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Heilbronn

SCHWERE JUNGS UND LEICHTE MUSE

Nadja Raszewskis „Gated Community“ begeistert das Publikum



„Gated Community“, eine Choreografie mit Gefangenen, die vier Wochen lang unter Leitung der Choreografin Nadja Raszewski Zeit hatten zum Nachdenken, zum Tanzen und Improvisieren. Ein Dutzend Freiwillige haben sich für das Projekt angemeldet, acht haben durchgehalten.


  • "Gated Communty" . Ein TanzTheater-Projekt mit Insassen der Justizvollzugsanstalt Heilbronn. Künstlerische Leitung: Nadja Raszewski Foto © Theater Heilbronn
  • "Gated Communty" . Ein TanzTheater-Projekt mit Insassen der Justizvollzugsanstalt Heilbronn. Künstlerische Leitung: Nadja Raszewski Foto © Theater Heilbronn
  • "Gated Communty" . Ein TanzTheater-Projekt mit Insassen der Justizvollzugsanstalt Heilbronn. Künstlerische Leitung: Nadja Raszewski Foto © Theater Heilbronn

Heilbronn „Heute muss immer alles schnell gehen. Man hat gar nicht mehr die Zeit, sich über etwas richtig Gedanken zu machen und handelt nur noch. So entstehen Fehler.“ Der Versuch einer Erklärung, gar Rechtfertigung, bringt den inhaftierten Marco zur Einsicht: „Im Knast hat man nicht viel… aber Zeit“. Wie gemeißelt steht dieser Satz am Ende der Performance „Gated Community“, projiziert auf die Gruppe der Gefangenen, die vier Wochen lang unter Leitung der Berliner Choreografin Nadja Raszewski Zeit hatten zum Nachdenken, zum Tanzen und Improvisieren. Ein Dutzend Freiwillige haben sich für das Projekt angemeldet, acht haben durchgehalten.

Das hat ihnen zwar viel Spaß gemacht, wie sie bekunden, aber auch reichlich Spott von Mithäftlingen eingebracht, weshalb sie sich dagegen entschieden haben, vor den Inhaftierten aufzutreten. Sie haben täglich vier Stunden geprobt, irgendwann erkannt, dass in der gemeinsamen kreativen Körperarbeit etwas Wertvolles entsteht, das es zu schützen gelte, so Raszewski. Vier Wochen später, bei der Premiere in der Sporthalle der JVA werden sie vom Publikum regelrecht gefeiert. 150 Zuschauer applaudieren im Stehen und sind des Lobes voll: „Ich war bewegt und hatte Tränen in den Augen“, „Ich bewundere, dass ihr euer Gesicht zeigt. Hut ab!“, „Das war einfach fantastisch!“.

Senkrechte Striche rennen in endlosen Reihen über eine Wand aus Tischen. Begleitet vom Takt aus Alltagsgeräuschen (Türen schließen, Geschirrgeklapper) laufen sie mal langsamer, mal schneller. Strichcodes, die Muster bilden. Dünne und dicke Stäbe, die sich vermehren, bis die ganze Fläche damit voll und schwarz ist, um sich langsam wieder zu lichten. Der Prolog, ein abstraktes Formenspiel der Videokünstlerin Marion Tränkle, symbolisiert subjektive Zeiterfahrungen ebenso wie das Eingesperrtsein.

Das Stück, das leise beginnt, nimmt mit dem Song „That’s all!“ (Genesis) Fahrt auf. Einer nach dem anderen präsentiert sich: frontal, Profil links, Profil rechts, tritt ab. Ein filigranes Spiel der Hände entwickelt sich an der Oberkante der Wand aus Tischen; kaum zu glauben, dass diese Hände zu Verbrechern und Mördern gehören. Ausgeschnittenes Papier taucht auf, es entfalten sich Herzen, Figuren, Ornamente. Die Tische bilden immer neue Konstellationen im Raum, sind Doppelstockbett, Laufsteg und Hindernisparcours. Dynamische Passagen wie einander Jagen (zu einem entsprechenden Text über Jäger und Beute) oder Stockkampf-Sequenzen wechseln mit ruhigeren. Einzelne Talente wie Breakdance, Capoeira oder eine Stock-Jonglage werden eingebaut. Der Älteste der Gruppe (26 bis 56 Jahre) nimmt sich der Grimms Märchen an, lässt „Der undankbare Sohn“ und „Das eigensinnige Kind“ in seine Muttersprache Englisch übersetzen, um sie wie eine Predigt vorzutragen.

Hat der Tanz ein Stück innere Freiheit zurückgebracht? Acht schwere Jungs bewegen sich so leicht und geschmeidig, als seien sie von der Muse beflügelt. Lebende Skulpturen werden auf- und umgebaut. Immer wieder gibt es Szenenapplaus für das freie, kreative Spiel hinter Gitter, Gatter und Gate. „Gated Community“ ist ein Stück mit Tiefgang, voll Emotion, Präsenz, und der einzige Beitrag, der dem auffordernden Namen des Festivals „Tanz! Heilbronn“ gerecht wird. „Wie wird es weitergehen?“, wollen die Zuschauer, wollen die Teilnehmer wissen. Nadja Raszewski hat dazu konkrete Vorschläge gemacht, bleibt abzuwarten, was daraus wird. Zu schnell wird dem Tanz als flüchtiger Kunst jegliche Nachhaltigkeit abgesprochen. Sollten wir uns nicht die Zeit nehmen, um darüber einmal in Ruhe nachzudenken?

Veröffentlicht am 13.05.2013, von Leonore Welzin in Homepage, Kritiken 2012/2013, Tanz im Text

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Kommentare zu "Schwere Jungs und leichte Muse "



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