Tanz in Bern
Tanz in Bern

Das bizarre Eigenleben männlicher Weichteile

Ein Zuschauer-Blog zu „(Sans titre) (2000)“ von Tino Sehgal

Eindrücke junger Zuschauer zur Vorstellung bei Tanz in Bern

Bern, 24/10/2013

Das Festival „Tanz in. Bern“ in der Dampfzentrale Bern zeigt während zwei Wochen nationales und internationales zeitgenössisches Tanzschaffen. Die Festivalausgabe 2013 besinnt sich auch Qualitäten des Tanzes - auf seine Poesie, sein handwerkliches Geschick, seine formale Vielfalt und nicht zuletzt auf bewegende Körper bewegter Menschen. Begleitend zum Festival schreiben Studierende der Hochschule der Künste Bern über die Aufführungen. Unter der Leitung der Dozentin Maren Rieger schärfen die Studierenden des Fachbereiches Theater ihre Wahrnehmung und beschreiben für sie besondere Momente auf und neben der Bühne: frech und subjektiv.


Das bizarre Eigenleben männlicher Weichteile
Das Tanzstück „(Sans titre) (2000)“ von Choreograph Tino Sehgal kommt ohne Musik, ohne Bühnenbild, ohne Kostüm und würde am liebsten auch ohne Titel auskommen, bräuchte es diesen nicht zwingend, um vom Zuschauer beim Kartenkauf benannt und schlussendlich rezipiert werden zu können. 13 Jahre nach seiner Uraufführung - damals noch von Tino Sehgal selbst getanzt - verkörpert Frank Willens Sehgals Reise durch die Geschichte verschiedener Tanzstile großer Choreographen des 20. Jahrhundert auf dem Tanzfestival in Bern. Der anfangs für mich sehr präsente nackte Körper des Tänzers verschwindet zunehmend und weicht einer Faszination für die Anatomie seines Körpers und seinen Bewegungsabläufen, mit denen er auch eine Geschichte unserer Gesellschaft erzählt. Willens Charme und Witz zieht mich in seinen Bann, die Assoziationen von antiken Skulpturen, mir bekannter Tanzstile und Choreographien, wie „Sacre du Printemps“, nehmen ihren Lauf und die 55-minütige Führung durch das Tanzmuseum hat gestartet. Zum Schluss hat sogar das bizarre Eigenleben männlicher Weichteile für mich als weiblichen Zuschauer eine selbstverständliche Natürlichkeit erreicht.
Melina


Unglaubliche Bewegungen, emotionale Haltungen von elegant bis zu scheinbar epileptischen Anfällen?Anfangs war mir die direkte Konfrontation etwas unangenehm, doch je länger ich mich auf diese bemerkenswerte Performance konzentrierte, desto normaler und natürlicher erschien mir das Ganze. Nackte Sympathie. Speziell, aber gut!
Julian


Wozu sich ein Kostüm überziehen, wenn völlige Nacktheit plötzlich zum Kostüm wird? Wozu ein Bühnenbild aufbauen, wenn ein Tänzer sein Bühnenbild selbst erschafft? Ein Mann, nackt, ein Raum, nackt, das Licht, klar und die Zuschauerränge beinahe ebenso erhellt wie die Bühne, und Stille. Und obwohl alles so pur und „bludt“ ist, und so völlig klar erscheint, schwirren mir viele Fragen im Kopf... Gings um Gesellschaft, um den Kampf aus seinem eigenen Körper zu entfliehen, oder darum die Facetten eines Menschen aufzuzeigen? Es ist großartig, wenn ein Darsteller allein es schafft, ohne jegliche Hilfsmittel die Zuschauer über eine Stunde zu faszinieren und keiner anfängt auf seinem Stuhl rumzurutschen!
Linda


Das Licht geht an und ich sehe einen nackten Mann in der Mitte der sonst leeren Bühne. Das Bild dieses sehnigen Mannes, bei dem man jeden Muskel genau verfolgen kann, macht mich für eine Weile wie benommen. Er bewegt sich spielerisch und zugleich kontrolliert. Immer wieder lässt er sich voller Hingabe in einer Bewegung fallen, dann lässt er los und wirkt wie privat, wenn er auf der Bühne herumläuft und das Geschehene nachwirkt. Seine Bewegungen faszinieren mich, lassen mich die ganze Zeit völlig gebannt sein und ich bekomme das Gefühl den Tänzer ein wenig kennenzulernen. „I also look at you“ - bleibt mir besonders im Kopf - wir alle als Zeigende und Bebachtende.
Anne


