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Gera

SCHWARZER SCHWAN UND HELLE FREUDE

Silvana Schröders Sicht auf einen Klassiker mit dem Staatsballett Thüringen



Silvana Schröder hat in Gera den Ballettklassiker neu in Szene gesetzt.


  • "Schwarzer Schwan" von Silvana Schröder: Alina Dogodina (Odile) und Hudson Oliveira (Siegfried) Foto © Stephan Walzl
  • "Schwarzer Schwan" von Silvana Schröder: Stefania Mancini (Weißer Schwan / Odette) Bildmitte am Boden Damen und Herren des Thüringer Staatsballetts (Weiße Schwäne) Foto © Stephan Walzl
  • Silvana Schröders "Schwarzer Schwan" von Silvana Schröder: Stefania Mancini (Weißer Schwan / Odette) Bildmitte Damen und Herren des Thüringer Staatsballetts (Weiße Schwäne) Foto © Stephan Walzl
  • Stefania Mancini als Odette / Weißer Schwan in Silvana Schröders "Schwarzer Schwan Foto © Stephan Walzl

Thüringen hat nun ein Staatsballett. Ballettchefin ist Silvana Schröder, die Kompanie hat 22 Tänzerinnen und Tänzer, das Publikumsinteresse ist gut. Es war an der Zeit dem auch entgegenzukommen und ein klassisches Werk ins Repertoire zu nehmen, einen großen Abend mit Orchester. Die Wahl fiel auf Tschaikowskys Dauerbrenner „Schwanensee“, dass Silvana Schröder eine eigene Sicht präsentieren und choreografieren würde war klar, so war das Theater am Premierenabend bestens besucht.

Das gespannte Publikum wurde offensichtlich nicht enttäuscht, denn am Ende brandeten der Kompanie den Tänzerinnen und Tänzern, dem gesamten Inszenierungsteam herzliche Beifallsstürme entgegen. Und dies obwohl oder gerade weil Silvana Schröder eine wirklich besondere Geschichte erzählt. Sie nutzt aber dennoch weitestgehend die Grundlagen des Stückes und am Ende ist sie sehr nahe bei der Musik Tschaikowskis, für den es darauf ankam auch in seinen Ballettmusiken, nicht zuletzt mit der kreisenden Kunstform des Walzers, etwas davon auszudrücken, „dass das Leben ein dauernder Wechsel von dunkler Wirklichkeit und vagen Träumen vom Glück ist.“ So der Komponist in einem Brief an Nadezhda von Meck, und so der Ansatz für die sehr eigene, auch eigenwillige, daher aber spannende Sichtweise.
Den dem Stück eigenen Wechsel von Hell und Dunkel, von Träumen und Realität, von Glück und Unglück stellt die Geraer Kreation in einer harten Geschichte dar: Sie ist unerbittlich über weite Strecken regelrecht brutal. Vorherrschende Farben sind schwarz und weiß; mit Schwarz-Weiß-Malerei hat das nichts zu tun. Ausstatter Andreas Auerbach hat einen großen Raum entworfen, der von einer mächtigen Spiegelwand begrenzt wird, die sich senken und über dem Tanz schweben kann. Die Szene bleibt daher stets etwas bedrohlich, zum anderen lösen die verschwimmenden Spiellungen die Härte des Geschehens träumerisch auf.

Es geht um einen brutalen Vater und eine Tochter, die nicht anders von ihm loskommt, als ihn am Ende zu ermorden, was sie in den Wahnsinn treibt. Das ist Odile, der schwarze Schwan, ihr Sehnsuchtsspiegel ist Odette der weiße Schwan, dazwischen Siegfried der junge Mann und das alles bei den Festen inmitten einer Partygesellschaft oder in den sogenannten weißen Traumbildern einer trügerischen Unschuldsidylle. Natürlich drängt sich die Frage auf, wie sich eine solche Handlung zur tänzerischen Musik von Tschaikowski erzählen lässt und was erinnert noch in der Choreografie von Silvana Schröder an die Romantik des klassischen Balletts?

Zunächst ist die Musik ist ja gar nicht immer so tänzerisch. Sie ist mitunter sehr melancholisch, sehr traurig. Tschaikowskys Walzer können eben auch todestrunkene Tänze sein, wie Strudel, in denen sich Menschen rettungslos und hoffnungslos verlieren.

Man hätte sich allerdings eine sensiblere und weniger krachende Wiedergabe seitens des Orchesters unter Jens Troester gewünscht. In der Choreografie wird das klassische Material durchaus eingesetz: der Spitzentanz, die Motive der weißen Schwäne, das Fest, hier eben als Party. Aber die Akzente sind anders. Die beiden Frauen tanzen jeweils zunächst nicht in Spitzenschuhen, erst wenn sie ihre Situationen verändern, dann erheben sie sich gewissermaßen.

Wenn Odile mit Siegfried tanzt, dann sieht man auch Anklänge an die Maßgaben der klassischen Pas de deux, aber die Hebefiguren sind extrem, denn Odile widerstrebt jede Nähe, das sind eher Fluchtbewegungen bei ihr. Das muss nicht immer „gut“ aussehen. Die edle klassische Form wird hart gebrochen, was den Brüchen in den Charakteren der Personen entspricht.

Es wird auch ausgereizt wie weit sich heutige Erfahrungen mit den Tanztechniken der Vergangenheit ausdrücken lassen. Es werden auch heutige Tanzarten eingeführt. Und das Ganze mit einer grandios aufgelegten Kompanie von 22 Tänzerinnen und Tänzern, die − wie schon gesagt − stürmisch gefeiert werden: Besonders zu nennen sind die Leistungen der Solistinnen und Solisten, Hudson Oliviera als Siegfried, sprungfidel Yaosheng Weng als sein Freund, die zerbrechlich, sensible Stefania Mancini als Odette, furios, besessen von negativer Kraft. Auch bemerkenswert sind Vitalij Petrov als Rotbart und vor allem die wahnsinnig expressive Tänzerin Alina Dogodina als schwarzer Schwan Odile, am Ende so schmerzhaft einsam, die Haltung der Arme, als wären es gebrochene Flügel und körperliches Abbild einer gebrochenen Seele.

Im Detail gibt es minimale nicht ganz so glückliche Lösungen, etwa eine weitere Persiflage des Tanzes der vier kleinen Schwäne − hier als tollpatschige Küken − oder schwieriges Hantieren mit rollenden Sitzgelegenheiten. Den Gesamteindruck mindert das nicht. Die erste Saison des Staatsballetts in Thüringen geht mit einem Erfolg zu Ende, man ist gespannt auf weitere Entwicklungen und hofft auf eine Erweiterung der Kompanie, zwei weitere Positionen könnten schon mittlere Wunder bewirken.

Veröffentlicht am 08.06.2013, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Kritiken 2012/2013, Tanz im Text

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