HOMEPAGE



Lüneburg

GROSSER WURF AUF KLEINER BÜHNE

Olaf Schmidt choreografiert in Lüneburg „Kaspar Hauser“



Er findet dafür eine Bewegungssprache, die traditionelle Gestik mit völlig neuen Elementen vermischt – das wird nie langweilig, und es trifft immer das Wesentliche.


  • Olaf Schmidt choreografiert "Kaspar Hauser" in Lüneburg Foto © Andreas Tamme
  • Olaf Schmidt choreografiert "Kaspar Hauser" in Lüneburg Foto © Andreas Tamme
  • Olaf Schmidt choreografiert "Kaspar Hauser" in Lüneburg Foto © Andreas Tamme
  • Olaf Schmidt choreografiert "Kaspar Hauser" in Lüneburg Foto © Andreas Tamme
  • Olaf Schmidt choreografiert "Kaspar Hauser" in Lüneburg Foto © Andreas Tamme
  • Olaf Schmidt choreografiert "Kaspar Hauser" in Lüneburg Foto © Andreas Tamme

Es ist eine der guten deutschen Kultur-Traditionen, auch in Kleinstädten ein Drei-Sparten-Theater vorzuhalten – trotz Finanzkrise und Sparmaßnahmen. Denn – so sagte es einst der jüngst verstorbene große Dirigent Claudio Abbado: „Kultur ist das Wichtigste überhaupt, sie macht reich.“ Wie recht er hat, ist in diesen Tagen in Lüneburg zu bestaunen. Das Theater, unverkennbar in einem ehemaligen Kino zuhause, leistet sich eine eigene kleine Ballett-Kompanie – vier Tänzerinnen, vier Tänzer. Nicht viel, aber immerhin. Lüneburg, eine Kleinstadt mit 72.000 Einwohnern 60 km südlich von Hamburg, stand und steht in Sachen Tanz meist im Schatten des Hamburg Ballett und der Kampnagelfabrik. Das könnte sich jetzt ändern, denn mit Olaf Schmidt, der schon in Regensburg eine kleine Bühne tänzerisch auf Vordermann brachte und seit der Spielzeit 2013/14 jetzt in Lüneburg wirkt, hat das Haus einen Glücksgriff getan. Nach „Pinocchio“, das auch für Kinder sehenswert ist, gelang ihm jetzt mit „Kaspar Hauser“ ein großer Wurf auf kleiner Bühne.
Schon inhaltlich hat das Stück das Zeug für ein großes Drama: Kaspar Hauser, der Findlingsjunge, erstmals 1828 in Nürnberg aufgetaucht, gab mit seinem seltsamen Verhalten und seiner Menschenscheu, aber auch mit seiner Sensibilität und Intelligenz viele Rätsel auf. Fünf Jahre später starb er an den Folgen eines Messerstiches – vermutlich ein Mord, denn es wurde gemunkelt, dass Kaspar Hauser in Wahrheit ein verkappter Prinz sei. Bis heute sind die vielen Geheimnisse um seine Existenz nicht geklärt.
OIaf Schmidt geht es in seinem gut 90 Minuten dauernden Stück vor allem um die Gefühlswelt des Jungen, seinen kurzen Lebensweg, die Irritationen der Begegnungen mit Ärzten, Schulmeistern, Bürgern und Adligen. Er findet dafür eine Bewegungssprache, die traditionelle Gestik mit völlig neuen Elementen vermischt – das wird nie langweilig, und es trifft immer das Wesentliche. Die Mutterfigur, nach der Kaspar Hauser sich sehnt und die für ihn unerreichbar ist, verortet Schmidt in einer Mezzosopranistin – ein genialer Kunstgriff. Kristin Darragh singt diese Partie ebenso zurückhaltend wie eindringlich, ganz besonders am Schluss in der Gänsehaut provozierenden Arie aus Henry Purcells „King Arthur“: „What Power Art Thou?“ mit dem Refrain: „Let me breathe to death“. Wie ohnehin der Musik-Mix, den Schmidt hier zusammengestellt hat, eine gekonnte Collage darstellt: von Schuberts „Unvollendeter“ über Schostakowitschs Streichquartett, Vivaldi, Mozart und Bachs Klavierkonzert B-Moll bis zu Philip Glass. Das mutet abenteuerlich an, passt aber jeweils exakt zu dem, was auf der Bühne dargestellt wird – was auch den aufmerksam spielenden Lüneburger Symphonikern unter Nezih Seckin sowie der exzellenten Pianistin Hye-Yeon Kim zu verdanken ist. Die geschickt eingerichtete, flexible Bühne von Manuela Müller und die Kostüme von Heide Schiffer El-Fouly runden das ganze zu einem Gesamtkunstwerk ab.
Der erst 21-jährige Kilian Hoffmeyer zeichnet die Seelenwelt des Findelkindes mit größtmöglicher Intensität. Nahezu die gesamte Spieldauer über ist er auf der Bühne, mit nie nachlassender Präsenz – großartig! Und aus der Not der wenigen Tänzer macht Schmidt eine Tugend, indem er ihnen einfach schnelle Kostümwechsel verpasst. So fällt es gar nicht weiter auf, dass sich hier ständig dieselben Tänzer in verschiedenen Rollen präsentieren. Und das tun sie ebenso tanz- wie spielfreudig in Bestform: Ewelina Kukuschkina, Robina Steyer, Katerina Vlasova und Giselle Monique Poncet sowie Francesc Fernandez Marsal, Naoki Kataoka und Matthew Sly.
Man darf gespannt sein, wie sich dieses kleine, aber feine Ensemble weiter entwickelt.