Nach dem ersten Schockmoment der gefüllt von Nacktheit war, fand ich mich mit der Situation zurecht, 50 Minuten mit einem nackten Mann konfrontiert zu sein und diesen bis in unterschiedlichste Posen anzusehen. Die Performance, welche bestickt war mit unterschiedlichsten Tanzstilen bei denen ich an Zeitgenössischen Tanz, Laban, Ballett, Forsythe und vieles andere denken musste, waren interessanterweise immer mit dem jeweils passenden Gesichtsausdruck dargestellt. Emotionen sowie Gangarten bis hin zum an der Wand klettern auf Händen wurden in den Körper genommen und auf beeindruckende Art und Weise dargestellt. Der Mensch, pur in seinem Sein als Kunst. Ich wünschte mich ewig daran erinnern zu können, wie die Facetten von unserem Körper sind durch Anspannungen der Muskulatur.
Unterschiedlichste Assoziationen konnten bei mir geschaffen werden. Ein Spiel der Muskeln zeigte die menschliche Anatomie mit Knochen, Sehnen, Haut, auf beeindruckende Art und Weise. Die Haut als Hülle des Menschen. Mit weicher Stimme und großer gewinnender Sympathie sprach der Künstler Französisch und harmonisch klingendes britisches Englisch. Er suchte die Kommunikation förmlich zum Publikum, welches ihm sichtbar durch die Zuschauerbeleuchtung war, und sprach direkt mit uns und durch seinen Körper;)
Wenn man das in der Kunst so nennen darf, schaffte das Stück einen gelungenen Übergang vom Anfang zum Ende. Ein weiterer Schockmoment, ich sage nur: „Je suis fontaine“.
Marian


Trotz einer unleugbaren Faszination für die Beweglichkeit und Ausdruckstärke des Tänzers hatte ich große Mühe, den Abend zu „lesen“. Die Ankündigung einer tänzerischen Umsetzung des 20. Jahrhunderts, lies mich – zugegebenermaßen als sowohl mit dem Werk Sehgals als auch generell tanzgeschichtlich absolut ungebildeten Zuschauer – in der Choreografie nach historischen Ereignissen des 20. Jahrhunderts suchen. Dieses Ständige – relativ erfolglose - Suchen nach Bedeutung („Ah, das ist jetzt bestimmt der 1. Weltkrieg. Oh. Schon vorbei. Doch nicht. Hm.“) empfand ich auf Dauer als anstrengend, zumal das ständige Abbrechen und Neu-Ansetzen des Tänzers es mir – vielleicht bewusst? - schwer machte, „dabei zu bleiben“.
Fabian


Seht ein Mensch! Die erste Begegnung mit dem Tänzer ist so pur und verheißungsvoll! Dann nimmt uns Frank Willens mit auf eine Stunde verdichtete Tanzgeschichte. Er gestaltet einen augenzwinkernden Dialog mit mir im Publikum, versichert sich meiner Aufmerksamkeit und lässt mir Zeit und Raum für meine eigenen Erinnerungen an Gesehenes von Xavier Le Roy und Meg Stuart und, und, und. Dann steht er wieder da vor uns und seine Augen machen bling, bling und alles ist vergessen...
Maren


Ein nackter Mann bewegt sich in einem nackten Raum, tanzt Tanzgeschichte aus dem 20 Jh. und pinkelt am Ende auf die Bühne und sagt: „Je suis fotaine“. Die Stimmung im Raum, der Raum selbst und der Tänzer wirkt nüchtern, kühl und emotionslos. Es entsteht eine Museumsstimmung bei mir. Der Tänzer könnte genauso gut eine Statue im Museum sein, doch Statuen sprechen und bewegen sich nicht, er schon.
Jonas


Als die Scheinwerfer angehen, sehe ich zuerst Jesus am Kreuz und dann einen Penis. Und für die darauffolgende Stunde verwandelt sich das auf der Bühne tanzende Objekt in eine bewegliche Statue von Michelangelo in Farbe. Gott, dieser Tänzer macht sich vor uns Zuschauern so verwundbar, dass ich die größte Angst davor habe, dass irgendwo ein Handy losklingeln könnte. Mir kommt einer meiner wiederkehrenden Albträume in den Sinn, in denen ich dummerweise vergessen hatte mir am Morgen vor dem Verlassen des Hauses meine Kleider anzuziehen und habe hier den Eindruck, dass es der Tänzer selbst gar nicht merkt, dass er nackt in einem Raum voll angezogener Menschen steht. Ziemlich bald interessiert mich seine Bloßheit nicht mehr und ich nehme seine beeindruckenden und vielseitigen Bewegungen und seine Anatomie genauer in Augenschein und denke mir: Mann, hat der einen schönen Rücken.
Paulina

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