HOMEPAGE



Nürnberg

MUSIKALISCHER HÖRGENUSS UND BRACHIALE BILDGEWALTEN

Der Nürnberger Ballettchef Goyo Montero setzt den beliebten Ballettklassiker und Märchenstoff in neuem Outfit und mit dramaturgischer Raffinesse um



Anhand des Märchens zeichnet Choreograf Montero ein unverblümtes Bild der Menschheit.


  • Sayaka Kado als Cinderella im gleichnamigen Ballett von Goyo Montero Foto © Jesús Vallinas
  • Sayaka Kado als Cinderella im gleichnamigen Ballett von Goyo Montero Foto © Jesús Vallinas
  • Sayaka Kado als Cinderella in Goyo Monteros gleichnamigen Ballett Foto © Jesús Vallinas
  • Sayaka Kado als Cinderella und Carlos Lázaro als deren Stiefmutter in "Cinderella" von Goyo Montero Foto © Jesús Vallinas
  • Sayaka Kado als Cinderella und das Ballettensemble des Staatstheater Nürnberg in Goyo Monteros "Cinderella" Foto © Jesús Vallinas
  • Das Ballettensemble des Staatstheater Nürnberg in „Cinderella” von Goyo Montero Foto © Jesús Vallinas
  • Sayaka Kado und das Ballettensemble des Staatstheater Nürnberg in "Cinderella" von Goyo Montero Foto © Jesús Vallinas
  • Saúl Vega, José Hurtado, Oscar Alonso, Carlos Lázaro, Sayaka Kado in "Cinderella" von Goyo Montero Foto © Jesús Vallinas
  • Saúl Vega, Carlos Lázaro, Oscar Alonso in "Cinderella" von Goyo Montero Foto © Jesús Vallinas
  • Oscar Alonso, Carlos Lázaro, Sayaka Kado, Max Zachrisson, Saúl Vega mit dem Ballett Ensemble des Staatstheater Nürnberg in Goyo Monteros "Cinderella" Foto © Jesús Vallinas

Dass der populäre und vieladaptierte Märchenstoff der Gebrüder Grimm in Zeiten von Pflegereform, Patchworkfamilien und Prunksucht nach wie vor psychologische Brisanz birgt, kehrt auch Chefchoreograf Goyo Montero in seiner „Cinderella“-Premiere kurz vor Weihnachten am Staatstheater Nürnberg hervor. Gemeinsam mit der Bühnenbildnerin Verena Hemmerlein hat Montero ein raffiniertes Bühnenbildkonzept entwickelt, das die narrativen Ebenen − Realität, Traumebene sowie Innenleben der Figuren − klar herausstellt. Zudem führt er in seiner Ballett-Adaption mit aller Drastik, dramaturgischer und doch auch drolliger Raffinesse vor Augen, wie grausam die Menschheit doch sein kann und wie sehr es sich lohnt, an das Gute im Menschen zu glauben und für seine rechtmäßigen Bedürfnisse einzustehen.

Gleich im Epilog greift Montero in seine Erzähl-Trickkiste: In sekundenschnellen Drama-Flashbacks und teils durch expressives Maskenspiel wird der Zuschauer gleich in den Bann gezogen: Ein junges Familienglück findet mit dem Tod der Mutter ein jähes Ende, der Vater wird durch sein neues Eheglück hinterrücks zu Fall gebracht, so dass sich die Rollen in der neuen Patchwork-Familie klar in Herrschende und Missachtete unterscheiden. Zu letzteren gehören der nun im Rollstuhl sitzende Vater (José Hurtado) und Aschenputtel (Sayaka Kado), die dem Gebrechlichen so herrlich anzusehende Glücksmomente bescheren kann, dass es einem das Wasser in die Augen treibt. Überhaupt hat die gebürtige Japanerin vollen Respekt verdient: Ihr atemraubender Körpereinsatz, ihre extremen Verrenkungsspiele, wenn sie wie ein Tier ihren (Spiel-)Trieben zu folgen scheint und dann wieder ihre kindliche Naivität und Freude an der Welt ins Publikum hinausstrahlt, machen sie zu einer exzellenten Tänzerin.

Die Rollen der Stiefschwestern und die der bösen Stiefmutter besetzt Montero mit Männern. Dies geht über eine Hommage an das klassische Ballett hinaus – es wirkt verstärkend auf die Figurencharakterisierung und die menschlichen Konflikte gleichermaßen. Ihr parodistisch überzogenes wie auch ihr egozentrisch, kokettierendes Verhalten macht die beiden Stiefschwestern – Saúl Vega und Oscar Alonso als Drag-Queens – zu gelungenen Stellvertretern des derzeit grassierenden Selfie-Wahnsinns. Und auch Carlos Lázaro potenziert in der Rolle der bösen Mutter durchweg ablehnungswürdige Eigenschaften wie Machtgier, Ekel, Hinterlist und Sadismus. Sie kettet, peitscht und schleudert Aschenputtel durch die Luft: Kostümdesigner Angelo Alberto hat Sayaka Kado hierzu ein Korsett aus Schlaufen und Ösen verpasst.

