HOMEPAGE



Hamburg

ELEKTRISIERT UND ELEKTRISIEREND

Random Dance mit Wayne McGregors „FAR“ beim Kampnagel-Sommerfestival



Die Atmosphäre flirrig-geladen, die Bewegungssprache hochgradig dynamisiert und die Lichttechnik ausgeklügelt: Random Dance überzeugt tanznetz.de-Korrespondentin Annette Bopp.


  • Random Dance mit Wayne McGregors „FAR“ Foto © Ravi Deepres
  • Random Dance in Wayne McGregor's "FAR" Foto © Ravi Deepres
  • Random Dance mit Wayne McGregors „FAR“ Foto © Ravi Deepres

Nach der Eröffnung mit „Tragédie“ von Olivier Dubois (siehe tanznetz) bot das Kampnagel-Sommerfestival jetzt einen zweiten (und leider letzten) Tanz-Höhepunkt: Wayne McGregor und Random Dance mit „FAR“. Zehn exzellent trainierte Tänzerinnen und Tänzer drehen hier 60 Minuten lang ein spannungsgeladenes Kaleidoskop dynamischer Bewegungsbilder.

Es beginnt mit einem Pas de Deux zwischen einer blonden Tänzerin und einem sehr männlichen Tänzer zu dem klassischen Liedgesang einer wunderschönen Altstimme mit Klavierbegleitung. Der Bühnenraum ist nur diffus beleuchtet – vier Fackelträger beleuchten von den Ecken die Szenerie – da gibt es ebenso elegisch-zarte Momente wie aggressiv-dynamische Begegnungen, bis eine Fackel nach der anderen verlischt. Den Hintergrund der links und rechts schwarz abgehängten Bühne ohne jegliches weitere Beiwerk bildet ein längliches weißes Rechteck vor schwarzem Vorhang. Das Licht der Fackeln lässt die darauf befestigten kurzen Stäbe schemenhaft Schatten werfen, bis eine nach der anderen verlöscht, und auch der Pas de Deux sich in die Schatten verliert. Ein poetisch-sinnlicher Auftakt, der dann jäh umschlägt in kraftvolle elektronische Musik (von Ben Frost) und eine hochgradig dynamisierte Bewegungssprache.

In der zweiten Szene zeigt sich, was dieses weißgrundige Feld tatsächlich ist: ein Lichtobjekt! Die Stäbe entpuppen sich als LED-Leuchtmittel. Grandios, wie Lucy Carter, die für das Lichtkonzept verantwortlich zeichnet, diese „Lichtmaschine“ einsetzt, bzw. wie rAndom International damit ein „Bühnenbild“ inszeniert, das sowohl Bühnennebel einsetzt wie auch Lichtpyramiden und Farblichtduschen in Orange, Hellblau und Violett. Auf diese Weise entfaltet sich ein den Tanz kongenial unterstreichender, sich immer wieder ändernder Hintergrund für die rasante dreidimensional erscheinende Choreografie McGregors, die die Tänzer mal einzeln, mal zu zweit, zu mehreren oder auch zu zehnt auf dem Ballettteppich barfuß entwickeln. Sie schlenkern und schlackern mit allen Gliedmaßen, verrenken die Körper zu absurden Positionen, sie rennen und schlendern, zucken und zittern. Alle sind ständig in Bewegung, stehen ständig unter Strom, elektrisiert und elektrisierend. „Vorsicht – Hochspannung!“ möchte man da oft warnen, so flirrig-geladen ist die Atmosphäre, verstärkt durch die Musik. Sie produziert Laute und Klänge, die an sirrende Hochspannungsleitungen erinnern oder an durch Überladung unkontrolliert zuckende Stromschnüre.

Die Kostüme (von Moritz Junge) sind durchgehend sehr schlicht, aber auch sehr raffiniert: dünne, zarte Shirts und knappe Slips oder Bodysuits in Grau, Schwarz, Dunkelblau, hin und wieder transparente Leggings. Wayne McGregors „FAR“ ist eine technisch anspruchsvolle, hochkarätige Produktion, die schon seit 2010 erfolgreich in aller Welt gezeigt wird – und jetzt erfreulicherweise den Weg nach Hamburg gefunden hat.

Veröffentlicht am 18.08.2013, von Annette Bopp in Homepage, Kritiken 2012/2013, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 3642 mal angesehen.



Kommentare zu "Elektrisiert und elektrisierend"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    ZUHÖREN #4 - CLIMATE CHANGE & DEMOCRACY

    From complexity to action - Sasha Waltz & Guests
    Veröffentlicht am 19.11.2019, von Pressetext


    DER EINDRINGLING – EINE AUTOPSIE

    Gastspiel von Helena Waldmann in der Tafelhalle
    Veröffentlicht am 18.11.2019, von Pressetext


    RED.FOREST

    Premiere des Ensembles PLAN MEE in Nürnberg
    Veröffentlicht am 18.11.2019, von Pressetext



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    DER EINDRINGLING – EINE AUTOPSIE

    Gastspiel von Helena Waldmann in der Tafelhalle

    Die Berliner Tanzregisseurin Helena Waldmann hat sich international mit ihren politischen Arbeiten einen Namen gemacht. Nun kommt sie mit ihrem neuen Stück „Der Eindringling – eine Autopsie“ in die Tafelhalle.

    Veröffentlicht am 18.11.2019, von Pressetext

    LETZTE KOMMENTARE


    ADOLPHE BINDER BEKOMMT AUCH IM BERUFUNGSVERFAHREN RECHT

    Neues in der Causa Tanztheater Wuppertal
    Veröffentlicht am 19.08.2019, von tanznetz.de Redaktion


    „NICHT EIN X-BELIEBIGES MODERNES ENSEMBLE“

    Die Intendantin des Tanztheater Wuppertal Bettina Wagner-Bergelt im Interview
    Veröffentlicht am 27.09.2019, von Miriam Althammer


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    DEUTSCHER TANZPREIS FÜR GERT WEIGELT

    Anerkennung für Isabelle Schad und Jo Parkes

    Veröffentlicht am 20.10.2019, von Marieluise Jeitschko


    NUR WER SEINEN KÖRPER GANZ IM GRIFF HAT, DER LERNT ZU FLIEGEN

    Splatter-Ballett „Tanz“ zu Gast an den Münchner Kammerspielen

    Veröffentlicht am 21.10.2019, von Vesna Mlakar


    RAUM, KLANG, TANZ

    Initiation der Elbphilharmonie-Foyers mit Sasha Waltz & Guests' „Figure Humaine“

    Veröffentlicht am 02.01.2017, von Annette Bopp


    ACCESS TO DANCE



    Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion


    DIE SCHERE DER WAHRNEHMUNG

    Die Dresdner go plastic company lädt zu einer kuriosen Performance auf eine Kegelbahn

    Veröffentlicht am 25.10.2019, von Rico Stehfest



    BEI UNS IM SHOP