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Hamburg

BEGEISTERUNG UND UNVERSTÄNDNIS

Die tanznetz-Moderatorin Bettina Preuschoff bloggt vom Internationalen Kampnagel-Sommerfestival



Produktionen von Olivier Dubois, Juan Dominguez / Rafael Lamata / Jaime Vallaure und Jeremy Wade


  • Foto © Etienne Schwarcz
  • „Tragédie“ von Olivier Dubois Foto © Francois Stemmer
  • „Tragédie“ von Olivier Dubois Foto © Francois Stemmer
  • Bettina Preuschoff bei der Kissenschlacht Foto © Etienne Schwarcz
  • Jeremy Wade / XIU XIU / Monika Grzymala: "Dark Material" Foto © Monika Grzymala
  • Juan Domínguez: Characters Arriving Foto © Enrique Escorza

Seit Mittwoch pilgere ich wieder fast täglich in die Jarrestraße, in der ersten Woche begleitet von meinem Besuch Etienne Schwarcz aus meiner alten Wahlheimat Montpellier. In Deutschland dürfte Etienne vielen noch u.a. aus seiner Zeit als Komponist für den portugiesischen Choreografen Rui Horta und dessen damals in Frankfurt stationierte Kompanie S.O.A.P. Dance Theater bekannt sein.
Etienne hat vor mittlerweile 13 Jahren aus einer verlassenen Kirche ein spannendes Kunst- und Kulturprojekt aufgebaut und leitet dieses mittlerweile als künstlerischer Leiter. Inmitten der Cité St. Gely, einem von Zigeunern bewohnten Viertel mit einer ganz eigenen Dynamik und einem ganz eigenen Lebensstil, finden Vorstellungen, Residenzen, Jams, Vorträge und vieles mehr statt.So freue ich mich sehr auf gemeinsame Besuche der Vorstellungen in dieser ersten Woche.

Mittwoch erobern wir erst einmal den Festivalgarten und schauen uns den von der Hamburger Gruppe Baltic Raw angelegten „Avant-Garten“ an. Ins Auge sticht sofort ein aus Holz gezimmertes Gebäude, die Form ähnelt verdächtig dem Hamburger Skandalbauwerk Elbphilharmonie – und richtig, hierbei handelt sich es um die kleine, subversive (?) Schwester namens Kanalphilharmonie. Nun ja, der Garten liegt ja auch direkt an einem der zahlreichen Hamburger Kanäle, warum also nicht! Wir müssen lachen und beschließen, dort auf jeden Fall in den nächsten Tagen vorbeizuschauen!

Der Boden des Außengeländes ist in diesem Jahr mit Baumrinde ausgelegt, eitel wie ich bin, habe ich Schuhe mit Absatz angezogen. Als ich wenig elegant über den Rindenuntergrund stakse, beschließe ich, darauf in den nächsten Tagen zu verzichten...

Und schon geht es los, wir marschieren schnurstracks in die K6, in der mit halbstündiger Verspätung die große Eröffnungsveranstaltung stattfindet.

Olivier Dubois aus Frankreich wird als das neue „Enfant terrible“ der Tanzszene gehandelt und so bin ich gespannt, haben doch weder ich noch mein Begleiter Etienne bisher seine Arbeiten gesehen.
Um es kurz zu machen: Für mich endet dieser Abend mit einer großen Enttäuschung und ich bin erstaunt darüber, dass mich das, obwohl ich selbst schon vor langer Zeit Abschied vom aktiven Tanz genommen habe, noch so zu ärgern vermag.

