HOMEPAGE



Leipzig

GEFÄHRDUNGEN IN UNSERER ZEIT

Internationale Gastspiele beim 23. Festival euro-scene Leipzig



Auf acht Spielstätten gibt es bis Sonntag in 24 Vorstellungen 12 Gastspiele zeitgenössischen Tanzes und Theaters aus 11 Ländern Europas und mit 148 Ausführenden zu besichtigen. Festivalschwerpunkt ist der 100. Geburtstag von „Le sacre du printemps“, Vaslav Nijinskys Skandalchoreografie.


  • »Le sacre du printemps« : Teil 3: Compagnie Georges Momboye, Paris Foto © Steve Appel, Paris
  • »Le sacre du printemps«: Teil 2: Tero Saarinen, Helsinki, »Hunt« Foto © Marita Liulia, Helsinki
  • »Le sacre du printemps«: Teil 1: David Wampach, Montpellier. »Sacre« Foto © V. Archeno
  • 2nd nature / Christine Gaigg, Wien »DeSacre!« Foto © Lorenz Seidler, Wien
  • Jaunais Rīgas teātris (Neues Theater Riga) / Alvis Hermanis. »Melnais piens« (»Schwarze Milch«) Foto © Gints Malderis, Riga

Wenn eine Kuh, von der Nachbarin verhext, nur noch dunkle Milch gibt, die dennoch trinkbar sein soll, dann steht dieses Bild bei einem Regisseur wie Alvis Hermanis für etwas Bedeutsames. Nicht allein um verschwindende Milchwirtschaft als Folge sich entvölkernder Dörfer seiner Heimat Lettland geht es, sondern, allgemeiner, um die Gefährdungen in unserer Zeit. Das Stück lieh symbolträchtig der mittlerweile 23. euro-scene Leipzig das Motto: „Schwarze Milch“. Auf acht Spielstätten gibt es bis Sonntag in 24 Vorstellungen 12 Gastspiele zeitgenössischen Tanzes und Theaters aus 11 Ländern Europas und mit 148 Ausführenden zu besichtigen. Festivalschwerpunkt ist der 100. Geburtstag von „Le sacre du printemps“, Vaslav Nijinskys Skandalchoreografie, die als Beginn der Tanzmoderne gilt und über Paris, den Ort der Uraufführung, Igor Stravinskys hörungewohnter Komposition zum Durchbruch verhalf. Endlos viele Tanzschöpfer haben sich an der komplexen Struktur versucht, Erwählte wie Maurice Béjart, Pina Bausch, Martha Graham, Erich Walter, Dietmar Seyffert neben Legionen Unberufener. Wie schwierig bis heute, gerade wegen der zahlreichen Ansturmversuche, die Näherung an jene „Szenen aus dem heidnischen Russland“ ausfällt, bezeugte der dreiteilige Eröffnungsabend der euro-scene.#

Dankenswerter Weise stellte Enrico Lübbe als frisch berufener Intendant dem Festival nach Jahren wiederum das Schauspielhaus zur Verfügung, auch für den Wettbewerb „Das beste deutsche Tanzsolo“. Aus Montpellier brachte David Wampach mit „Sacre“ eine Version mit, die allenfalls als Kommentar oder Fußnote zur Vorgabe gelten kann. Stravinskys Musikkoloss findet darin gar nicht erst statt. Vor einer grauwinkligen Wand mit mittigem Spalt begegnet sich nach solistischen Hecheleskapaden das Paar, angstgepeinigt, beinah autistisch, wie in Flucht zueinander, akrobatisch verknotet, mit animalischem Instinkt. Schläge auf den Boden gemahnen an die Rhythmen der Musik. Als es grollend gewittert, zieht etwas ihn durch den Spalt fort, während sie, Eva geworden, einen giftgrünen Apfel isst. In eine Pylone oder einen Phallos rammen beide einen Säbel, röcheln bis zu Urschrei und Finalknall.

Auch „Le sacre du printemps“ von Georges Momboye, Wahl-Pariser von der Elfenbeinküste, leidet an dramaturgischer Beliebigkeit. Zeitgenössischen Tanz mit Afro-Elementen zu durchmixen kann nur dann reizvoll sein, wenn ein sinnfälliges Tanzkonzept zustande kommt. Dem Choreografen gelingen lediglich auf die rhythmisch akzentuierten Passagen überzeugende Teile; was Stravinsky der Fantasie an lauernd langsamen Parts anheimstellt, löst sich in Gänge auf. Unklar endet das Stück: Zehn Tänzer fallen nieder, ein Paar zappelt ohne Musik weiter.