Veröffentlicht am 25.01.2014, von Annette Bopp in Homepage, Kritiken 2013/2014, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 6453 mal angesehen.



Kommentare zu "Grosser Wurf auf kleiner Bühne"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    EIN GROßER WURF

    Olaf Schmidts Version von "Orpheus und Eurydike" als getanzte Oper am Theater Lüneburg setzt neue Maßstäbe

    Eine der schlüssigsten und pfiffigsten Adaptationen von Glucks zeitlosem Meisterwerk ist jetzt in Lüneburg zu sehen - als Mischung aus Oper und Ballett in einer von A bis Z überzeugenden Inszenierung

    Veröffentlicht am 25.09.2019, von Annette Bopp


    VOM FLIEHEN UND VERTRIEBENWERDEN

    „StadtRaumKlang“ am Theater Lüneburg

    Es war gewagt – und ein Gewinn auf ganzer Linie: Für das Projekt erarbeitete Ballettdirektor Olaf Schmidt eine bemerkenswerte Version von Strawinskys „Sacre du Printemps“ mit seinem Ensemble und acht freiwillig auftanzenden LüneburgerInnen.

    Veröffentlicht am 27.11.2018, von Annette Bopp


    MOZARTS SEELENTIEFEN EINFÜHLSAM ERGRÜNDET

    Olaf Schmidts „Amadé“ am Theater Lüneburg

    Ein spannendes und sensibel ausgelotetes Seelen-Portrait des großen Komponisten und ein Stück, dem eine ganz große Bühne gebührt.

    Veröffentlicht am 21.01.2018, von Annette Bopp


    „MEIN BLICK IST KLARER GEWORDEN“

    Olaf Schmidt, Ballettdirektor am Theater Lüneburg, im Gespräch mit Annette Bopp

    Nachdem er in Kaiserslautern, Karlsruhe und Regensburg die Ballettsparten leitete, ist Olaf Schmid nun in Lüneburg angekommen und spricht über seine Erfahrungen und Pläne.

    Veröffentlicht am 12.01.2016, von Annette Bopp


    HERZERWÄRMEND UND BERÜHREND

    Einmalig: „Tanzabend vor dem Eisernen Vorhang – Olaf Schmidt hautnah“

    Der Lüneburger Ballettdirektor wollte damit an eine Tradition aus den 1920er Jahren anknüpfen, in denen Solo-Abende gang und gäbe waren. Eine schöne Tradition – wie geschaffen gerade für die kleineren Bühnen, zu denen jenes Theater gehört.

    Veröffentlicht am 16.02.2015, von Annette Bopp


     

    AKTUELLE KRITIKEN


    SICHTACHSEN

    Selbstermächtigung in Dresdens freier Szene
    Veröffentlicht am 14.11.2019, von Rico Stehfest


    WENN KEIN SPIELRAUM MEHR DA IST

    Zur Tanzpremiere "Exhausting Space" von Iván Pérez
    Veröffentlicht am 13.11.2019, von Isabelle von Neumann-Cosel


    MARTENS, MORGANTI, PRELJOCAJ

    Drei Tanzabende zur 29. euro-scene Leipzig
    Veröffentlicht am 13.11.2019, von steffen georgi



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    JAGEN (UA)

    Tanzabend von Olga Labovkina | Musik von Evgeniy Rogozin

    Das Stück der weißrussischen Choreografin feiert am 29. November in der taT-Studiobühne am Stadttheater Gießen Premiere.

    Veröffentlicht am 02.10.2019, von Pressetext

    LETZTE KOMMENTARE


    ADOLPHE BINDER BEKOMMT AUCH IM BERUFUNGSVERFAHREN RECHT

    Neues in der Causa Tanztheater Wuppertal
    Veröffentlicht am 19.08.2019, von tanznetz.de Redaktion


    „NICHT EIN X-BELIEBIGES MODERNES ENSEMBLE“

    Die Intendantin des Tanztheater Wuppertal Bettina Wagner-Bergelt im Interview
    Veröffentlicht am 27.09.2019, von Miriam Althammer


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    VIELE ÜBERRASCHUNGEN

    "Dornröschen" von Ben Van Cauwenbergh in Essen

    Veröffentlicht am 10.11.2019, von Gastbeitrag


    VOM TANZEN LERNEN

    Anne-Hélène Kotoujansky aus Strasbourg gewinnt

    Veröffentlicht am 11.11.2019, von tanznetz.de Redaktion


    DREI NEUE SOLISTEN AN DER PARISER OPER

    Der jährliche interne Wettbewerb des Corps de ballet im Palais Garnier

    Veröffentlicht am 11.11.2019, von Julia Bührle


    AUSGEZEICHNET

    Verleihung des Theaterpreises DER FAUST am Staatstheater Kassel

    Veröffentlicht am 11.11.2019, von tanznetz.de Redaktion


    POLITISCHE KÖRPER

    „The Furious Rodrigo Batista“ und „Piki Piki” in München

    Veröffentlicht am 11.11.2019, von Peter Sampel



    BEI UNS IM SHOP