„Tragédie“, so der Name des aufgeführten Stücks, ist der letzte Teil einer Triologie und beginnt mit einer ca. 45 Minuten dauernden eintönigen Gruppengangformation. Die 18 Tänzer, allesamt nackt, durchmessen in immer gleichen Schrittabläufen den Bühnenraum. Untermalt wird das Ganze von einer einschläfernden, obwohl lauten, sich immer wiederholenden Bassline. In einem Land, in dem man noch immer mit Badeanzug in die Sauna geht, mag diese Nacktheit vielleicht noch schockieren, mich hat es einfach nur gelangweilt und mir taten die Tänzer leid, die sich 90 Minuten lang abmühen durften! Wir fragten uns die ganze Zeit: WARUM????
Auch die weiteren Teile des Abends konnten uns nicht entschädigen, alles wirkte vorhersehbar, zu lang und belanglos, darüber konnten auch die allesamt hervorragenden Tänzer nicht hinwegtrösten!

Jetzt half wirklich nur ein kühles Bier im Festivalgarten. Eine Freundin ,die ich beim rausgehen traf, schaute mich nur fassungslos an und meinte: „Was war denn das bitte für eine gequirlte Scheiße?“ So brutal würde ich es nicht ausdrücken wollen, jedoch war auch ich sehr enttäuscht und verstand nicht, warum dieses Stück für die Eröffnung ausgesucht wurde. Mit meiner Meinung war ich bei den anschließenden Gesprächen im Festivalgarten zum Glück nicht allein...

Am nächsten Tag ging es dann für uns zu Juan Dominguez / Rafael Lamata / Jaime Vallaure aus Spanien. Nur soviel: An diesem Abend hatten wir einen Höllenspaß! Die drei Akteure betraten in völlig dubiosen, übereinander geschichteten Klamotten die Bühne. Nach und nach entledigten sie sich dieser und legten sie entlang des Bühnenraumes ab. Sie stellten sich uns mit ihrem Namen vor, skandierten diese laut, animierten das Publikum das Gleiche zu tun – als ob es sich um ein Fußballteam oder einen Rockstar handeln würde. Natürlich wurden dann auch „Opfer“ aus dem Publikum ausgesucht und auch deren Namen wurden laut gerufen. Skurrile Bilder gab es auch, als die drei Herren sich Unmengen knallroter Kissen in die Klamotten steckten.
Die drei Schauspieler schienen immer wieder Verabredungen zu haben und wandelten von da aus immer wieder in aktionsgeladene improvisatorische Geschichten.Die Beobachtung dessen und dieses „Sich-selbst-nicht-zu-ernst-nehmen“ kamen beim Publikum gut an und die Stimmung erreichte am Ende Ihren Höhepunkt, als die knallroten Kissenberge zu einer gigantischen Kissenschlacht mit dem Publikum führten. Nur soviel: Ich habe mitgemacht und hatte den Spaß meines Lebens!

Auf dem Rückweg schauten wir dann bei der Dauerinstallation „100% Realismus“ von Christian Jankowski vorbei. Auf einem riesigen Bildschirm sieht man in Endlosschleife telenovela-artige, höchst dramatische Szenen mit weinenden Schauspielern. Es sind wunderbar überzeichnete Bilder, die komplett ohne Sprache auskommen und uns an diesem Abend, aufgeheizt von der Kissenschlacht, zum Lachen bringen.

Der nächste Teil meiner Festivalreise ist Jeremy Wade, dessen Arbeit ich bereits vor einigen Jahren auf einem Festival in Berlin bewundert habe.
Auch dieses Mal bin ich begeistert. Jeremy Wade hat hier mit den Künstlern Shayana Dunkelmann, Monika Grymala, Maria F. Scaroni und Jamie Stewart einen Raum erschaffen, in dem sich Tanz, Körper, Bühnengestaltung und Klang gleichberechtigt treffen. Völlig unprätentiös begegnen sich die Künstler in diesem gemeinsamen Raum, loten Möglichkeiten aus, spielen miteinander und bieten eine Grundlage für den Zuschauer, seine eigene Geschichte zu sehen und zu entwickeln. Einfach wohltuend.....

Veröffentlicht am 13.08.2013, von Bettina Preuschoff in Homepage, Blogs

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Kommentare zu "Begeisterung und Unverständnis"



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