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München

ANGESTRENGT!

„Berlin 1920 – eine Burleske“ von Karl Alfred Schreiner



Nur taumelnd tänzelndes, fiebrig jazzendes Nachtleben zu choreografieren war Schreiner offensichtlich zu wenig. Direkt von der Bühne herunter springt es einen an, wie sehr sich Karl Schreiner anstrengen musste, um die zerbrechende Liebesgeschichte zwischen dem Fabrikarbeiter Hans und der bürgerlichen Eva zu erzählen.


  • „Berlin 1920 – eine Burleske“ von Karl Alfred Schreiner. Tanz: Sandra Salietti, Alessio Attanasio Foto © Lioba Schöneck
  • „Berlin 1920 – eine Burleske“ von Karl Alfred Schreiner. Tanz: Neel Jansen, Sandra Salietti, Alessio Attanasio Foto © Ana María Arias Valdivia
  • „Berlin 1920 – eine Burleske“ von Karl Alfred Schreiner. Tanz: Ariella Casu, Francesco Annarumma, Rita Barão Soares Foto © Lioba Schöneck
  • „Berlin 1920 – eine Burleske“ von Karl Alfred Schreiner. Tanz: Rita Barão Soares, Davide Di Giovanni Foto © Lioba Schöneck
  • „Berlin 1920 – eine Burleske“ von Karl Alfred Schreiner. Tanz: Ensemble Foto © Lioba Schöneck
  • „Berlin 1920 – eine Burleske“ von Karl Alfred Schreiner. Tanz: Sandra Salietti und Ensemble Foto © Lioba Schöneck

Unterhaltung auf hohem Niveau für ein breitestmögliches Publikum, mit diesem Konzept war Staatsintendant Josef E. Köpplinger gleich in seiner ersten Spielzeit (2012/13) am Münchner Gärtnerplatztheater erfolgreich. Und diesem Konzept des attraktiven „Volks-Musiktheaters“ ist auch sein Tanzchef Karl Alfred Schreiner verpflichtet. Da passt ja bestens ein Ballett über die weltläufige, wirtschaftlich boomende Reichshauptstadt Berlin in den 20er Jahren – aufregendes Kunst- und zugleich brodelndes Vergnügungs-Mekka. Mit dem überhitzten Lebensrausch am Rande von Krise und Absturz ergibt sich sogar ein gewisser Bezug zum Heute. „Berlin 1920 – eine Burleske“ heißt Schreiners Werk, das soeben im Münchner Cuvilléstheater uraufgeführt wurde.

Nur taumelnd tänzelndes, fiebrig jazzendes Nachtleben zu choreografieren war Schreiner offensichtlich zu wenig. Aber ach, und das schmerzt bei dem ungeheuren Musik- und Materialaufwand (tolle 20er-Jahre-Kostüme von Jan Meier noch und nöcher): es war ein Irrtum! Direkt von der Bühne herunter springt es einen an, wie sehr sich Karl Schreiner anstrengen musste, um die zerbrechende Liebesgeschichte zwischen dem Fabrikarbeiter Hans und der bürgerlichen Eva zu erzählen. Verständlich dargestellt, zugegeben, ist das alles: von Evas Karriereträumen als Revue-Star und den von ihrer Mutter für sie vorgesehenen ehrgeizigen Heiratsplänen bis zum bitteren Ende von Hans, der wegen (Rache)-Brandstiftung im Knast landet. Aber wie unendlich konventionell, wie quälend zäh! Die eineinhalb Stunden (Pause nicht gerechnet) sind gefühlte fünf.

Dabei gibt es, paradoxerweise, jede Menge optische Abwechslung. Schwarz-weiß leuchten im Hintergrund Videos und Projektionen auf (Raphael Kurig/Thomas Mahnecke): Berlin-Ansichten, rotierende Maschinen, riesige Augen im Drogenrausch. Geradezu choreografiert fahren Kulissen auf und ab (Bühne: Rainer Sinell). Von der Fabrik, wo das Gärtnerplatz-Tanzensemble die Auftragskomposition von David Sitges-Sardà „Totem“ I und II - einfache, aber effektvoll eingesetzte Rhythmen - hyperphonstark auf Blechfässer trommelt, geht 's ins Wohnzimmer, auf die Straße, dann ins Varieté „Richie's“. Dort arriviert Eva, wird aber schon von einer neuen Eroberung ihres Geliebten, des Großindustriellen und Varieté-Besitzers Richard von Stetten, verdrängt. Die blasiert-ölige Allüre dieser Rolle bringt Davide Di Giovanni gut rüber. Und Sandra Saliettis Eva macht in der „Richie's“- Revue gute Figur als Edel-Bunny, schwuchtelig umflattert von weißen „Trocadero“-Sylphiden.

Abwechslung bieten ja auch die sechzehn verschiedenen Musik-Nummern, vom flüssigen Tanzcafé-Liedchen, live gesungen von Chansonette Nadine Zeintl, bis zu George Antheils „Jazz Symphony“. Im kleinen Cuvilléstheater ließ Dirigent Michael Brandstätter oft allzu laut musizieren. Immerhin war bei Ernst Kreneks Sinfonie Nr. 3, bei Hanns Eisler und Kurt Weill die Affinität des Staatsorchesters zu diesen Komponisten zu spüren.
Bei Weills „Kleiner Dreigroschenmusik für Blasorchester“ gelang auch Choreograf Schreiner eine der besten Szenen: dieser Richard von Stetten, auf Besuch bei Evas Familie, lässt so richtig den sich windenden, nicht fassbaren „Haifisch“-Industriellen raus. Und da vibriert einen Moment lang eine Spannung, die man auf der gesamten choreografischen Strecke vermisste. Es wird sich ja, trotz viel Stummfilm-Gezeige und -Gezerre, relativ viel bewegt: ob Verzweiflungs-Solo von Hans (Alessio Attanasio) oder Eifersuchts-Pas-de-trois oder wuselndes Zirkusvölkchen. Schreiner buttert rein, wegen Berlin-Atmo auch noch einen Boxkampf. Natürlich beherrscht er den aus der Kontakt-Improvisation entwickelten freien zeitgenössischen Tanz-Stil. Und seine Tänzer sind darin wie der Fisch im Wasser. Trotzdem und merkwürdigerweise geht der Abend nicht an einen. Gerade heraus gesagt: wir haben uns gelangweilt. Aber die Erwartungen sind ja verschieden. Also selber testen.

Weitere Vorstellungen am 22., 23., 24., 26., 27., 28. und 30. November, jeweils 19 Uhr 30; am 24. 11. 18 Uhr. Karten 089/ 2185 1960

Veröffentlicht am 23.11.2013, von Malve Gradinger in Homepage, Kritiken 2013/2014

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