HOMEPAGE



München

RETTUNG VOR DEM SOMMERLOCH

Halbzeit bei der 22. Ausgabe der Tanzwerkstatt Europa



Über die Eröffnungsperformance von The Loose Collective, den Performanceabend des Kollektivs Jonathan Burrows und Matteo Fargion und die lichtstarke Vorstellung des Trios Jefta van Dinter/Minna Tiikainen/David Kiers


  • "Here comes the Crook" von the Loose Collective Foto © Johannes Gellner
  • JEFTA VAN DINTHER/ MINNA TIIKKAINEN/ DAVID KIERS: "Grind" Foto © Ivo Hofste
  • JEFTA VAN DINTHER in "Grind" Foto © Ivo Hofste

Langjährig, vielseitig, vor allem nachhaltig – Walter Heuns Münchner Tanzwerkstatt Europa (TWE) rettet uns seit 1991 mit ihrem Vorstellungsprogramm nicht nur vor dem notorischen Sommerloch. Mit den parallel laufenden international besetzten Technik- und Stil-Workshops – für Profis u n d Amateure – setzt die TWE direkt an der Basis des Tanzes an, fördert und bildet weiter. Die TWE sei „ein ganzes Paket“ formulierte Kulturreferent Hans-Georg Küppers kurz und richtig in seiner Ansprache zum TWE-Auftakt.

Mit Grenzgängen hin zu Theater, zu bildender Kunst und Multimedia hat der zeitgenössische Tanz versucht, seine Grenzen auszuweiten. Jetzt wagte sich The Loose Collective – ein in Österreich basierter projektweiser Zusammenschluss von Choreografen, Performern und Musikern – an die Gattung Musical. Ausgangsmaterial war das als Ur-Musical geltende „The Black Crook“ aus dem Jahr 1866.

Dieser „Schurke in Schwarz“ hat auch hier seine Finger im Spiel. Die ganze makabre Geschichte erzählt uns zu Beginn ein postmoderner Vaudeville-Comedian. Am Fauststoff orientiert, geht es um unglücklich Liebende, um Bösewichte, Hexen und den Teufel. Jedes Wort wird mit raumgreifender Körpergestik ironisch bildhaft überhöht, während der Musiker im Hintergrund am Cello, E-Klavier und Sampler frühe Music-Hall-Zeiten beschwört – klangzerfetzend verfremdet natürlich. Es folgen mal im Solo, mal im Duett, mal im Chor vorgetragene Songs. Ob die dazu ausgeführten Tanzschritte augenzwinkernd bewusst einfach gehalten sind oder ob das Kreativ-Team in Sachen Choreografie vorerst noch kreativ herumtastet, ist nicht eindeutig auszumachen. Aber gleichviel: Wie ehrenwert auch der Versuch sein mag, dieses musikalische U-Genre auf eine zeitgenössische E-Ebene zu stemmen – noch sehen wir lieber ein kommerziell, aber schnittig gemachtes Musical, mit Topstimmen und Topdance.

Es ist eben nicht so leicht, den zeitgenössischen Tanz zu erneuern. Damit kämpfen die Künstler selbst, aber auch die Veranstalter. So werden Festival-Programme aufgefüllt mit sogenannten Lecture Concerts, wie sie der Brite Jonathan Burrows und der Italiener Matteo Fargion auf internationalen Festivals präsentieren. Der am Tanz interessierte Komponist Fargion schreibt seit 1989 Musik für den Modern Dance Choreografen Burrows. In den letzten zehn Jahren entwickelten die beiden sogar gemeinsam sechs Duette, mit Fargion als Burrows aktivem Bühnen-Partner. Bei der Münchner Tanzwerkstatt Europa, wo sie in der Vergangenheit schon zwei Duette zeigten, wollte das Duo diesmal kundtun, welche Künstler und welche Werke sie bis heute inspiriert und geprägt haben. Sehenswert waren da vor allem Ausschnitte aus alten Filmaufnahmen, aus einem Tadeusz-Kantor-Stück zum Beispiel und aus Bronislawa Nijinskas Strawinsky-Ballett „Les Noces“ von 1923. Aber die 60-Minuten-Lecture, wenn auch sympathisch serviert, erschlägt einen letztlich doch mit einer Lawine von kurz angerissenen Fakten und Namen quer durch die jüngere Kulturgeschichte.

Ein Grenzgang ist auch die Performance des niederländischen Choreografen und Tänzers Jefta van Dinther. „Grind“ nennt van Dinther sein Solo. „Schinderei“. Und van Dinther robbt über den Boden, schlägt autistisch wiederholt mit dem Rücken gegen eine Wand, zerrt und schleppt ein Endloskabel heran. Alle Bewegung in einem wie elektrisch geladenen repetitiven Rhythmus, angepeitscht von David Kiers' minmalistischem hellem Klingklang, dem Stoßen, Schaben, Motorbrummen, Knattern und spitzen Pfeifen seines Soundtracks. Die Lichtdesignerin Minna Tiikainen taucht zu Beginn Bühne und Zuschauerraum in tiefes Dunkel. Später lässt Grau-Schimmriges, Halbschattiges die Körperaktionen ahnen. Und wenn unsere Sinne unter der Anstrengung bis zum äußersten gereizt sind, feuert van Dinther in kreiselnder Bewegung grelle Lichtschleifen in den Raum. „Grind“: ein Solo als Metapher auf den freiwilligen Arbeitssklaven unseres Stresszeitalters und zugleich eine Metapher auf die Reizüberflutung unserer Zeit – und, bis jetzt, der erste Höhepunkt der diesjährigen Münchner Tanzwerkstatt Europa.

Bis 9. 8. noch weitere drei Programme. Karten 089/54 81 81 81

Veröffentlicht am 05.08.2013, von Malve Gradinger in Homepage, Kritiken 2012/2013, Tanz im Text

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Kommentare zu "Rettung vor dem Sommerloch"



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