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Berlin

INSZENIERUNG VON IMPERIALER PRACHT

Das Staatsballett beleiht beim neuen „Nussknacker“ das Original aus Petersburg



Wenn sich im Finale alle Figuren zum edlen Tableau vereinen, aufs Solopaar Goldflitter herabrieselt, schließt ein vergnüglicher Abend für die ganze Familie.


  • "Nussknacker" beim Staatsballett Berlin Foto © Goetzmann/wrb
  • "Nussknacker" beim Staatsballett Berlin Foto © Goetzmann/wrb
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  • "Nussknacker" beim Staatsballett Berlin Foto © Goetzmann/wrb
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Er gehört zu den beliebtesten Ballettklassikern und bleibt doch ein heikler Patient: „Der Nussknacker“ mit Peter Tschaikowskys unvergleichlich plastischer Musik. Weil kaum echte Charaktere auftreten, haben sich Choreografen an teils psychologisierenden Lesarten versucht, oft mit geringer Fortune wie 1999 Patrice Bart. Die Neuinszenierung beim Staatsballett bezieht sich auf die historische Vorlage am Mariinski-Theater 1892 in Petersburg und lässt fast jede kopflastige Version von heute hinter sich. Weniger, weil sie der literarischen Basis, E.T.A. Hoffmanns Novelle vom „Nussknacker und Mausekönig“, nähersteht, sondern weil sie die Intentionen der Werkschöpfer respektiert, einen Abend mit Schauwert bietet, sich manche ironische Brechung und Übertreibung gestattet. Ausgangspunkt sind die Unterlagen der Uraufführung: choreologische Notizen, Figurinen und Skizzen für Bühnenbilder. Einzurechnen blieb, dass sich heutige Tänzer in Körper und Können von ihren Kollegen anno 1892 unterscheiden.

Vasily Medvedev und Yuri Burlaka als Choreografen huldigen Lew Iwanow, dem Schöpfer der Erstfassung, und ergänzen, wo es ihnen geraten schien. Was immer davon „original“ sein mag: Es zählt der Eindruck für ein gegenwärtiges Publikum, und das war mehr als enthusiasmiert. Maßgeblichen Anteil am Erfolg haben Andrei Voytenkos historisch nachempfundene Dekorationen: ein gemalter Platz unter Schneewolken für den Prolog; das Bescherungszimmer bei Präsident Silberhaus, mit Säulen und Plafond, atmosphärisch der Winterwald, beides für den 1. Akt; gestaffelte Vorhänge mit appliziertem weihnachtlichem Naschwerk für den Park vor Schloss Konfitürenburg im 2. Akt. Von allem etwas mehr, so Hutgebilde mit Puscheln, bieten Tatiana Noginovas Kostüme: Kristallkronen und Handbällchen für die Schneeflocken; goldene Girlanden und Rosen im opulenten Blumenwalzer; flügelbewehrt die Engel, die mit Kerzen über Nebel schweben. Gegen diese üppige Ausstattung hat sich der Tanz zu behaupten.

Dicht, bunt, beredt erzählen die Choreografen. Von Drosselmeier als zauberndem Drahtzieher; von Clara, die ihren geschenkten Nussknacker so sehr liebt, dass sie ihm im Traum zum Sieg gegen die Mäusearmee verhilft und auf goldenem Schwanenschlitten in sein Schloss chauffiert wird, wo Zeremonienmeister Drosselmeier ein glanzvolles Fest dirigiert; von Claras Adelsschlag mit dem Dropszepter und ihrer Krönung als Zuckerfee. Das lässt sich so hinreißend anschauen wie der Tanz voller Raumformen und seine brillante Interpretation durch das Staatsballett. Dass die 60 beteiligten Kinder der Staatlichen Ballettschule Berlin wacker mithalten, ist der Zugewinn dieses Ausflugs ins zaristische Ballett. Sie gestalten wesentlich den 1. Akt, mit Spaß am Spiel und beachtlicher Technik. Besonders Sabrina Salva Gaglio hat ihren großen Auftritt als kleine Clara. Effekt machen auch eine Wanduhr mit Flackeraugen und Fledermausflügeln, Schränke, denen Puppen entsteigen, der Einzug der Nussknacker-Armee aus einer Burg, Details wie der Gefangene im Käfig oder der mechanisch bewegte Nussknacker. Zum „weißen“ Teil doppelten Sinns wird das prachtvolle Bild der perfekt eingestimmten 24 Schneeflocken.

Akt zwei offeriert außer dem gestischen Bericht des Prinzen zur wundersamen Rettung durch Clara „nur“ eine getanzte Jubelfeier, die allerdings auf hohem Niveau. Manches ist dabei anders als in vertrauten Inszenierungen. Den orientalischen Tanz prägt ein Mann, als der biegsam Federico Spallitta besticht und ebenso präsent ist wie Vladislav Marinov bei Manegen im Chinesischen Tanz. Der Trepak wird zur Bouffonerie mit Reifensprung, vier Rokoko-Damen sind die Rohrflöten. Was sechs Ballettschülerinnen leisten, die unterm Reifrock von Mutter Gigogne hervorquellen, ist für ihre Ausbildungsstufe so verblüffend wie der Grand pas de deux, in dem „Prinz“ Marian Walter, besonders „Clara“ Iana Salenko Weltklasse bieten. Wenn sich im Finale alle Figuren zum edlen Tableau vereinen, aufs Solopaar Goldflitter herabrieselt, schließt ein vergnüglicher Abend für die ganze Familie, den das Orchester der gastgebenden Deutschen Oper unter Robert Reimer hörenswert musiziert und auch der charismatische Drosselmeier des Michael Banzhaf zum Erlebnis macht.

Wieder 27.10., 6., 11., 17., 25., 27.12., Deutsche Oper, Bismarckstr. 35, Charlottenburg, Tickets 2060 92630, www.staatsballett-berlin.de

Veröffentlicht am 25.10.2013, von Volkmar Draeger in Homepage, Kritiken 2013/2014

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