Montero choreografiert nah an den musikalischen Vorgaben von Sergej Prokofjew samt ihren heiter-grotesken Stimmungen, Verzierungen und Höhepunkten, während die Musiker der Staatsphilharmonie Nürnberg unter der Leitung von Gábor Káli ihrerseits mit Hingebung für Gänsehauteffekte sorgen. Und auch dass Montero gemeinsam mit Lichtdesigner Olaf Lundt, der für fast dreihundert verschiedene Lichteinstellungen verantwortlich zeichnet, ein auf die Choreografie abgestimmtes und nicht minder ausgeklügeltes Lichtkonzept erarbeitet hat, wird schnell ersichtlich.

Montero verzichtet in seiner Märchenadaption zwar auf Cinderellas verlorenen Schuh – in vielen Adaptionen ein tragendes Symbol romantischer Liebe − doch nicht auf die Tauben. Das Ballettensemble des Staatstheaters Nürnberg überzeugt als homogener, staubaufwirbelnder Gefiederschwarm, der das verstoßene Mädchen bei seinen ersten Schritten als freier Mensch begleitet. Im zweiten Teil dagegen scheint sich das Ensemble in unstrukturiert wirkenden Ballsaalsequenzen zu verlieren. Inmitten des farbig-barocken Kostümgewusels versucht eine etwas blass gezeichnete, mehr spielende denn tanzende Prinzenfigur (Max Zacchrison) sich gegen Reglements und Zeremoniell durchzusetzen. Für Cinderella und den Prinzen gibt es – wie auch nicht anders zu erwarten – ein Happy End, doch wirken die Liebesbekundungen des Märchenpaares redundant, das Bewegungsrepertoire und der dramaturgische Ideenreichtum Goyo Monteros ein wenig erschöpft. Sehenswert ist die Nürnberger Inszenierung aufgrund der vermittelten emotionalen Dichte und der brachialen Bildgewalt aber allemal!

Veröffentlicht am 23.12.2013, von Anke Hellmann in Homepage, Kritiken 2013/2014

Dieser Artikel wurde 6023 mal angesehen.



Kommentare zu "Musikalischer Hörgenuss und brachiale Bildgew ..."



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    FRAUENGEFÜHRTES THEATER

    Wanda Puvogel wird neue Tanzchefin in Luzern
    Veröffentlicht am 23.05.2020, von tanznetz.de Redaktion


    TANZ HÖREN

    100 Episoden im Podcast "Einfach Tanzen"
    Veröffentlicht am 23.05.2020, von tanznetz.de Redaktion


    ZWISCHEN BALLETTSTANGE UND ATELIER

    Zum Tod von Ivan Sertić
    Veröffentlicht am 21.05.2020, von Vesna Mlakar

    LETZTE KOMMENTARE


    VORWÜRFE GEGEN TANZAUSBILDUNG

    Verdacht auf Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 25.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STAATLICHE BALLETTSCHULE BERLIN– KEIN ENDE IN SICHT

    Seyffert geht gegen Freistellung und Hausverbot vor. Bisher ohne Erfolg.
    Veröffentlicht am 19.05.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STAATLICHE BALLETTSCHULE BERLIN

    Eine Stellungnahme von Volkmar Draeger zur Diskussion
    Veröffentlicht am 30.03.2020, von Volkmar Draeger

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    DER TANZ LEBT WEITER – TROTZ CORONA

    Die digitale Tanzwelt erblüht

    Veröffentlicht am 20.03.2020, von Deike Wilhelm


    TRAUER ÜBER FRÜHEN TOD

    Dramaturgin des tanzhaus nrw verstorben

    Veröffentlicht am 19.05.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STABEL WILL SCHULLEITER AN DER STAATLICHEN BALLETTSCHULE BERLIN BLEIBEN

    Der Gütetermin um freigestellten Ballettschuldirektor scheitert. Der Zwischenbericht der Untersuchungskommission sorgte vorab für kontroverse mediale Resonanz.

    Veröffentlicht am 12.05.2020, von tanznetz.de Redaktion


    ZURÜCK INS LEBEN

    Vorschläge zur verantwortungsvollen Rückkehr in die Normalität

    Veröffentlicht am 28.04.2020, von Deike Wilhelm


    SCHRITT FÜR SCHRITT

    Buchneuerscheinung: „Entwicklungsförderung durch Bewegung und Tanz"

    Veröffentlicht am 02.03.2020, von Sabine Kippenberg



    BEI UNS IM SHOP