Wie man eine tragfähige Idee umsetzt, bewies „Hunt“ von Tero Saarinen als Mittelteil des dreistündigen Abends. Ist es bei Wampach der Atem, der das Paar treibt, wird Einzelkämpfer Saarinen vom Licht gehetzt, in einer Arena aus erbarmungslos auf ihn zielenden Scheinwerfern, durch kreuzigende Spots von oben, schließlich von aufzuckenden Blitzen. Bekleidet nur mit einem weißen Rock, wirft er sich der Stravinsky-Partitur und den Lichtfluten entgegen, zitiert mit flatternden Armen das Sterberitual der Ballett-Schwäne, bekommt ein Tutu übergestülpt. Immer wieder prägen sich seinem Körper züngelnde Videosequenzen auf, die Laokoons Straftod wachrufen. Was verhalten beginnt, steigert sich bald zum Opfertaumel unter Naturgewalten und macht Saarinens Solo aus dem Jahr 2002, rund 170 Mal in 32 Ländern gezeigt, zum nach wie vor spannenden Multimedia-Erlebnis.

Den „Sacre“-Parcours komplettierte „DeSacre“ von Christine Gaigg/ 2nd nature aus Wien, das auf die Kunstaktion der russischen Frauenpunkband Pussy Riot Bezug nimmt.

Das Missbrauchsdesaster in der katholischen Kirche thematisierten die Brokentalkers aus Dublin; Elfriede Jelineks „Rechnitz (Der Würgeengel)“ um den Mord an Zwangsarbeitern in Österreich inszenierte Lübbe am Schauspiel Leipzig; Einsamkeit gestalteten Les Ballets C de la B aus Belgien in „The old king“ zu Auszügen aus Wagners Oper „Tristan und Isolde“. Gefährdungen kennen weder Zeitalter noch Gesellschaftsordnung.

Veröffentlicht am 10.11.2013, von Volkmar Draeger in Homepage, Kritiken 2013/2014

Dieser Artikel wurde 3390 mal angesehen.



Kommentare zu "Gefährdungen in unserer Zeit"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    AKTUELLE NEWS


    MONIKA GRÜTTERS STÄRKT DEN TANZ

    Neue Hilfsprogramme für die besonders gefährdete Kunstform
    Veröffentlicht am 30.07.2020, von Pressetext


    AUSBILDUNG EINER NEUEN GENERATION

    Der World Ballet School Day (WBSD) verbindet weltweit die nächste Generation von Tanzkünstler*innen
    Veröffentlicht am 09.07.2020, von Pressetext


    EINE MILLIARDE EURO FÜR "NEUSTART KULTUR"

    Die Bunderegierung legt im Zuge der Corona-Krise ein Förderprogramm für die Kultur vor
    Veröffentlicht am 02.07.2020, von Pressetext



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    TANZTHEATER WUPPERTAL SPIELZEIT 2020/21

    Nach einer - auch für Tanztheater Wuppertal Pina Bausch - sehr langen und schwierigen Durststrecke startet das Ensemble in die Spielzeit 2020/21.

    Die aufgrund der ausfallenden Aufführungen in Wuppertal, Paris, Los Angeles, Berkeley, Chicago und Ludwigsburg freigewordenen Zeitfenster nutzte das gesamte Ensemble um den künstlerischen Austausch über Prozesse im Umgang mit einem so wertvollen Erbe wie dem Pina Bauschs auch in Kooperation mit der Pina Bausch Foundation zu vertiefen und künstlerische Formate für aktuelle Szenarien zu entwickeln.

    Veröffentlicht am 10.08.2020, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    VORWÜRFE GEGEN TANZAUSBILDUNG

    Verdacht auf Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 25.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STAATLICHE BALLETTSCHULE BERLIN– KEIN ENDE IN SICHT

    Seyffert geht gegen Freistellung und Hausverbot vor. Bisher ohne Erfolg.
    Veröffentlicht am 19.05.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STABEL WILL SCHULLEITER AN DER STAATLICHEN BALLETTSCHULE BERLIN BLEIBEN

    Der Gütetermin um freigestellten Ballettschuldirektor scheitert. Der Zwischenbericht der Untersuchungskommission sorgte vorab für kontroverse mediale Resonanz.
    Veröffentlicht am 12.05.2020, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    PHYSISCHE ÄSTHETIK

    Eröffnung der Tanzwerkstatt Europa 2020 mit Jefta van Dinthers „Plateau Effect“

    Veröffentlicht am 02.08.2020, von Vesna Mlakar


    MONIKA GRÜTTERS STÄRKT DEN TANZ

    Neue Hilfsprogramme für die besonders gefährdete Kunstform

    Veröffentlicht am 30.07.2020, von Pressetext


    VORFREUDE AUF DIE NEUE SAISON

    Der tanznetz.de Premierenkalender ist online

    Veröffentlicht am 03.08.2020, von tanznetz.de Redaktion


    SCHRITT FÜR SCHRITT

    Buchneuerscheinung: „Entwicklungsförderung durch Bewegung und Tanz"

    Veröffentlicht am 02.03.2020, von Sabine Kippenberg


    NACHDENKLICHES UND BRILLANTES

    Das Stuttgarter Ballett verabschiedet sich mit „Response I“ in die Sommerpause

    Veröffentlicht am 28.07.2020, von Annette Bopp



    BEI UNS IM SHOP