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Heilbronn

ZEITGENÖSSISCHER TANZ AUS ISRAEL

Tanz! Heilbronn: „Big Mouth“ und „Ship of Fools" faszinieren die Fans im Komödienhaus.



Niv Sheinfeld und Oren Laor aus Israel sorgen für einen nachdenklichen und tragikomischen Tanzabend im Heilbronner Komödienhaus


  • Niv Sheinfeld und Oren Laors "Big Mouth" Foto © Niv Sheinfeld und Oren Laor

In kaum einem Land ist die kulturelle Tradition so stark und ungebrochen mit dem Tanz verbunden, wie in Israel. Die ZDF-Produktion „Let’s dance! Israel und der moderne Tanz“ zeigt diese Verwurzelung und Entwicklung vom Volkstanz im ersten Kibbuz über Tanzpioniere wie Gertrud Kraus, Martha Graham und die Batsheva Dance Company bis in die Gegenwart. Mittels Archiv-Material und Zeitzeugen (Tänzer, Choreografen, Kritiker und Journalisten) gibt der Film Einblick in die Geschichte der Tanzkunst Israels, die abseits vom klassischen Ballett, ihre Themen aus dem gesellschaftlichen, politischen und religiösen Leben bezieht. Probleme wie Sexualität, die Heimatfrage, der Stellenwert des Militärs sind auch Aspekte, die in den Stücken von Niv Sheinfeld (Tänzer/Choreograf) und Oren Laor (Schauspieler/Dramaturg) eine wichtige Rolle spielen. Der Film in den Kammerspielen gibt hervorragende Hintergrund-Informationen zum Tanz-Verständnis des nachfolgenden Abendprogramms im Komödienhaus.

Das halbstündige Werk „Big Mouth“ des Duos Sheinfeld/Laor aus Tel Aviv beginnt mit Klezmermusik, die an folkloristische Tänze im Kibbuz erinnert. Die Bühne ist leer. Die Musik verstummt mit dem Auftritt der zwei Tänzer und einer Tänzerin. Im Gleichschritt durchmessen sie die Bühne. Lockerer Armschwung, gerade Haltung und flottes Marschtempo signalisieren: gelernt ist gelernt. Jeder Israeli (außer ultraorthodoxe Juden) ist zum Wehrdienst verpflichtet, Frauen zwei, Männer drei Jahre. Ergebnis sind nicht nur muskulöse Körper, gute Kondition, Disziplin und Präzision (wie beispielsweise der ohne Musik perfekt synchronisierte Gehrhythmus), sondern auch eine sensibilisierte Einstellung gegenüber Militarismus.

Grundthema des Werks ist das Verhältnis von Individuum zum Kollektiv. Es wird in vielfältigen Variationen durchdekliniert bis der Wunsch nach individueller Unabhängigkeit in einem stummen Schrei der Protagonistin Keren Levi kulminiert. Der minutenlang aufgerissene Mund, unterlegt von einer Musik, die nach Vangelis‘ „Conquest of Paradise“ klingt, soll weniger sexuell animieren, als alarmieren, wie im Nachgespräch erläutert wird: Komponiert von einem ehemaligen Offizier, sei der hebräische Text in seiner heroisierenden Militanz abzulehnen, während der pathetisch suggestive Sog des Klangs mitreiße, so Laor. Eine Zwickmühle also, deren politischer Inhalt sich allerdings ohne Textverständnis nicht erschließt, dennoch in seiner intensiven Expressivität beeindruckt.

Gehört „Big Mouth“ eher in die Kategorie physisches Theater, ist „Ship of Fools", angelehnt an Sebastian Brants spätmittelalterliche Allegorie „Das Narrenschiff“, ein abendfüllendes Stück Tanztheater. Ebenfalls ein Trio des Choreografen-Duos Sheinfeld/Laor, joggen, tanzen, spielen, parodieren und musizieren Sascha Engel, Uri Shafir und Anat Grigorio, deren strahlendes Lachen und körperliche Präsenz an Sissi Perlinger erinnern. Man weiß nicht so genau wohin der Kahn ohne Kapitän schippert. Ein Lied, bei dem die Gitarre zum Maschinengewehr wird. Ein Schnappschuss, der an Guantanamo-Fotos erinnert. Eine Ballett-Übung, die den klassischen Tanz persifliert oder eine Grabrede zu Lebzeiten. Zufällige Begegnungen münden in Sackgassen, tragikomische Momente, an denen hin und wieder auch das Publikum teil hat. Viel Applaus und ein angeregtes Nachgespräch runden den gelungenen Abend ab.

Veröffentlicht am 12.05.2013, von Leonore Welzin in Homepage, Kritiken 2012/2013, Tanz im Text

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Kommentare zu "Zeitgenössischer Tanz aus Israel"



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