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Stuttgart

EKSTASE UND ELEGANZ

4. Stuttgarter Flamenco Festival



Gemeinsam mit Miguel Angel hat die Catarina Mora 2010 das Stuttgarter Flamenco Festival ins Leben gerufen. Seither werden jährlich eine Woche lang die unterschiedlichsten Facetten des Flamenco gezeigt, hinterfragt und diskutiert. Ebenso der Tradition wie dem Experiment verpflichtet, werden auch aktuelle gesellschaftliche Themen einbezogen.


  • 4. Stuttgarter Flamenco Festival Foto © Ralph Burkart
  • 4. Stuttgarter Flamenco Festival Foto © Ralph Burkart

„Die Künstler scharren schon mit den Hufen“ sagt Catarina Mora. Sie fixiert das Publikum und fasst sich kurz. Gemeinsam mit Miguel Angel hat die Künstlerin 2010 das Stuttgarter Flamenco Festival ins Leben gerufen. Seither werden jährlich eine Woche lang die unterschiedlichsten Facetten des Flamenco gezeigt, hinterfragt und diskutiert. Ebenso der Tradition wie dem Experiment verpflichtet, werden auch aktuelle gesellschaftliche Themen einbezogen. Produktionen wie „Machismo“, „A las 5 de la tarde“ und „Kain“ sind beispielgebend für das innovative Potential, das Mora aus den archaischen Wurzeln des kulturellen Welterbes heraus holt.

Mit dem ehrenamtlichen Einsatz vieler Helfer, den komplett ausgebuchten Workshops der spanischen Künstler und nicht zuletzt dem selbstlosen Einsatz hat Mora im vierten Jahr auf der finanziell schmalen Basis von 3000 Euro eine Gala gestemmt, die ihres gleichen sucht. Hochkonzentriert verfolgen die rund 500 Flamenco-Kenner und Liebhaber im ausverkauften Theaterhaus jeden Schritt, jede Geste, die Inmaculada Ortega und Miguel Angel auf leerer Bühne zelebrieren.

Zum Auftakt eine „Alborea“, ein Hochzeitstanz, begleitet von den fünf Musikern David Vazquez und Momi de Cadiz (Gesang), Amir John Haddad und Antonio Espanadero (Gitarre) sowie Rafael Fontaina (Percussion), in dem die geschmeidigen Tänzerkörper mal absolut synchron Nähe und Distanz ausloten, mal im Dialog abwechselnd miteinander korrespondieren. Ob Soli wie „Tientos“ und „Alegrias“ oder eine „Buleria da Cadiz“ im raffiniert verwobenen Duett, die beiden Tänzer steigern sich von Stück zu Stück. Überbordende Kraft und pure Musikalität, gepaart mit einer virtuosen Technik verbinden sich zu stilistische Vollendung.

Dazwischen entfachen die Musiker mit rauer Stimme, lyrischer Gitarre und feurig-virtuoser Rhythmik funkensprühende Soli, die bisweilen unter die Haut gehen. Die Gala gipfelt in einem zart moll-getrübten „Zorongo“ (Inmaculada Ortega) und der überwältigenden „Solea por Buleria“ (Miguel Angel), in denen die Tänzer über sich hinauswachsen. Der „Zorongo“ ist ursprünglich ein Tanz amerikanischer Schwarzer, er wird von Ortega im hautengen rot-blau changierenden Kleid mit ausladender, feuerroter Rüschenschleppe getanzt. Sie umgarnt ihre Schleppe wie einen Partner, übersteigt sie, verleiht ihr in raschen Drehungen Schwung, bis sie ihr nicht zu Füßen liegt, sondern diese förmlich umschlingt, ja fesselt – ein bildstarkes Solo, durchpulst von kontrollierter Leidenschaft.

Berüchtigt als Meister differenzierter Fußtechnik, galoppiert Angel wie ein Rennpferd mit dampfenden Nüstern durch die „Solea por Buleria“. Dabei entfacht er ein atemberaubendes Feuerwerk an Rhythmen, rhythmischen Wechseln, spielt mit variierenden Tempi, Zurufen der Musiker und des Publikums. Und kommt zum Stillstand. Versinkt nach innen gekehrt ins Spiel mit seinem Jackett, dem er, wie die Ortega ihrer Schleppe, in stets frischen, oft unerwarteten Aktionen, symbolischen Bedeutung verleiht. Je mehr sich Angel verausgabt, desto verrückter gestalten sich diese Einlagen. Geliebt für diese ekstatischen Ausbrüche und seine unnachahmliche Eleganz, explodiert die Wertschätzung beim spanischen Publikum in lauten Zurufen und vielen deutschen Bravos.

Ein fulminantes Finale, das an die Stimmung von echten andalusischen Juergas denken lässt. „Flamenco ist kein Ringelreihen sondern ein Weltkulturerbe“ hatte Mora zu Beginn der Gala betont und sich gewünscht, Stuttgart möge stolz sein auf sein Flamenco Festival. Bei den Tanz-Aficionados rennt sie damit offene Türen ein. Bei den landeseigenen Amtsschimmeln wird es noch eine Weile dauern, bevor die den Unterschied der Tanzkunst zum Showbusiness erkennen und anerkennen. Oder glauben sie, dass ein immaterielles Weltkulturerbe ohne materielle Unterstützung erhalten werden kann?

Veröffentlicht am 30.07.2013, von Leonore Welzin in Homepage, Kritiken 2012/2013

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