In seinem „Don Q“, eine Auftragsarbeit des Aterballetto, skizziert Scigliano den Prototyp eines Künstlers. Während sein Knappe Sancho Panza sich vom schwindelerregenden Sog mitreißen lässt, betrachtet Sciglianos Ritter von der traurigen Gestalt das ausgelassene Treiben mit gemischten Gefühlen. Verarmter Landadel und Bauern in Fetzenröcken, Schnürmiedern, losen Hemden und weiten Hosen tanzen, beflügelt von spanischer Gitarrenmusik, als gäbe es kein morgen. Sie rennen, springen und gehen im Überschwang zu Boden. Einzelne parodieren kleine Demutsgesten, um flugs, als sei nichts gewesen, wieder in die Höhe zu schnellen. Als seien sie Goya-Bildern entsprungen, wirft diese Tänzerschar Arme und Beine in die Luft. Sie torkeln, trudeln und sind durchpulst von unbändiger Lebensfreude, die sich oft in schraubenden Drehbewegungen äußert. Ein weinselig dionysischer Rausch, der zum Bild erstarrt, den Träumer fassungslos mustert.

Die Deutschland-Premiere von „Don Q“, der jüngsten, Ende Januar in Bozen uraufgeführten Produktion der Italiener, ist Schlusspunkt eines dreiteiligen Programms, das mit „Les Noces“ (Bauernhochzeit) beginnt. Zur gleichnamigen Musik von Strawinsky, bindet der Hauschoreograf Mauro Bigonzetti diese Tanzkantate in ein heftiges Ritual ausgezirkelter Abläufe voll extremer Leidenschaft und skulpturaler Posen in hartem Licht. Zelebriert werden die Stationen der Ehe auf einem langen Tisch. Zugleich Altar und Festtafel, trennt er als Hürde die Sphären von Mann und Frau. Um 90 Grad gedreht wird er zur verbindenden Brücke zwischen den Geschlechtern, die die Höhen und Tiefen der Liebe durchleben.

Formaler noch ist Bigonzettis „Intermezzo“ zu Strawinskys „Suite italienne“, in der jedes der vier Paare ein Bravour-Stückchen mit einer Fülle kleiner Schikanen zeigt. Beispielsweise tragen die Männer die Frauen verknotet wie eine Kamasutra-Brezel um den Hals, schwenken das schwere Schmuckstück nach rechts und links, nach hinten und vorne, wobei die Mädchen schwungvoll ihre Beine nach oben öffnen, wodurch der Eindruck des Aufblühens entsteht.

Unglaublich und doch formvollendet, was Bigonzetti dem Ensemble an technischen Fertigkeiten, Extrem-Verrenkung und musikalischer Finesse abverlangt. Wesentlich organischer, weicher und natürlicher ist die Tanzsprache von Scigliano zu kontrastierender Musik. Zwischen Stücken wie „Asturiana“ von De Falla und fantastischen Klangexperimenten von Kimmo Pohjonen bewegt sich der Antiheld der Weltliteratur. Dieser sympathische Träumer und Kämpfer verwandelt sich zu einem beunruhigenden Sinnbild des Künstlers, der nicht aufgibt für seine Visionen zu kämpfen.

Veröffentlicht am 20.02.2014, von Leonore Welzin in Homepage, Kritiken 2013/2014, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 1684 mal angesehen.



Kommentare zu "Träumen und kämpfen"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    HIP-HOP-SPEKTAKEL MIT TIEFGANG

    "Into The Beat - Dein Herz tanzt" kommt ins Kino
    Veröffentlicht am 10.07.2020, von Volkmar Draeger


    DIGITALE ENTWICKLUNG

    Tina Lorenz wird neue Projektleiterin am Staatstheater Augsburg
    Veröffentlicht am 09.07.2020, von Pressetext


    FÜR DIE ZUKUNFT DES TANZES

    Petition der Tanzschaffenden in Niedersachsen
    Veröffentlicht am 09.07.2020, von tanznetz.de Redaktion



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    SAISONSTART IM AUGUST UND SEPTEMBER

    Zwei Gala-Abende und eine Neuproduktion des Staatsballett Berlin auf den Berliner Opernbühnen

    Das Staatsballett Berlin eröffnet die Saison 2020/21 zurück auf den Opernbühnen der Stadt mit den Gala-Abenden FROM BERLIN WITH LOVE (I + II) im August in der Deutschen Oper Berlin und im September in der Staatsoper Unter den Linden sowie der Neuproduktion LAB_WORKS COVID_19 in der Komischen Oper Berlin zu Anfang September 2020.

    Veröffentlicht am 19.06.2020, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    VORWÜRFE GEGEN TANZAUSBILDUNG

    Verdacht auf Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 25.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STAATLICHE BALLETTSCHULE BERLIN– KEIN ENDE IN SICHT

    Seyffert geht gegen Freistellung und Hausverbot vor. Bisher ohne Erfolg.
    Veröffentlicht am 19.05.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STABEL WILL SCHULLEITER AN DER STAATLICHEN BALLETTSCHULE BERLIN BLEIBEN

    Der Gütetermin um freigestellten Ballettschuldirektor scheitert. Der Zwischenbericht der Untersuchungskommission sorgte vorab für kontroverse mediale Resonanz.
    Veröffentlicht am 12.05.2020, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    EINE MILLIARDE EURO FÜR "NEUSTART KULTUR"

    Die Bunderegierung legt im Zuge der Corona-Krise ein Förderprogramm für die Kultur vor

    Veröffentlicht am 02.07.2020, von Pressetext


    SCHRITT FÜR SCHRITT

    Buchneuerscheinung: „Entwicklungsförderung durch Bewegung und Tanz"

    Veröffentlicht am 02.03.2020, von Sabine Kippenberg


    ROLAND VOGEL TRITT AB

    Verletzung beendet Karriere des Stuttgarter Solisten

    Veröffentlicht am 16.05.2003, von tanznetz.de Redaktion


    HOMMAGE AN EIN GENIE

    Ein Podcast und ein Roman für einen der bedeutendsten Choreografen des 20. Jahrhunderts: John Cranko

    Veröffentlicht am 14.06.2020, von Annette Bopp


    DIE PREISTRÄGER*INNEN STEHEN FEST

    Preisvergabe beim 24. Internationalen Solo-Tanz-Theater Festival Stuttgart 2020

    Veröffentlicht am 29.06.2020, von Pressetext



    BEI UNS IM SHOP