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Dresden

DAS BESTE ZUM SCHLUSS

Stimmungsvolles Finale für „Street Culture@Hellerau"



Boris M. Gruhl berichtet von dem stimmungsvollen Fesivalfinale "Street Culture@Hellerau"


  • Abschlussparty in Hellerau Foto © Peter Fiebig
  • Kocani Orkestra Foto © stephan floss
  • Niels „Storm“ Robitzky Foto © Dirk Korell
  • Express Brass Band aus München zu Gast in Hellerau Foto © Peter Fiebig

Am Sonnabend zum Finale waren sie auch angekommen auf dem Platz vor dem Festspielhaus in Hellerau: die drei französischen Stadtbesetzer „boijeot.renauld.turon“. 15 Tage lang stellten sie ihre spartanischen, selbstgezimmerten Möbel samt Betten an verschiedenen Orten der Stadt auf, „Street Art“ als temporäres Leben auf der Straße. Man konnte vorbei gehen oder sich setzen, ganz müde Stadtwanderer legten sich auch mal kurz hin. Die Aktion zog ihre Spur vom Hauptbahnhof durch die Altstadt, innere und äußere Neustadt und machte dann einen Sprung mit der Straßenbahn Linie 8 von der Schauburg nach Hellerau.

Immerhin: die Wirkung einer solchen Aktion dürfte eher subversiv, weniger agitatorisch sein. Allein um solcher Fragen willen wie diesen, ob denn wirklich jeder wohnen könne wo und wie er wolle, was und wie viel man dazu brauche. Angesichts der stimmungsvollen Bilder − gerade nachts in der Neustadt − stellt sich die Frage danach, ob Dresden mehr öffentliche Kommunikationskunst vertragen könnte, eigentlich nicht mehr. Zum Festivalfinale wurde natürlich auch getanzt, zunächst im Festspielhaus, im großen Saal, ganz ordentlich und ganz korrekt.

Oder doch nicht? Allein die unterschiedlichen Angaben zur Spielzeit des Stückes „ZEYBrEaKS“ machten stutzig, 60 oder 40 Minuten? Es waren weniger, es war auch eine abgespeckte Variante des Projektes von 2009 als Neufassung für Hellerau. Damals ein Duo, heute ein Solo von Kadir Memis, als Künstler „Amigo“. Amigo mischt tänzerische und musikalische Traditionen seiner westanatolischen Heimat mit denen seiner Berliner Heimat. Das sind Anklänge an beschwörende Rituale und das sind geschmeidige Varianten des HipHop. Manchmal hat man den Eindruck, der rechte Arm wolle hippen, der Rest des Körpers verweigere sich, die Anklänge der „fremden“ Folklore für den Türken in Deutschland seien stärker als ihm selbst bewusst ist. Amigos Tanz ist ein Balanceakt, ein ZickZack, ein Gang durch Labyrinthe. Der HipHopper mit der Petroleumlaterne aus dem Partisanenkampf, dazu schöne Musik, exotisch, folkloristisch, zu schön vielleicht. Und wenn sich der Tänzer seinen Stil aus eigens gewaschenen, weißen Kieseln erkiest hat, dann ist auch alles wieder gut. HipHop fürs Wohnzimmer, geschmeidig, elegant. Gewollt komisch ist nur die Schreibweise: „ZEYBrEaKS“ in Anspielung auf Riten der Zeybeken in Anatolien und auf die der coolen Jungs vom Kitz in Berlin.

Dann hatte er seine Bühne: Niels „Storm“ Robitzky, der Vater des deutschen HipHop, der Mann, der es ins Guinness Buch der Erfolge schaffte, dessen Kunst bereits Dresdens damaliger Ballettchef Vladimir Derevianko irgendwie schätzte und ihm 1999 erstmals für „Phonkee Town“ die Bühne der Semperoper frei machte. Amigo war damals auch schon dabei. Zwei Jahre später noch einmal Storm in der Semperoper. Mit „Solo For Two“ erntete Storm den Sturm des Publikums; begeistert ein Teil, voll wütender Ablehnung der andere. Jetzt in Hellerau, gut platziert zum Finale des Festivals, keine Frage, da jubeln die Fans. Das Stück heißt „28 Jahre in 28 Minuten“ und der nunmehr 44 Jahre alte Tänzer hippt und breakt durch die Minutenstationen seiner 28 Tanzjahre mit voller Kraft. Storm zelebriert mit der Akkuratesse eines Roboters sein HipHop Kabarett und tanzt sich so in dieser Produktion von 2011 seine wohlverdiente Hommage am besten selbst.

Dann aus dem Festspielhaus heraus in den Sommerabend. Jetzt bringt die Linie 8 noch mal neues Publikum, tagsüber hatten die Musiker der Münchner Express Brass Band und der des Mazedonischen Kocani Orkestar schon mal Kostproben in der Stadt gegeben und jetzt geht erst mal so richtig die Post ab vor dem Festspielhaus. Jetzt können alle tanzen, viele tun es, manche wippen, andere sehen zu und genießen. Die Stimmung ist toll, warum auch nicht, Humor mit Blech aus Bayern und Gipsy-Sound a là Kosturica vor Helleraus Gesamtkunstwerkfassade macht beste Feierlaune. Wenn es dann weiter geht im großen Saal ist auch die Bühne frei für alle, auf dem Podium jetzt Jagwa Music aus Tansania. Jetzt wird getrommelt was das Zeug hält, es wird gesungen, was die Stimme aushält. Irrwitziges Tempo, im Kommerzdschungel kaum zu unterscheidender Moden sogenannter Weltmusik, hier ein umwerfend authentisches Klang- und Showerlebnis. Jetzt ist es weit nach Mitternacht, in Hellerau wird immer noch gejazzt, gerockt, getanzt, ganz im Sinne des Festivals: „Street Culture@Hellerau“.

Veröffentlicht am 08.07.2013, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Kritiken 2012/2013, Tanz im Text

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