HOMEPAGE



Hamburg

IRRWEGE AUF AFRIKANISCH

„Afridyssey“ von Jessica Nupen im Hamburger Sprechwerk



Jessica Nupen, blond und weißhäutig, geboren in Johannesburg, studierte an der Rambert School of Ballet and Contemporary Dance in London und arbeitet jetzt als freie Tänzerin und Choreografin. „Afridyssey“ ist ihre erste größere Produktion in Hamburg


  • "Afridyssey" Foto © Sam Jost

Das Wortspiel aus „Afrika“ und „Odyssey“ ist natürlich Absicht – in dem Stück der 27-jährigen Südafrikanerin Jessica Nupen, die seit sechs Jahren in Deutschland lebt, geht es um die Irrwege, die Afrikaner gehen müssen, wenn sie Apartheid und Repression entgehen wollen. Wenn sie nach Europa kommen, in eine ganz andere Kultur, in ein Land, wo Fremdenfeindlichkeit und Arroganz dominieren, wenn man es als Schwarzafrikaner erlebt.

Jessica Nupen, blond und weißhäutig, geboren in Johannesburg, studierte an der Rambert School of Ballet and Contemporary Dance in London und arbeitet jetzt als freie Tänzerin und Choreografin. „Afridyssey“ ist ihre erste größere Produktion in Hamburg. Das Anliegen, das sie mit dem Stück verfolgt, ist hoch aktuell und mehr als berechtigt. Es beginnt mitten in Afrika mit der Geburt eines Kriegers, der – warum auch immer – in der Großstadt landet (im Hintergrund über Video-Projektion dargestellt), erst Apartheid und später Unterdrückung erlebt, schließlich auswandert und somit vom Regen in die Traufe kommt.

Nupen schildert das alles anfangs sehr kraftvoll, mit vielen an afrikanische Tänze erinnernden Schritten, bodennah, erdverbunden. Drei Frauen (darunter die in Hamburg erkennbar klassisch ausgebildete und früher beim Ballett Lüneburg engagierte Yarica an der Osten als einzige Weiße neben der Choreografin selbst) und drei Männer, alle erkennbar hochprofessionelle Tänzer, schaffen hier eine dichte Atmosphäre, die auch Raum für Humor lässt (köstlich der Streit zwischen den beiden schwarzen Frauen, die sich gegenseitig angiften und schlecht machen). Danach aber flacht das Stück ab, man versteht den Fortgang der Dinge nicht mehr so richtig. Vor allem aber erschöpft es sich tänzerisch in Wiederholungen – mal allein, mal zu zweit, mal zu sechst oder zu siebt getanzt. Was am Anfang noch als kreative Bewegungssprache fesselt, langweilt nach der fünften Wiederholung einfach. Am interessantesten sind da noch die zwischendurch eingespielten Videointerviews, die Nupen mit zwei in Hamburg lebenden Afrikanern geführt hat und die mit lakonisch-trockenem Galgenhumor über ihre Erlebnisse mit Deutschen berichten.

Schade – denn Jessica Nupen hat ihr Projekt mit viel Idealismus und Zielstrebigkeit verfolgt und musste es weitgehend selbst finanzieren. Inhaltlich ist es zudem mehr als aktuell und wichtig. Vielleicht hätte sie mit etwas mehr Unterstützung auch mehr Zeit und mehr Geduld gehabt, an der Choreografie zu feilen und noch mehr Kreativität zu entwickeln. Das Zeug dazu hat sie, und die Tänzer hätte sie durchaus noch mehr fordern können. Umso unverständlicher, dass die Intendanz der Kampnagel-Fabrik ihr – wie einem Bericht im Hamburger Abendblatt zu entnehmen war – keine Chance gegeben hat. Dort sieht man künstlerisch oft weitaus dürftigere Werke, gerade in den alten Fabrikhallen wäre ihr Stück auch optisch gut aufgehoben gewesen und hätte die K2 mit Sicherheit ebenso gefüllt wie jetzt an drei ausverkauften Abenden das Hamburger Sprechwerk.

Bleibt zu wünschen, dass Jessica Nupen nun vielleicht doch mehr Aufmerksamkeit zuteil wird und sie die Chance bekommt, ihr Können noch besser unter Beweis zu stellen.


Zwei weitere Aufführungen folgen noch am 1. und 2. November 2013, wieder im Hamburger Sprechwerk (www.hamburgersprechwerk.de

Veröffentlicht am 29.06.2013, von Annette Bopp in Homepage, Kritiken 2012/2013

Dieser Artikel wurde 2458 mal angesehen.



Kommentare zu "Irrwege auf afrikanisch"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    TANZ 30: ORFEO ED EURIDICE

    Chr.W. Glucks Oper als Ballett - Choreographie von Marcos Morau
    Veröffentlicht am 16.02.2019, von Anzeige


    SKULPTURENKRIEGER

    Fotoblog von Dieter Hartwig
    Veröffentlicht am 14.02.2019, von Dieter Hartwig


    VAN DIJK | EYAL

    Am 15. Februar 2019 feiert das Staatsballett Berlin die Premiere von van Dijk | Eyal in der Komischen Oper Berlin.
    Veröffentlicht am 12.02.2019, von Anzeige



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    STANDPUNKT.E – WELCOME TO MY WORLD

    Cristina Caprioli lädt im Februar ein in ihre Welt

    Die von der Tanztendenz entwickelte Reihe STANDPUNKT.e hat in diesem ihr 10-jähriges Jubiläum. STANDPUNKT.e macht künstlerisches Arbeiten selbst zum Thema.

    Veröffentlicht am 28.01.2019, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion


    RAUSCHEN VON SASHA WALTZ & GUESTS

    Uraufführung am 7. März 2019 in der Volksbühne Berlin
    Veröffentlicht am 01.02.2019, von Anzeige


    EISENACHS BALLETT BESPIELT AUCH DAS MEININGER STAATSTHEATER

    „Verschwundenes Bild“ von Andris Plucis forscht dem Alltagsleben in der DDR nach
    Veröffentlicht am 07.02.2019, von Volkmar Draeger

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    DEM RUF GEFOLGT

    Der Tänzer und Choreograf Georg Reischl wird ab der Saison 2019/2020 Chefchoreograf am Theater Regensburg

    Veröffentlicht am 17.01.2019, von Pressetext


    RAUM, KLANG, TANZ

    Initiation der Elbphilharmonie-Foyers mit Sasha Waltz & Guests' „Figure Humaine“

    Veröffentlicht am 02.01.2017, von Annette Bopp


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper

    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion


    ABSCHIED VON JEAN CÉBRON

    Der Tänzer, Choreograf und Pädagoge verstarb am 1. Februar

    Veröffentlicht am 02.02.2019, von tanznetz.de Redaktion


    "DIE CHANCE DES THEATERS LIEGT IM ALTEN"

    Interview mit Marco Goecke

    Veröffentlicht am 04.02.2019, von Alexandra Karabelas



    BEI UNS IM SHOP