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Berlin

PIRATEN, PILGER UND VERRÄTER

Die Staatliche Ballettschule Berlin brilliert mit „Le Corsaire“



Wie souverän auch andere Darsteller ihre Rollen zeichnen, würde jedem Theater zur Ehre gereichen. Die Inszenierung steht als konzertierte Aktion: Kostüm- und Bühnenbild entwarf mit Julia Weisbrich eine Lehrerin der Schule, Paten finanzierten die fast 190 Kostüme, Schulen sowie Werkstätten kooperierten in der Bemalung der Prospekte.


Mit der Abschlussgala im Juni 2013 griff die Staatliche Ballettschule Berlin nach den Sternen. Und holte für zweieinhalb Stunden tatsächlich Sterne auf die schräge Bühne in der Komischen Oper Berlin. Der einhellige Jubel über „Le Corsaire“ ermuntert zu Vorstellungen bis hin nach Riga, zunächst aber am 13. November in der Staatsoper im Schiller Theater. Was seit der Uraufführung 1856 in Paris zur Adolphe Adams Musik große Bühnen eroberte, tanzen nun Studenten in einer von Christoph Böhm verantworteten Redaktion nach Marius Petipa. Sie bringt das orientalisierende Geschehen auf eine für Schüler verständliche Linie, reduziert die Personnage, führt dafür kindgemäße Figuren ein. Der Konflikt, wie wahre Liebe sich gegen simple Gelüste durchsetzt, bleibt jedoch erhalten.

Im Prolog schaukelt das Piratenschiff auf Stoffwellen und legt mitsamt einer Armee aus Ratten an. Auf dem Sklavenmarkt sollen Medora und Gulnare vom Händler Lanquedem verkauft werden. Medora verliebt sich in den Korsaren Konrad, wirft ihm eine Blume zu, wird aber vom Pascha erworben. Die folgenden drei Akte drehen sich um die Entführung der Geliebten durch Konrad, deren intrigante Rückentführung in die Gewalt des Paschas, Konrads Eindringen in den Palast als verkleideter Pilger, leichtes Gemetzel, Strafe für den Verräter Birbanto, schließlich gelungene Flucht von Konrad mit Medora. Noch einmal müssen sie sich bewähren: Ihr Schiff kentert, einzig das Paar entkommt dem Tod auf ein Eiland.

So dicht gebaut und prall mit Tanz gefüllt ist all das, wirkt durch das gebündelte Talent und den Spielelan der rund 130 Interpreten aller neun Ausbildungsjahre so frisch, dass man seine Freude hat. Wie sauber in Technik und Stil die Gruppe tanzt, steht für die Arbeit des Probenteams, wie brillant sich die Solisten präsentieren, für jahrelange Ausbildungsarbeit. Zu bewundern ist, wie gleichwertig das Pädagogenteam für diese zweite Aufführung zu gut 60 Prozent um- und neubesetzt hat.

Nemu Kondo als sichere Medora, Shotaro Shimazakis Konrad, sein hier aufgewerteter Sklave Ali des feinlinigen Mihael Belilov leisten nicht nur im als Trio gezeigten Grand pas de deux Außerordentliches an Sprunghöhe, Dehnung, Hebekraft bei den Jungen, an Drehachse bis in die Mehrfach-Pirouetten bei Medora.

Wie souverän auch andere Darsteller ihre Rollen zeichnen, etwa Indra Stark als Birbanto, Rosella Bucci als Gulnare, David Iglesias als Lanquedem; wie alle im Zusammenwirken harmonieren, würde jedem Theater zur Ehre gereichen. Die Inszenierung steht als konzertierte Aktion: Kostüm- und Bühnenbild entwarf mit Julia Weisbrich eine Lehrerin der Schule, Paten finanzierten die fast 190 Kostüme, Schulen sowie Werkstätten kooperierten in der Bemalung der Prospekte. Und dass Böhm der turbulenten Geschichte mit der gebrechlichen Altratte zudem Humor abringt, spricht für sein Theatergespür.

Wieder 14.2., 23.5., Staatsoper im Schiller Theater

Veröffentlicht am 12.11.2013, von Volkmar Draeger in Homepage, Kritiken 2013/2014

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